(dl) Der Schweizerische Fischerei-Verband (SFV) wählt die Elritze zum Fisch des Jahres 2026. Dieser unscheinbare Kleinfisch ist in der Schweiz immer noch weit verbreitet. In manchen Bergseen kommt er sogar massenhaft vor. Aus vielen Gewässern sind die Elritzen allerdings verschwunden. Dieser rätselhafte Unterschied lässt sich dank neuer genetischer Forschung besser verstehen. Es gibt nämlich nicht nur eine, sondern mindestens vier verschiedene Elritzenarten in unserem Land – und sie haben ganz unterschiedliche Ansprüche an ihren Lebensraum.
Auch wenn ihr Name den meisten Menschen in unserem Land nicht vertraut ist, die Elritze ist immerhin nicht ganz so unbekannt wie die meisten der über 100 Fischarten, die heute in unseren Gewässern leben. Viele Schweizerinnen und Schweizer, die in den Alpen wandern und gern Rast machen an einem Bergsee, haben den kleinen braunen Fisch bereits gesichtet in quirligen Schwärmen von neugierigen Fischen. Im Volksmund heissen sie Butzli oder Bameli. Fischer schätzen sie, weil sie wichtige Nahrung sind für Raubfische wie Forellen oder Hechte.
Nun aber die grosse Überraschung: In unserem Land lebt nicht – wie seit jeher angenommen und gelehrt – eine Elritzenart. Es sind mindestens deren vier! Und es wird noch interessanter: Jene Art, die lange als einzige einheimische Art galt, kommt in der Schweiz gar nicht vor...
Nach heutigem Kenntnisstand sind die vier Elritzenarten, die in der Schweiz leben: Phoxinus lumaireul – Italienische Elritze, Phoxinus septimaniae – Französische Elritze, Phoxinus csikii – Donau-Elritze und Phoxinus sp. nov. – See-Elritze.
Ganz neu ist die Entdeckung der See-Elritze, die man in den grossen Voralpenseen im Einzugsgebiet von Aare und Rhein entdeckt hat.
Analysiert und beschrieben werden die Elritzenarten im Rahmen eines Projekts der Wyss Academy for Nature, das vom Kanton Bern und dem BAFU finanziert und von der Uni Bern und dem Schweizerischen Kompetenzzentrum Fischerei (SKF) umgesetzt wird. Die Forscherinnen und Forscher stützen sich dabei auf Daten der EAWAG-Projekte Projet Lac und Progetto Fiumi und eigene Befischungen.
Fatales Unwissen
Jede dieser vier Arten ist an einen spezifischen Lebensraum angepasst – vom Quellbach bis zum grossen Voralpensee. Für den Gewässer- und Fischartenschutz bedeuten diese und diverse weitere Erkenntnisse unerwartete neue Herausforderungen.
Die Artenvielfalt in Schweizer Gewässern ist offensichtlich viel grösser als bisher angenommen. Sie ist dadurch auch noch stärker gefährdet, denn Arten, die wir noch gar nicht kennen, drohen verloren zu gehen, weil wir ihre Bedürfnisse nicht verstehen – und sie deshalb nicht angemessen schützen können! Es stellt sich die bittere Frage: Wie viele Arten sind bereits verschwunden, ohne dass wir es gemerkt haben?
Anpassungsfähig und trotzdem bedroht
Elritzen gehören zur artenreichen Familie der Karpfenfische und sind ihre nördlichsten Repräsentanten. Sie haben dank ihrer beeindruckenden Anpassungsfähigkeit die halbe Welt von Irland bis zur Grenze zwischen China und Russland erobert.
Dass in den letzten hundert Jahren in der Schweiz dennoch viele Elritzenpopulationen verschwunden sind, zeigt, wie stark die Gewässerlebensräume in unserem Land unter Druck stehen und ihre ökologische Vielfalt verlieren.
Die wichtigsten Gründe dafür sind: Verlust von Gewässerlebensraum insbesondere durch Kanalisierung und die Eindolung zahlloser kleiner Bäche, unzählige Wanderhindernisse durch Schwellen und Wehre, chronische Wasserverschmutzung - von Pestiziden über Mikroplastik und Medikamentenrückstände und insbesondere im Mittelland zunehmend der Klimawandel.
Die Elritze steht für weitere Kleinfischarten in der Schweiz, deren ökologische Bedeutung bis heute unterschätzt wird oder noch nicht bekannt ist. Sie sind unverzichtbarer Teil der Biodiversität, wichtige Glieder der Nahrungskette und Bioindikatoren für die Qualität von Gewässerlebensräumen. Wenn diese Arten Probleme haben und verschwinden, weist das auf grundlegende Umweltprobleme hin, die das Wohlergehen weiterer Fischarten und Wasserlebewesen und damit die gesamte Biodiversität beinträchtigen.
Mehr wissen, wirkungsvoller schützen!
Der Schweizerische Fischerei-Verband fordert, dass der Schutz der Fische und ihrer Lebensräume konsequent gestärkt und gleichwertig mit dem Schutz anderer Tiergruppen behandelt wird. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse müssen rasch in konkrete Massnahmen umgesetzt werden – von der Gewässerrevitalisierung über die Vernetzung und Strukturierung von Lebensräumen bis hin zu einem wirksamen Management zusätzlicher Belastungen, wie Pestiziden und anderen Mikroverunreinigungen sowie zu vielen Nährstoffen. Gesunde Fischbestände dürfen kein Randthema, sondern müssen eine zentrale Voraussetzung für lebendige Gewässer und eine funktionierende Biodiversität sein.
Zitat SFV-Präsident Daniel Jositsch: «Wir engagieren uns für eine Schweiz mit lebenswerten Gewässern. Damit Fische wie die Elritzen ihre vielfältigen Lebensräume auch in Zukunft vorfinden!» Zitat SFV-Geschäftsführer David Bittner: «Umweltschutz hört leider oft an der Wasseroberfläche auf! Wir geben den Fischen eine Stimme!»
Kleine Fische, grosse Probleme
Nicht nur die Elritzen, sondern zahlreiche weitere Kleinfischarten wie Schmerlen, Gründlinge oder Strömer leiden unter dem krassen Lebensraumverlust in der Schweiz und sind vielerorts verschwunden. Der Fokus der Forschung liegt bis heute auf wirtschaftlich wertvollen Arten. Die Biologie und die ökologischen Ansprüche von Kleinfischen sind viel schlechter untersucht als beispielsweise die von Felchen und Forellen. Das erweist sich als kurzsichtig, denn auch die Jungfische wirtschaftlich wichtiger Arten leiden unter dem mangelnden Bewusstsein für die Bedürfnisse kleiner Fische.
Die aktuell grössten Probleme unserer Kleinfische sind:
• Unzählige Wanderhindernisse, die Laichwanderungen und genetischen Austausch verunmöglichen
• Verschlammung und Kolmatierung des Gewässergrunds durch Stauhaltungen und Schwallbetrieb zahlreicher Wasserkraftanlagen
• Fehlende strömungsarme Flachwasserbereiche in verbauten und kanalisierten Fliessgewässern
• Mangel an Strukturen (z.B. Totholz) als Schutz vor Fressfeinden sowie die Voraussetzung für vielfältige Lebensräume
• Klimawandel mit Wärmestress und Wassermangel bis zum Austrocknen ganzer Gewässerabschnitte und zunehmender Fischsterben
• Chronische Wasserverschmutzung durch Pestizide und weitere Mikroverunreinigungen sowie Überdüngung vieler Gewässer durch zu viele Nährstoffe