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Helmknabenkraut im lichten Wald. Foto: © Kanton Aargau
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30 Jahre Naturschutzprogramm Wald – von der Aargauer Pionierleistung zur Erfolgsgeschichte

(pd) Im Jahr 1996 startete der Kanton Aargau das Naturschutzprogramm Wald und wurde damit zum Pionier des Waldnaturschutzes. Im Rahmen des Programms werden seit über 30 Jahren aus Sicht der Biodiversität auf freiwilliger Basis wertvolle Waldflächen gesichert und aufgewertet – dies in partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit den Waldeigentümerinnen und Waldeigentümern. Dadurch ist ein Netz an ökologisch wertvollen Flächen im Aargau entstanden. Zur Geschichte, der Umsetzung, den Erfolgen und zur Zukunft des Naturschutzprogramms Wald ist eine Sonderausgabe des Magazins UMWELT AARGAU erschienen.

Titelseite Sondernummer UMWELT AARGAU. Foto: © Kanton AargauDie Abteilung Wald und die Abteilung Landschaft und Gewässer des Departements Bau, Verkehr und Umwelt brachten bereits Ende der 80er-Jahre ein Projekt ins Rollen, das die Grundlage für eine damals schweizweit noch einmalige Naturschutzpolitik im Wald schuf. Zwischen 1989 und 1994 wurden die Aargauer Waldflächen auf Herz und Nieren geprüft und die aus Sicht des Naturschutzes besonders wertvollen Flächen inventarisiert: seltene Waldstandorte, besondere Bestandesstrukturen wie Altholzbestände oder ehemalige Mittelwälder, Wälder mit Vorkommen seltener Arten oder Strukturelementen wie Tobeln, Rutschgebieten oder Weihern. Aufgrund dieser Kriterien landeten 20 Prozent der Aargauer Waldfläche in einem Waldnaturschutz-Inventar, dem sogenannten WNI. Damit konnte die Naturschutzära in den Aargauer Wäldern eingeläutet werden: weg vom alleinigen Fokus auf Holzvorrat und -nutzung oder auf den Schutz vor Naturkatastrophen, hin zu einem Wald als Ökosystem.

Das Inventar war damals landesweit einzigartig, und seine Erkenntnisse brachten Verantwortung mit sich. Wie kann das neu gewonnene Wissen für eine ökologischere Waldpolitik eingesetzt werden? Insbesondere im Kanton Aargau, der noch mit einem Forstgesetz aus dem Jahr 1861 agierte und keinerlei rechtliche Grundlagen für neue Zielsetzungen wie Nutzungsverzicht zugunsten einer freien Waldentwicklung bot? Ein Weg bot sich mit einem Artikel des eidgenössischen Waldgesetzes von 1991: «Die Kantone können zur Erhaltung der Artenvielfalt von Fauna und Flora angemessene Flächen als Waldreservate ausscheiden.» Die Möglichkeit eines – notabene freiwilligen – Nutzungsverzichts gehörte also damals erst seit ein paar Jahren zum Repertoire der Schweizer Waldbewirtschaftung. Dass der Kanton Aargau diese Chance im Jahr 1996 gleich in einem mehrjährigen Programm verankerte, machte ihn zu einem Pionier des Waldnaturschutzes.

Totholz im Naturwaldreservat. Foto: © Kanton AargauVielfältige Funktionen des Walds
Die Bedeutung des Naturschutzprogramms Wald für den Kanton ist nicht zufällig: Im Aargau wächst auf einem Drittel der Kantonsfläche Wald – der Aargau ist ein Waldkanton. Der Aargauer Wald ist dabei nahe bei den Menschen: Er ist eng mit dem Siedlungsraum verzahnt und dadurch von fast überall her in wenigen Minuten erreichbar. Wald ist wichtig als Erholungsraum und für den Schutz von Personen und Infrastrukturen vor Naturgefahren, aber auch als Lebensraum für Tiere und Pflanzen sowie als Lieferant des nachwachsenden Rohstoffs Holz. Die Aargauer Waldpolitik trägt dieser Vielfalt an Funktionen Rechnung: Sie will den Wald als Lebensraum erhalten und aufwerten, das Holz nachhaltig nutzen und die Erholungs- und Freizeitaktivitäten lenken.

Im Rahmen des Naturschutzprogramms Wald werden seit über 30 Jahren aus Sicht der Biodiversität wertvolle Waldflächen gesichert und aufgewertet. Dies geschieht in partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit den Waldeigentümerinnen und Waldeigentümern. Alle Forstbetriebe des Kantons haben in den letzten 30 Jahren Projekte zur Förderung der Biodiversität über das Naturschutzprogramm Wald umgesetzt. Dadurch ist ein Netz an ökologisch wertvollen Flächen im Aargau entstanden.

