Unter dem Titel «Dolce Vita / Wirtschaftswunder» zeigt der Kunstverein Hochrhein eine Ausstellung in der Villa Berberich in Bad Säckingen. Die Präsentation konzentriert sich auf die Beziehungen zwischen Italien und Deutschland, aber die Erkenntnisse sind auch auf die italienisch-schweizerischen Relationen übertragbar.
MICHAEL GOTTSTEIN
Zu sehen gibt es drei Filme und 80 Fotos, die von der Galerie Bilderwelt aus Berlin zur Verfügung gestellt wurden. Seit Jahrhunderten ist Italien für deutsche Muttersprachler das Sehnsuchtsland schlechthin, frei nach Goethe «das Land, wo die Zitronen blüh’n»; freilich wurde diese Liebe nicht unbedingt erwidert. Die Kultur Italiens steht im deutschsprachigen Raum seit Jahrhunderten in hohem Ansehen, und bereits im 16. Jahrhundert sammelten Fürstenhäuser wie die Habsburger und Wittelsbacher Werke der Renaissance – einen Kunstexport in umgekehrter Richtung gab es zwar auch, allerdings in weitaus geringerem Masse. Die Bildungsreisen nach Italien waren einer privilegierten Schicht vorbehalten, aber selbst grosse Geister wie Goethe waren nicht immer davor gefeit, das Sehnsuchtsland als Projektionsfläche eigener Wunschvorstellungen zu missbrauchen, anstatt es in seiner komplexen Realität wahrzunehmen. So besuchte der Dichterfürst auf seiner «Italienischen Reise» die Kirche Santa Maria sopra Minerva in Assisi, weil die Fassade eines römischen Tempels in den Kirchenbau integriert worden war, aber die Grablegungskirche des heiligen Franziskus mit den weltberühmten Fresken Cimabues und Giottos würdigte er keines Blickes, da mittelalterliche Kunst als «primitiv» galt. Vorurteile und Klischees gab es also schon immer.
Von Bildungsreisen zum Massentourismus
Ein grundlegender Wandel trat mit dem steigenden Wohlstand nach dem Zweiten Weltkrieg ein. Seitdem wurde der Italien-Urlaub nicht nur für Privilegierte, sondern für viele Schweizer und Deutsche erschwinglich. Die Ausstellung zeigt ikonisch gewordene Fotos, etwa von dem VW Käfer auf dem Brenner und von den Badestränden von Rimini, wohin es etliche deutschsprachige Touristen zog, was der Stadt den wenig schmeichelhaften Spitznamen «Teutonengrill» bescherte. Viele Urlauber der ersten Generation waren weniger am Kennenlernen einer für sie noch etwas fremden Kultur interessiert, sondern suchten ein Stück ihrer vertrauten Heimat mit heimischer Küche, nur eben unter südlicher Sonne und mit Mittelmeerblick. Diese Italien-Klischees werden in der Ausstellung dokumentiert.
Vom Saisonnier zum Mitbürger
Das industriell entwickelte Norditalien erlebte ein eigenes Wirtschaftswunder, hingegen war der Süden («Mezzogiorno») von Arbeits- und Perspektivlosigkeit geplagt. Die Schweiz und Deutschland hingegen suchten nach Arbeitskräften. Deutschland schloss 1955 ein Anwerbeabkommen, die Schweiz hatte bereits 1948 ein entsprechendes Abkommen geschlossen; hier galt das 1931 eingeführte Saisonnierstatut, das eine dauerhafte Niederlassung der Gastarbeiter verhindern sollte. Die Süditaliener lebten sehr oft in schlechten Behausungen und mussten harte Arbeit leisten – diese Kapitel werden in der Ausstellung dokumentiert. Dennoch akzeptierten sie diese Konditionen, da sie etwas Geld nach Hause überweisen konnten und davon ausgingen, dass ihr Aufenthalt in der Fremde befristet sein würde. Aus ökonomischer Sicht waren diese Abkommen für beide Seiten vorteilhaft, die emotionale Komponente blieb hingegen aussen vor. Genau diesen Aspekt beleuchtet die Ausstellung, unter anderem mit einem vielsagenden Foto von einer Abschiedsszene am Bahnhof. Der Mann macht ein ernstes, aber recht gefasstes Gesicht, doch der Junge neben ihm hat die Stirn in Sorgenfalten gelegt und blickt mit weit geöffneten Augen auf die Heimat, die er zurücklässt, und voller Unsicherheit auf das, was ihn in der Fremde erwartet. Max Frisch fasste die Situation treffend in einem Satz zusammen: «Man rief Arbeitskräfte, doch es kamen Menschen»
Küche und (Populär)Kultur schlugen Brücken
Beide Seiten hatten in den ersten Nachkriegsjahrzehnten mit Vorurteilen zu kämpfen, vor allem in Deutschland – die Schweiz war wegen ihrer vier Landessprachen schon immer etwas kosmopolitischer und mit der Lebensart Italiens vertrauter, aber auch hier gab es Vorbehalte gegenüber den Gastarbeitern. Allmählich begann die Kultur Italiens Einzug zu halten – und dieses Mal wurde nicht nur die schon immer bewunderte Hochkultur Italiens rezipiert, sondern auch die italienische Lebensart. Die allererste Pizzeria Deutschlands wurde 1952 in Würzburg eröffnet (das Foto befindet sich in der Ausstellung), Zürich folgte 1965 und Bad Säckingen 1971. Die Gerichte waren nicht wenigen Deutschen suspekt, doch allmählich freundeten sie sich mit Pasta, Pizza und Polenta an. Auch italienische Schlagerstars wie Adriano Celentano trugen dazu bei, die Faszination der Mitteleuropäer für die südliche Lebenskunst zu wecken. Umgekehrt beschlossen die Gastarbeiter, in «Germania» und «Svizzera» zu bleiben; sie holten ihre Ehefrauen nach und gründeten Familien. Die Italiener lernten, dass das oft als starr und regelhaft wahrgenommene Leben in der Schweiz und Deutschland auch Vorteile bieten kann. Aus schwierigen Anfängen wurde so eine geglückte Integrationsgeschichte.
Die Ausstellung ist bis zum 6. September immer samstags von 14 bis 17 Uhr und sonntags von 10 bis 12 sowie 14 bis 17 Uhr zu sehen. Führungen gibt es am Sonntag, 16., 23. und 30. August, jeweils ab 15 Uhr. Am Sonntag, 16. August, 11 Uhr, liest der Autor Peter Peter aus seinem Buch «Gelato», am 23. August, 11 Uhr, gibt es eine Podiumsdiskussion mit Giuseppe Lupo, einem Wehrer Gastarbeiter der ersten Generation, und am 30. August, 11 Uhr, gibt der aus Sizilien stammende und in Wehr lebende Gitarrist Gaetano Siino ein Konzert.