Von Patti Basler, Baden/Zeihen
Letzthin wurde ich gefragt, ob ich Neujahrswünsche schreiben würde für das Fricktal. Ich tat es mit Freuden. Das Fricktal ist meine Heimat, dort habe ich leben, laufen und lieben gelernt. Ein Tal, bestehend aus kleinen Bauerndörfern, wo man sich und die Nachbarn meist noch kennt. Seit Generationen. Und wie in jedem anständigen Tal gibt es Fehden zwischen den Nachbardörfern. Wer einmal einen Turnerabend in meinem Heimatort Zeihen besucht, erlebt diese freundeidgenössische Neckerei am eigenen Leibe. Da wird gefrotzelt, geschimpft und mit Fluchwörtern nicht gespart. Obwohl die Bözer Gäste am lautesten klatschen und einen guten Teil des Abends finanzieren mit ihren Konsumationen. Am Bözer Turnerabend ist es nicht anders und es kommt alles zurück. Diese neckische Hassliebe, gespickt mit etwas Lokalpatriotismus, macht das Fricktal, macht den Aargau und die ganze Schweiz aus. Ob es nun um Zeihen und Bözen, Zürich und Basel oder Zollikerberg und Binzenhofquartier geht. Deshalb wählte ich für meine Neujahrswünsche als Rahmengeschichte die Anekdote, dass früher unsere Nachbarn in Bözen als «reformierte Sauhunde» bezeichnet worden seien. Man sagte ihnen nach, dass sie nicht schwimmen können, weil sie raffgierige Bewegungen zum Körper hin machen, statt vom Körper weg. Diese feindlichen Anwürfe haben historische Gründe. Bözen gehörte zu den reformierten Bernern, Zeihen zu den katholischen Habsburgern, eine geschichtliche und konfessionelle Grenze direkt auf dem Feld hinter unserem Bauernhof. Heute weiss ich, dass die Raffgier gleichmässig verteilt ist bei den Konfessionen, und dass die Vorurteile und Klischees nur noch als lustige Anekdoten am Turnerabend kursieren. Selbst politisch ist man inzwischen so offen, dass man zu gemischt konfessionellen Gemeinden fusioniert. Bözen heisst jetzt Böztal und hat sich eine katholische Gemeinde einverleibt. So viel Offenheit gab es vor dreissig Jahren noch nicht im Fricktal. Auch dies erwähnte ich in meinem Neujahrswunsch. Und dass meine Eltern erstaunlich offen seien, obwohl ich ja vom Bauernhof komme. Ich könnte alles nach Hause bringen, hätten sie mir versichert, einen Moslem, einen Schwarzen, eine Frau … nur keinen reformierten Sauhund von Bözen!
Selbstverständlich haben meine Eltern nie ernsthaft etwas Derartiges gesagt. Sie erzählten dies im Scherz, obwohl es einen traurigen Hintergrund hatte. Denn nur eine Generation früher galten gemischt-konfessionelle Freundschaften als verbotene Liebe.
Meine Familie verkehrt zum Glück freundschaftlich mit den Nachbarn, man ist ja aufeinander angewiesen. Man tauscht Maschinen, Vieh und Land, der Tierarzt war aus Bözen, einige Handwerker ebenfalls und der Hofladen bei der Bözer Nachbarin bietet bestes Gemüse und die schönsten Blumensträusse, welche die 360 Sonnentage in Schönheit bündeln.
Und natürlich habe ich trotz oder wegen der alten Geschichten dann und wann einen Bözer geküsst. Das erschien mir so viel besser als mit den Zeiher Katholiken. Wahrscheinlich vor allem deshalb, weil verbotene Früchte viel süsser schmecken. Und weil die Bözer diese Armbewegung zum Körper hin so elegant und bestimmt machen, dass selbst eine Zeiherin nicht widerstehen konnte.