Die Anstrengungen zahlen sich aus
Die Anstrengungen zur Förderung der Biodiversität zahlen sich aus, wie eine Erfolgskontrolle in Naturwaldreservatsflächen eindrücklich zeigt. So konnten zum Beispiel in den Naturwaldreservaten 237 Pilzarten und 99 auf Totholz angewiesene Käferarten als Erstfunde für den Aargau nachgewiesen werden. Naturwaldreservate bieten aber auch den Fledermäusen ideale Lebensräume: Es konnten 14 Fledermausarten nachgewiesen werden – hier wurden 18 Prozent mehr Arten von Fledermäusen erfasst als im Wirtschaftswald. Die Erfolgskontrolle zeigt aber auch eindrücklich die Bedeutung des naturnah bewirtschafteten Walds für die Aargauer Flora und Fauna. Da im Wirtschaftswald andere Umweltbedingungen vorkommen als beispielsweise in Altholzinseln, bietet er Lebensraum für Tiere und Pflanzen mit anderen Ansprüchen. Die Kombination aus Schutz und Nutzen bietet ideale Bedingungen für eine Vielzahl an Arten, wenn die Bewirtschaftung naturnah erfolgt und Elemente wie Totholz und alte Bäume Bestandteil des Wirtschaftswalds sind.

Das Netzwerk an ökologisch wertvollen Flächen erstreckt sich auch über den Wald hinaus. Es bildet die räumliche Basis für ein reichhaltiges, gegenüber Veränderungen reaktionsfähiges Ökosystem. Neben der ökologischen Bedeutung ist dieses Netz aber auch für die Gesellschaft und die Wirtschaft wertvoll. Biodiversität ist eine wichtige Voraussetzung für das Angebot von Ökosystemleistungen und haben – wie Studien belegen – auch einen hohen monetären Wert. Natur weist ausserdem neben ihrem Eigenwert auch einen Nutz- und einen Beziehungswert auf. Umfragen haben gezeigt: Gebiete mit hoher Biodiversität – und damit auch Flächen des Naturschutzprogramms Wald – werden von der Bevölkerung oft als besonders erholsam wahrgenommen. Gerade in extremen Hitzesommern wie dieses Jahr ein sehr wichtiger Aspekt.

Förderung der Biodiversität im Wald fortsetzen
Vor 30 Jahren startete das Naturschutzprogramm Wald als idealistische Vision. Die damals formulierten Zielsetzungen konnten per Ende der fünften Etappe im Jahr 2025 erreicht werden. Damit wir auch zukünftig von den Ökosystemleistungen des Walds profitieren können, muss die bisherige, messbar erfolgreiche Arbeit weitergeführt werden. Die Qualität der durch das Naturschutzprogramm Wald aufgewerteten Waldflächen soll auch zukünftig erhalten oder gesteigert werden. Zudem ist eine Ergänzung durch weitere Flächen wichtig, um keine Arten im Aargauer Wald zu verlieren.

Ein erster wichtiger Schritt in die richtige Richtung ist getan: Im Juni 2025 hat der Grosse Rat des Kantons Aargau die sechste Etappe des Naturschutzprogramms Wald und zugleich neue Zielgrössen für das Jahr 2055 verabschiedet. Damit können die Arbeiten für die Förderung der Biodiversität im Wald fortgesetzt werden. Neue Schwerpunkte bilden die Schaffung von Feuchtgebieten im Wald sowie Habitatbaumreservate. Es wird entsprechend auch in Zukunft das Engagement aller Beteiligten brauchen, um die Lebensräume und die Artenvielfalt in den Aargauer Wäldern weiter zu erhalten und zu fördern.

«Wald ist mehr als die Summe seiner Bäume», schreibt Landammann Stephan Attiger, Vorsteher des Departements Bau, Verkehr und Umwelt, im Editorial der UMWELT AARGAU-Sonderausgabe zum 30-Jahr-Jubiläum des Naturschutzprogramms Wald. Die Beiträge im Heft erzählen die spannende Entstehungsgeschichte des Programms, stellen anschauliche Umsetzungsbeispiele in der Praxis vor, beschreiben die nachweislich positiven Auswirkungen auf die Artenvielfalt im Wald und werfen einen Blick in die Zukunft.
• Download Sonderausgabe UMWELT AARGAU: Naturschutz im Wald

Bilder: 
1. Bild: Helmknabenkraut im lichten Wald. Foto: © Kanton Aargau
2. Bild: Titelseite Sondernummer UMWELT AARGAU. Foto: © Kanton Aargau
3. Bild: Totholz im Naturwaldreservat. Foto: © Kanton Aargau