Ein Produkt der  
Die grösste Wochenzeitung im Fricktal
fricktal info
Verlag: 
Mobus AG, 4332 Stein
  Inserate: 
Texte:
inserat@fricktal.info
redaktion@fricktal.info
Fricktalwetter
Klarer Himmel
12.4 °C Luftfeuchtigkeit: 64%

Samstag
9 °C | 22.1 °C

Sonntag
7.4 °C | 20.8 °C

Neophytenbekämpfung verfehlt Naturschutz (Leserbrief)

Von Jürg Keller, Rheinfelden

Zum Artikel von Sonja Fasler (31.7.24): Invasive Neophyten: Ein Appell an die Vernunft

Es ist rührend, wie im Fricktal Plastiksäcke für das Einsammeln von Neophyten verteilt werden. Nur: Macht dies wirklich Sinn ? Dazu Folgendes:

Europa verlor in den letzten Eiszeiten viele seiner Arten, weil diese nicht nach Süden ausweichen konnten. An drei Riegeln scheiterte die Flucht: An den W-E streichenden Hochgebirgen, am Mittelmeer und an der Sahara. Nordamerika aber offerierte über die mittelamerikanische Landbrücke eine Fluchtmöglichkeit. Nach den Eiszeiten kehrten die ausgewanderten Pflanzen wieder in die USA zurück, in Europa waren aber viele Arten endgültig verloren. In Nordamerika gibt es deshalb etwa viermal mehr Baumarten als in Europa. Aus diesem Grund  ist das Artennetz hier viel weniger dicht gewoben, Einwanderer finden also leicht einen geeigneten Standort. Diese Neophyten  werden  durch den globalen Handel und durch die Klimaerwärmung immer zahlreicher.  Bei Losone (TI) sind jetzt oft die Hälfte der Arten süditalienische Einwanderer.

Wenn man diese verhindern will, muss unser Pflanzenteppich so dicht gehalten werden, dass Neophyten keinen Platz finden: Weitaus am meisten offene  Standorte stellt aber die maschinelle Forstwirtschaft mit ihren sog. Flächenhieben zur Verfügung. Und dieses Angebot wird von Neophyten auch rege benützt. In den Waldlöchern deckt  das rosa Springkraut oder die Kanadische Goldrute rasch die freigelegten Flächen. Andernorts  bilden sich schnell mannshohe Gestrüpphaufen mit der  Armenischen Brombeere, denen kein Jungbaum mehr entwachsen kann. Wollte man die Neophyten wirksam bekämpfen, müsste also der Kanton in allererster Linie die Forstwirtschaft  zu naturnahem Waldbau verpflichten. Dann wäre das Neophytenproblem an der Wurzel  - und nicht nur in Plasticsäckchen  - gepackt: Den Beweis liefert der Wald bei Hirschthal/Muhen: Durch konsequent naturnahe Waldbewirtschaftung finden sich dort keine (aber wirklich keine!) Neophyten, und dies  mit   schwarzen Zahlen in der Waldrechnung. Die Frage, die niemand im Kanton ehrlich zu beantworten wagt: Warum löst man das Neophytenproblem  Problem nicht  mit einer wirksamen  Lösung, die man schon  kennt – und weicht stattdessen auf  Plastiksäckchen aus?

Die Schweiz ist seltsam hyperaktiv bei der Verfolgung von Neophyten. Was sie sonst liebend gerne der EU unter die Nase reibt, betreibt sie hier selber: Eine Überregulierung eines Vorganges, der letztlich wegen der Klimaerwärmung nie ganz beherrschbar sein wird . Am Beispiel des Kirschlorbeers kann dieser seltsame Übereifer gut gezeigt werden: Kirschlorbeer ist eine ideale Heckenpflanze, die zudem für den Klimawandel bestens gerüstet ist. Sie stammt aus dem innern Balkan, ist also für tiefe und sehr hohe Temperaturen eingerichtet, übersteht unsere berüchtigten Spätfröste ebenso gut wie die Sommertrocknis, kann wegen ihrer immergrünen Blätter auch in unsern zunehmend warmen Wintern photosynthetisieren, kratzt nicht, aber hat einen kleinen Nachteil: ihre Blätter sind leicht giftig. Es weiss nur niemand, wieviele Blätter jemand verspeisen muss, bis diese Giftigkeit wirksam wird. Die weit giftigeren Eibenhecken werden seltsamerweise nicht verboten: Die Jagd auf den Kirschlorbeer gleicht also einer Hexenjagd. Aber schon wittern Gärtner ein Geschäft: Kirschlorbeere ausreissen und mit Eibe oder Stechpalme ersetzen. 

Hier aber kann doch noch Vernünftiges vermeldet werden: Wer schon Kirschlorbeeren im Garten stehen hat, darf diese behalten. Und wer bis am 31. August einen kauft, darf ihn auch erst im September pflanzen. Und zuletzt: Die vielgescholtene EU kennt das Verkaufsverbot für Kirschlorbeeren nicht. Die Schweiz ist dabei natürlich souverän, und darf folglich ganz eigenständig überregulieren.