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Häusliche Gewalt: Fachstelle Integration «mit.dabei Fricktal» schult Schlüsselpersonen

Häusliche Gewalt: Fachstelle Integration «mit.dabei Fricktal» schult Schlüsselpersonen

Vor kurzem organisierte die Integrationsfachstelle «mit.dabei-Fricktal» eine Weiterbildung für ihr Netzwerk der Schlüsselpersonen zum Thema «Häusliche Gewalt». Sie wurden dazu ausgebildet, diese Art von Aggression zu erkennen und die Opfer an die verfügbaren Dienste zu verweisen. Referentin war Inês Schranz von der Frauenberatung im Rahmen der Persönlichen Beratung beim Gemeindeverband Sozialbereiche Bezirk Rheinfelden (GSBR). Gerne berichtet sie über das Thema in der Öffentlichkeit.

LILIANA BÄCKERT*

Frage: Können Sie genauer erklären, wie sich das Profil der häuslichen Gewalt im Laufe der Zeit verändert hat?
Antwort: Als ich 2012 als Opferberaterin in einem Frauenhaus und später in einer Opferberatungsstelle angefangen habe, waren Opfer von körperlicher Gewalt am häufigsten anzutreffen. Damals waren die Aggressoren über das neue Gesetz noch nicht so sensibilisiert. Mit der Verschärfung der Gesetze und der zunehmenden Sensibilisierung über die physische Gewalt, wandelte sich die Aggression unauffällig in Richtung psychischer und finanzieller Gewalt. Psychische Gewalt, die in allen Formen von Gewalt vorkommt, wird meist nicht als solche erkannt und bleibt unsichtbar. Sie ist ein Teil der Spirale der häuslichen Gewalt und die verbreitetste Form in Paarbeziehungen. Laut Bericht des Präventionskampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» 2024, haben mehr als 40 Prozent der Frauen in Europa psychische Gewalt erfahren. Fast 20 Prozent der Frauen waren mindestens einmal in ihrem Leben von Stalking betroffen. Sie ist häufig subtil und von aussen unsichtbar. Sie kann für Betroffene schwerwiegende und lebensgefährdende Folgen haben, da sie darauf abzielt, Gefühle, Gedanken, Selbstsicherheit und Selbstwertgefühl eines Menschen anzugreifen. Die psychische Gewalt ist eng mit gesellschaftlichen Diskriminierungen verknüpft. Zu diesen Formen gehören Drohungen, Beschämung, Demütigung, Manipulation, Isolierung von Freunden und Familie, Verleumdung, Beschimpfungen, psychischer Druck und sogar Vergewaltigung in der Paarbeziehung. Und weil es keine körperlichen Spuren hinterlässt, ist sie schwieriger zu beweisen.

Sind Migrantinnen eher von dieser Art von Aggression betroffen?
Bei häuslicher Gewalt geht es um Herrschaft und Macht. In diesem Zusammenhang haben Migrantinnen ein erhöhtes Risiko. Wenn eine Frau die Sprache noch nicht beherrscht und die Gesetze des Landes, in dem sie lebt, nicht versteht, erhört sich das Risiko, Opfer von häuslicher Gewalt zu werden. Durch die Migration verliert eine Frau ihr Netzwerk. Und zumindest für eine gewisse Zeit ist diese Frau auch finanziell von ihrem Mann im Ausland abhängig. Häusliche Gewalt ist jedoch unabhängige aus der Sozialdemografische Merkmale. Sie betrifft Opfer aus allen sozialen Gruppen, Geschlechtern und Nationalitäten. Das bedeutet, dass auch Schweizerinnen dem Unglück ausgesetzt sind.

Und wie können die Schlüsselpersonen nach ihrer Ausbildung Menschen aus ihrer Sprachgruppe helfen?
Die Schlüsselpersonen üben einen gewissen Einfluss auf ihre Landsleute aus. Sie sind ein Vorbild. Weil sie diesen wichtigen Dienst an die Gesellschaft leisten, sind sie die richtigen Ansprechpartner, um zu lernen, wie man die Fälle der häuslichen Gewalt identifiziert und triagiert, damit mehr Opfer Zugang zu der Hilfe haben, die sie brauchen. Es stimmt, dass Schlüsselpersonen Menschen nicht in Extremsituationen oder bei schwierigen Gesprächen begleiten sollten. Aber da sie Zugang zu vielen ihrer Landsleute haben, können sie, wenn sie sensibilisiert sind, sehr viel bewirken.  Wie gesagt, Opfer selbst können manchmal nicht erkennen, dass sie sich in solchen Schwierigkeiten Situation befinden. Die Schlüsselperson als Vertrauensperson kann aus einer Aussensicht dem Opfer orientieren, an der richtigen Stelle Hilfe zu suchen.  Eine Vertrauensperson zu haben ist sehr wertvoll u. a. da sie dieselbe Sprache spricht und die Kultur kennt, um die betroffene bestmöglich unterstützen kann. 

Wie könnte ein solcher sensibler Umgang mit dem Thema konkret aussehen?
Die Opfer befinden sich bereits in einer toxischen Beziehung; meistens in sehr heikle Situationen zu Hause, einem Ort, der ihr sicherer Hafen sein sollte. Ich würde sagen: jeder, der helfen will, muss vor allem seine Sinne schärfen. Achten Sie auf Verhaltensänderungen, fördern Sie aktives Zuhören, ohne zu beurteilen. Wenn möglich, stellen Sie indirekte Fragen. Aber deshalb führen wir die Ausbildung. Diese Fragen müssen unter Berücksichtigung der kulturellen Unterschiede dieser Gruppen behandelt werden.

Wohin kann man sich bei häuslicher Gewalt in der Region Fricktal wenden, um Hilfe zu erhalten?
In Notfall sicher einmal die Polizei unter die Nummer 117 anrufen oder sich an das Frauenhaus Aargau-Solothurn wenden. Dann steht die Anlaufstelle gegen Häusliche Gewalt (AHG-Aargau) zur Verfügung. Weiter sind selbstverständlich wir, die Frauenberatung Rheinfelden beim GSBR für solche Fälle da. Opfer der häuslichen Gewalt können die Beratungsstelle frei wählen. Sie können sich auch an eine Beratungsstelle in einem anderen Kanton wenden. Opferberatung ist kostenlos, vertraulich und anonym in der ganzen Schweiz.

*Die Interviewerin ist Fachperson Integration bei der Fachstelle «mit.dabei-Fricktal» und zuständig für das Netzwerk Schlüsselpersonen.

Bild: Ines Schranz (rechts) bei ihren Ausführungen zum Thema «Häusliche Gewalt»
Foto: zVg