(eing.) An einer Mittagsveranstaltung für Mitglieder des Grossen Rates stand am 13. Januar die Zukunft der familien- und schulergänzenden Kinderbetreuung im Kanton Aargau im Zentrum.
Organisiert durch den Dachverband Tagesstrukturen Mittagstisch Aargau (dtma), erläuterten Vertreterinnen und Vertreter aus Praxis, Fachverbänden und Trägerschaften den Grossräten den politischen Handlungsbedarf rund um das Kinderbetreuungsgesetz (KiBeG) und zeigten Reformoptionen mit breiter politischer Anschlussfähigkeit auf. Pia Viel, Präsidentin des dtma, stellte den Dachverband für Mittagstische und Tagesstrukturen vor und erläuterte, welche Rolle er im Aargau übernimmt. Rund 70 Kinderbetreuungsorganisationen sind dem Verband angeschlossen.
Die Veranstaltung machte deutlich: Das seit 2016 geltende KiBeG hat seine angestrebte Wirkung nur teilweise entfaltet. Eine kantonale Initialstudie zeigt, dass rund ein Drittel der Gemeinden die gesetzlichen Vorgaben nicht oder nicht wirkungsorientiert umsetzt. Die Folge sind ein Flickenteppich an Modellen, steigende Gemeindekosten und eine hohe Belastung des Mittelstands – bei gleichzeitig begrenzter Wirkung auf Erwerbsquote, Chancengerechtigkeit und Standortattraktivität.
Qualität und Wirkung statt Detailregulierung
Im Fokus der Diskussion standen wirkungsorientierte Reformen. Béa Bieber, Vizepräsidentin des dtma und Co-Präsidentin von kibesuisse, betonte die volkswirtschaftliche Dimension der Kinderbetreuung: «Der Fachkräftemangel lässt sich nicht allein über Zuwanderung lösen. Wenn wir das inländische Arbeitskräftepotenzial besser ausschöpfen wollen, braucht es ein verlässliches, bezahlbares und qualitativ gutes Betreuungsangebot.» Eine Reform des KiBeG sei kein Ausbau des Sozialstaats, sondern eine Investition mit messbarer Wirkung. «Es geht darum, bestehende Mittel effizienter einzusetzen und echte Steuerungswirkung zu erzielen», so Bieber. Sie appellierte an ihre ParlamentskollegenInnen, bei der Diskussion der KiBeG-Reformen in den Fraktionen unbedingt Fachpersonen aus der Praxis beizuziehen.
Qualität als Voraussetzung für Vereinbarkeit
Die Bedeutung der Betreuungsqualität stellte Bettina Häfeli, Regionalleiterin Nordwestschweiz von kibesuisse, ins Zentrum ihres Referats. Sie machte klar, dass Vereinbarkeit von Familie und Beruf nur dann nachhaltig funktioniert, wenn Eltern Vertrauen in die Qualität der Angebote haben. «Familienergänzende Bildung und Betreuung ist mehr als Betreuung – sie ist die erste Bildungsstufe. Gute Qualität fördert Entwicklung, Chancengerechtigkeit und stabile Erwerbsbiografien.» Investitionen in Qualität seien zudem präventiv wirksam und zahlten sich langfristig aus – durch höhere Erwerbsbeteiligung, tiefere Folgekosten und eine stärkere Wirtschaftskraft.
Praxisperspektive: Nichtstun ist die teuerste Variante
Aus Sicht der Trägerschaften schilderte Raphael Wildi, Leiter K&F und Mitglied der Expertengruppe, die zunehmenden Herausforderungen im Alltag der Kinderbetreuung. Steigende Personal- und Sachkosten, Fachkräftemangel (auch durch Abwanderung in den Schulbereich) und hohe Fluktuation setzten die Betriebe unter Druck. «Der heutige Status quo ist nicht tragfähig. Nichtstun ist die teuerste und schlechteste Variante – für Gemeinden, für die Wirtschaft und für Familien.» Ein politischer Grundsatzentscheid sei deshalb dringend nötig, um Planungssicherheit zu schaffen und einen unkoordinierten Ausbau über Einzelinitiativen oder Bundesvorgaben zu verhindern.
Breiter Konsens für Reformbedarf
Einigkeit herrscht bei den Fachpersonen darüber, dass eine Reform des KiBeG wirkungsorientiert ausgestaltet werden muss. Als mehrheitsfähige Optionen wurden unter anderem progressive Betreuungsgutschriften, eine kantonale Mitfinanzierung mit klaren Leitplanken sowie ein stärkerer Fokus auf Erwerbsquote und Angebotssicherheit genannt. Die dtma zeigt sich überzeugt, dass sich mit einem klaren politischen Entscheid ab 2026 ein wichtiges «Window of Opportunity» öffnet – für mehr Vereinbarkeit, mehr Chancengerechtigkeit und einen starken Wirtschafts- und Wohnstandort Aargau. Man darf also gespannt sein, wie die Diskussion im Grossen Rat zur Reform des KiBeG ablaufen wird.