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Der Kanton Aargau stellt der Bevölkerung sogenannte Neophytensäcke zur Verfügung. Foto: Sonja Fasler

Invasive Neophyten: Ein Appell an die Vernunft

Sommerflieder, Nordamerikanische Goldrute, Kirschlorbeer oder Chinesische Hanfpalme: So klingend die Namen und so schön sie anzuschauen sind, in hiesigen Gebieten sind die Pflanzen unerwünscht. Es handelt sich nämlich um sogenannte invasive Neophyten, also gebietsfremde Pflanzen, die einheimische Arten verdrängen. Eine Massnahme gegen die Verbreitung der unerwünschten Gäste ist der Neophytensack.

SONJA FASLER

Die kantonale Koordinationsstelle Neobiota stellt seit Mitte April letzten Jahres allen Aargauer Gemeinden kostenlos Neophytensäcke zur Verfügung. Diese leicht transparenten Säcke können von Einwohnerinnen und Einwohnern auf den meisten Gemeindekanzleien bezogen werden. Ziel ist, dass die Bevölkerung aktiv in die Bekämpfung von invasiven Neophyten miteinbezogen wird und die gesammelten Pflanzen in diesem Sack mit der Hauskehrichtabfuhr entsorgt, damit sich die Pflanzen nicht via Grüngut oder Kompost weiterverbreiten können. fricktal.info hat bei der Neobiotia-Koordinationsstelle des Kantons und bei einigen Gemeinden im Fricktal nachgefragt, ob sich die Massnahme nach gut einem Jahr bewährt hat.
Das Echo der Gemeinden sei durchwegs positiv, hält Thomas Hufschmid, vom Landwirtschaftlichen Zentrum Liebegg in Gränichen und zuständig für die Koordinationsstelle Neobiota, fest. «Die Einführung wurde sehr begrüsst und das Interesse an den Säcken war von Anfang an sehr gross.» Ende 2023 habe man bei allen teilnehmenden Gemeinden im Kanton, rund 180 von knapp 200, ein Feedback eingeholt, woraufhin das Echo äusserst positiv ausgefallen sei. Auf Anregung mehrerer Gemeinden habe man auf die Saison 2024 sogar zusätzlich zu den 60-Liter-Säcken noch 110-Liter-Säcke eingeführt.
«Im ersten Jahr wurden über 40 000 Säcke abgegeben, im aktuellen Jahr seien die Zahlen ähnlich hoch, da die Saison aber noch voll am Laufen sei, werde diese Zahl vom letzten Jahr ziemlich sicher übertroffen. «Die insgesamt 10 000 110-Liter-Säcke waren innert kürzester Zeit vergriffen. 60-Liter-Säcke sind noch verfügbar», macht Hufschmid deutlich und fügt an, dass die Säcke in allen Regionen in etwa gleich nachgefragt würden.

