(pd) Die Winterhilfe Aargau ist auch nach Corona nach wie vor gefordert. Das beweisen die vielen Hilfegesuche. Das verwundert kaum, wenn man weiss, dass in der Schweiz rund 8,5 Prozent der Wohnbevölkerung, also über 700 000 Menschen, von der Armut betroffen sind.
Die Winterhilfe Aargau hat seit kurzem in der Person von Nicole Müller-Boder eine neue Geschäftsführerin. Wie sieht sie die Arbeit der Winterhilfe? In einem Interview gibt sie Auskunft über die Winterhilfearbeit im Kanton Aargau und ihren Start.
Wie war Ihr Einstand? Konnten Sie sich gut einarbeiten und einen Überblick verschaffen?
Nicole Müller-Boder: Meine Vorgängerin, Rosmarie Schneider, hat mich von Anfang an begleitet und arbeitet mich noch immer ein. Während ich das Tagesgeschäft inzwischen selbständig erledige, ist sie noch mit den Abschlussarbeiten (die Winterhilfe Aargau hat Geschäftsjahresabschluss per Ende Juni) beschäftigt und führt mich in diese wichtige und nicht ganz unkomplizierte Aufgabe nach und nach ein. Es gibt da noch einige Dinge, die ich wissen und lernen muss, aber Rosmarie macht das wirklich gut, und ich weiss, dass ich auch später auf sie zählen darf, wenn Fragen auftauchen. Es wird gemäss ihren Angaben ein Jahr brauchen, bis man ganz ‘drin’ ist. Aber ist interessant und spannend und ich freue mich darauf.
Wie kamen Sie zur Winterhilfe? Waren Sie schon zuvor in dieser Organisation tätig?
Nicole Müller-Boder: Ich kannte die Winterhilfe ehrlich gesagt vorher gar nicht. Die Präsidentin Martina Bircher rief mich eines Tages an und fragte mich, ob ich Lust hätte als Geschäftsführerin tätig zu sein. Wir kennen uns schon länger, und sie kannte mein Dossier. Sie war der Meinung, dass ich sehr gut dafür geeignet wäre und diese Herausforderung mir auch Spass bereiten könnte. Ich entschied mich kurzerhand der damals noch amtierenden Stelleninhaberin einen Nachmittag lang über die Schultern zu schauen, um zu sehen, was die Aufgaben und Herausforderungen sind und worum es genau geht. Als ich das Haus verliess, war für mich klar, dass ich mich offiziell auf die Stelle bewerben würde.
Corona und der Krieg in der Ukraine haben die Spendenorganisationen beeinflusst. Ist nun etwas Ruhe eingekehrt?
Nicole Müller-Boder: Ich bin erst seit Mai für die Winterhilfe Aargau tätig und kann das so deswegen noch nicht wirklich beantworten. Es ist zu früh um Vergleiche ziehen zu können. Die stark erhöhten Strompreise und die allgemeine Verteuerung des Lebens führt aber sicher dazu, dass uns täglich mehrere Gesuche erreichen. Die Arbeit geht uns also nicht aus.
Wann kann man denn die Hilfeleistung der Winterhilfe in Anspruch nehmen und wie muss man vorgehen?
Nicole Müller-Boder: Die Winterhilfe Aargau hilft bedürftigen Menschen im Kanton Aargau. Sprich, wenn jemand kurzfristig in finanzielle Schwierigkeiten gerät, kann er sich bei uns melden. Wir benötigen ein vollständig ausgefülltes Unterstützungsgesuch (auf der Webseite der Winterhilfe abrufbar) mitsamt allen nötigen Unterlagen (Merkblatt auch abrufbar). Nur so können wir Gesuche schlussendlich auch prüfen. Da wir ausschliesslich von Spendengeldern leben, sind wir unseren Gönnern schuldig, dass ihr Geld auch dort landet, wo es wirklich beansprucht wird. Ein Paradebeispiel ist die alleinerziehende Mutter, welche Teilzeit arbeitet um nebenbei ihre Kinder auch noch betreuen zu können und nun mit der erhöhten Nebenkostenabrechnung an ihre Grenzen kommt. Oder der Rentner, der sein Leben lang gearbeitet hat und nun Mühe hat mit seiner kleinen Rente die immer teurer werdenden Krankenkassenprämien bezahlen zu können.
Welche Hilfeleistung ist am meisten gefragt?
Nicole Müller-Boder: Die oben erwähnten Beispiele sind nicht einfach so entstanden. Tatsächlich sind es oft die Nebenkosten sowie die Krankenkassenprämien, welche nicht mehr bezahlt werden können. Oft haben wir auch Anfragen für Kinder, in Form von Kleidung oder Schulausrüstung.
Sind Sie überzeugt, dass es die Winterhilfe nach wie vor und auch in Zukunft braucht?
Nicole Müller-Boder: Ja, das bin ich. Wenn das Leben sich weiterhin dermassen verteuert, wird es uns sogar noch mehr brauchen. Deswegen sind wir auch auf Spendengelder angewiesen um helfen zu können, wo Hilfe benötigt wird.
Kurzportrait der neuen Geschäftsführerin
Nicole Müller-Boder wohnt in Buttwil
Sie ist 44 Jahre alt und Mutter zweier Töchter (11 und 15)
Personaltrainerin und Kursleiterin in einem Fitnesscenter
Amtierende Grossrätin (SVP)
Hobbys Sport (Volksläufe, Bergwandern, Alpinwandern)
Frau Müller wird bald ihren Lebenspartner heiraten und ab dann Frau Heggli heissen