Zurückschneiden und danach Wurzeln ausgraben, anders wird man dem Kirschlorbeer nicht Herr. Das Pflanzenmaterial gehört in den Neophytensack, damit eine Weiterbreitung nicht möglich ist. Eine Alternative für Kirschlorbeer im heimischen Garten wäre übrigens die Stechpalme. Foto: Sonja FaslerVerkaufsverbot ab 1. September für Kirschlorbeer und Co.
Bei einem Blick in die Gemeindenachrichten-Spalten in den amtlichen Anzeigern zeigt sich, dass einige Gemeinden regelmässig auf die Neophytensäcke aufmerksam machen, während dies bei anderen kaum oder gar nicht der Fall ist. Wie Gemeinden das handhaben wollen, sei ihnen überlassen, so Hufschmid, der betont, dass es bisher keinerlei rechtliche Grundlagen gebe, jemanden zur Bekämpfung von invasiven Neophyten zu verpflichten. Ab 1. September gibt es allerdings ein schweizweites Inverkehrsbringungsverbot für zahlreiche invasive Neophyten (siehe Verordnung des Bundesrats, Adresse am Schluss des Artikels). Das heisst, sie dürfen im Handel nicht mehr verkauft und auch nicht aus dem Ausland eingeführt werden. Bestehende Pflanzen werden aber weiterhin geduldet. «Gewisse Gemeinden bieten kostenlose Ersatzaktionen an und motivieren die Leute damit, invasive Pflanzen gegen einheimische auszutauschen», so Hufschmid.
Ansonsten appelliere man an das Verständnis und die Vernunft der Leute und versuche, die Problematik invasiver Neophyten immer und immer wieder aufzuzeigen. «Wir merken, dass wir damit auf dem richtigen Weg sind. Wenn einzelnen Gemeinden weniger aktiv sind als andere, kommen sie früher oder später automatisch von den Nachbarsgemeinden unter Druck», weiss der Neobiotia-Fachmann.
Mit regelmässigen Aktionen und Informationen versucht man am Ball zu bleiben: «Dieses Jahr boten wir von Mitte Mai bis anfangs Juli die Neophytenausstellung. Sieben Gemeinden konnten die Ausstellung während jeweils einer Woche bei sich aufstellen und Anlässe rund um die Ausstellung organisieren. Ähnliche Ideen bestehen auch für die kommende Saison, sind aber noch nicht spruchreif. Es besteht jedoch auch in diesem Jahr ein kostenloses Aus- und Weiterbildungsprogramm im Bereich invasive Neophyten. Die Kurse sind auf der Webseite Kursangebot – Kanton Aargau (ag.ch) publiziert. Dieses Jahr finden noch drei Kurse im August statt. Ebenso gab es zu Beginn der Saison wiederum eine Ausbildung für Neobiota-Ansprechpersonen der Gemeinden. Diese wurden an mehreren Standorten im Aargau durchgeführt», so Thomas Hufschmid. «In den kommenden Jahren können durchaus noch weitere Massnahmen erfolgen, diese sind jedoch noch nicht spruchreif.»
Kaisten war eine der sieben Gemeinden, welche die Neophytenausstellung durchführte, die mit rund 40 Besuchern an der Startveranstaltung noch vor den Sommerferien auf grosse Beachtung stiess, wie der Leiter Unterhaltsbetriebe, Andreas Gertiser, auf Anfrage von fricktal.info mitteilt. Auch während der Woche sei die Ausstellung gut besucht gewesen. «Viele waren überrascht, dass Pflanzen, welche sie im Garten pflegen, als Neophyten gelten», stellte er fest.

An der Neophytenausstellung in Kaisten konnte man sich die unerwünschten Pflanzen 1:1 anschauen und sich beraten lassen. Für jede Pflanze gibt es nämlich eine geeignete einheimische Alternative. Foto: Jörg WägliVon Gemeinde zu Gemeinde etwas anders
Von Seiten der Koordinationsstelle Neobiota scheint alles gut eingefädelt. Wie aber läuft es konkret in den Gemeinden? In jeder etwas anders, wie fricktal.info auf Nachfrage bei einigen Fricktaler Gemeindeverwaltungen erfahren hat.
Seit der Ausstellung in Kaisten werde dem Neophytensack in der Gemeinde mehr Beachtung geschenkt, so Andreas Gertiser, der keine Zahlen nennen kann, aber man brauche doppelt so viele Säcke wie vorher. Diese würden «mehr oder weniger kontrolliert» an die Bevölkerung abgegeben. Da in Kaisten das Grüngut in der Sammelstelle Boll noch kostenlos entsorgt werden kann, rechne man nicht damit, dass Gartenbesitzer ihr restliches Grüngut im Neophytensack entsorgen wollen. «Wenn sich ein Gartenbesitzer entschliesst, seine Kirschlorbeerhecke zu entfernen, beraten wir ihn gerne bezüglich einer korrekten Entsorgung und der alternativen Bepflanzung», betont Gertiser und schickt nach, man wolle die Bevölkerung künftig mit Flugblättern weiter zur Bekämpfung der Neophyten sensibilisieren. Ab kommendem Jahr will man zudem einen «Neophyten-Tag» einführen, an welchem die Bevölkerung eingeladen werde, gezielt in einem Gebiet Neophyten zu bekämpfen. «Dabei hoffen wir auf viele ‚Neophyten-Jäger’», so Gertiser.

Unterschiedliche Handhabung
Auch in der Gemeinde Böztal sei die Nachfrage nach Säcken sehr gross, bestätigt Verwaltungsleiter Markus Schlatter. Es gebe keine konkreten Zahlen, jedoch die Tatsache, dass die Bestände bald aufgebraucht seien. Auch in Oeschgen ist die Nachfrage laut Gemeindeschreiberin Svenja Schmid gross, Zahlen gebe es dazu aber keine. Anders in Wittnau. «Es gab vereinzelte Anfragen», so Melanie Amstutz von der Gemeindeverwaltung. Als weitere Neophytenbekämpfung setze man in der Gemeinde auf die Sensibilisierung der Bevölkerung durch die Landschaftskommission.
In Gipf-Oberfrick würden die Säcke vom Werkhof abgegeben, so Caroline Liechti (Gemeindeschreiberin II). Laut Bauamtsleiter seien es um die 30 Säcke im Jahr. Noch dürftiger ist die Nachfrage in Sisseln, wo 2023 gerade mal vier Säcke abgegeben wurden. In der aktuellen Saison seien es bisher immerhin deren zehn, so Carmen Leder, Sachbearbeiterin bei der Gemeinde Sisseln.
Klassisches Grüngut wie Rasenschnitt, Astmaterial von einheimischen Pflanzen usw. aus dem Garten sowie Rüstabfälle aus der Küche gehören nicht in den Neophytensack, sondern in die Grünabfuhr. Ebenso wenig ist die Meinung, dass man beispielsweise die Kirschlorbeerhecke nur akkurat schneidet und dieses Material im Neophytensack entsorgt, die Pflanze aber stehen lässt. Besteht, da die Grüngutabfuhr in einigen Gemeinden kostenpflichtig ist und der Hauskehricht sowieso, nicht das Risiko eines gewissen Missbrauchs?
Man setze in der Gemeinde Böztal auf Vertrauen, so Markus Schlatter, der auch erklärt, dass es sich der Kenntnis der Gemeindeverwaltung entziehe, ob die Abfuhr-Firma die Säcke diesbezüglich kontrolliere. Dasselbe heisst es in Wittnau. Anders in Oeschgen. Hier werden die Säcke kontrolliert. «Befindet sich Hauskehricht etc. darin, werden sie nicht mitgenommen», so Svenja Schmid, die ausserdem betont, dass Gartenbesitzern jeweils nur ein Sack ausgehändigt wird, Landwirten würden mehrere Säcke mitgegeben, da diese oft grössere Neophytenbestände hätten. Insgesamt habe man in Oeschgen bisher nur positive Erfahrungen gemacht. Das Interesse sei da, seien aus der Bevölkerung doch konkrete Anfragen zur korrekten Entfernung von Neophyten eingegangen.
«Nur gute Erfahrungen» habe man auch in Gipf-Oberfrick gemacht, so Caroline Liechti. Missbrauch sei schon deshalb unwahrscheinlich, weil die Säcke transparent seien. Ausserdem mache die Abfuhrfirma Stichproben. Die Grüngutabfuhr ist in Gipf-Oberfrick ohnehin gratis. Dasselbe gilt für Sisseln. Hier werde sogar eine Liste mit den Personen geführt, die einen Neophytensack beziehen, so Carmen Leder. «Sollte der Kehrichtabfuhr auffallen, dass sich etwas im Sack befindet, was nicht reingehört, kann mit Hilfe der Adresse, an welcher der Sack gestanden hat, und der Personenliste der Gemeinde ermittelt werden, wer es war.» In erster Linie werde aber an die Vernunft und den gesunden Menschenverstand der Bevölkerung appelliert. Mit einem Merkblatt, das im Frühjahr an die Haushaltungen geschickt wird, mache man zudem auf die Thematik aufmerksam und der Neobiota-Beauftragte sowie Mitarbeiter der Abteilung Bau und Unterhalt hielten entsprechen die Augen offen, um auf eine entsprechende Bekämpfung hinzuweisen.

Die Chinesische Hanfpalme, auch Tessinerpalme genannt, verbreitet südländisches Flair, ist aber in unseren Gefilden nicht erwünscht. Foto: Jörg WägliAndere Strategie
Eine ganz andere Strategie fährt man in der Gemeinde Zeiningen. «Wir haben uns im vergangenen Jahr, als die Neophytensäcke lanciert wurden, gegen eine Abgabe in der Gemeinde entschieden», so die zuständige Gemeinderätin Sandra Pfaffen. Auch weil man das Risiko einer missbräuchlichen Verwendung befürchtet. Da die Gemeinde zum GAF gehöre, müssten die Säcke zudem mit Abfallvignetten beklebt werden, gibt Pfaffen zu bedenken. Das letzte Wort ist aber noch nicht gesprochen. «Neulich hatten wir eine Anfrage, ob wir uns nicht doch an der Neophytensack-Aktion beteiligen wollten. Wir werden das Thema daher an unserer nächsten Gemeinderatssitzung nochmals kurz besprechen», so die Gemeinderätin. Hingegen nimmt man auch in Zeiningen das Thema invasive Neophyten sehr ernst und setzt auf Information und konkrete Aktionen. So organisiert man jeweils an einem Samstagmorgen im Juni den Anlass «Biodiversität fördern – Neophyten bekämpfen» (ehemals Bachputzete), an welchem jeweils viele freiwillige Helfer teilnehmen würden. Zudem halte man Pächter von gemeindeeigenem Land dazu an, dieses von Neophyten freizuhalten. Und das Unternehmen Creanatira leiste ebenfalls jährlich einen Einsatz, um weitere gemeindeeigene Gebiete von Neophyten zu befreien. Eher präventiver Natur ist die Beteiligung am Juraparkprojekt «Natur findet Stadt», bei welchem die Naturschutzkommission Rabatten umgestalte und Privatpersonen eine Beratung für eine naturnahe Gestaltung durch spezialisierte Gärtner ermögliche, so Sandra Pfaffen.
Beschriebe und Hinweise zu den invasiven Neophyten und zur korrekten Entsorgung der einzelnen Pflanzenteile gibt es im Flyer «Invasive Neophyten und einheimische Alternativen», der in den Gemeindeverwaltungen oft zusammen mit dem Neophytensack abgegeben wird, sowie auf der Webseite: www.ag.ch/neobiota 
Informationen zum Verkaufsverbot am 1. September: www.newsd.admin.ch/newsd/message/attachments/86380.pdf 

Bilder
Erstes Bild: Der Kanton Aargau stellt der Bevölkerung sogenannte Neophytensäcke zur Verfügung. Foto: Sonja Fasler
Zweites Bild: Zurückschneiden und danach Wurzeln ausgraben, anders wird man dem Kirschlorbeer nicht Herr. Das Pflanzenmaterial gehört in den Neophytensack, damit eine Weiterbreitung nicht möglich ist. Eine Alternative für Kirschlorbeer im heimischen Garten wäre übrigens die Stechpalme. Foto: Sonja Fasler
Drittes Bild: An der Neophytenausstellung in Kaisten konnte man sich die unerwünschten Pflanzen 1:1 anschauen und sich beraten lassen. Für jede Pflanze gibt es nämlich eine geeignete einheimische Alternative. Foto: Jörg Wägli
Viertes Bild: Die Chinesische Hanfpalme, auch Tessinerpalme genannt, verbreitet südländisches Flair, ist aber in unseren Gefilden nicht erwünscht. Foto: Jörg Wägli