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Diakon Andreas Wieland in der barock ausgestatteten St.-Nikolaus-Kirche Herznach
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Elf erfüllte Jahre im Fricktal – der Diakon Andreas Wieland konnte hier seine Vorstellungen von Seelsorge verwirklichen

Elf Jahre lang hat Diakon Andreas Wieland die römisch-katholischen Pfarreien Herznach, Hornussen und Zeihen geleitet. Anlässlich seiner Pensionierung sprach er mit dieser Zeitung über seine Zeit im Fricktal, seine Auffassung von Seelsorge und die Situation der Kirche. Dr. Anthony Okafor aus Nigeria wird am 1. August seine Nachfolge antreten.

MICHAEL GOTTSTEIN

Wie eine Krone über dem Dorf liegt die Kirche.Die Kirche St. Nikolaus war eine der Hauptwirkungsstätten des Diakons. Sie liegt auf einer Anhöhe, wie eine Krone über dem Dorf Herznach, die christliche Tradition und den ehemaligen Machtanspruch der Kirche demonstrierend. So schön die Kirche in ihrer exponierten Lage anzusehen ist – die Symbolik aus früheren Zeiten entspricht nicht der Auffassung Andreas Wielands von der Rolle des Seelsorgers. Er will mitten unter dem Menschen sein, zuhörend und nicht dozierend, am einzelnen Menschen und seinem Schicksal mehr interessiert als an strengen Dogmen. Im liberalen Bistum Basel hat er einen Ort gefunden, an dem er seine Vorstellungen von  Seelsorge verwirklichen konnte – und zwar weit über das Pensionseintrittsalter hinaus. «Mit 65 wollte ich noch nicht aufhören, aber jetzt, mit 70 Jahren, bin ich bereit, in den Ruhestand zu treten.»

Wie kam er ins Fricktal?

Was die Rolle der Kirche in der Gesellschaft betrifft, vollzog sich im Laufe seines Lebens ein Wandel, der nicht abrupt, sondern eher schleichend vonstattenging, gleichwohl von grundlegender Natur war. Andreas Wieland wurde 1956 in Freiburg im Breisgau geboren und wuchs am Hochrhein, in Lauchringen und Bad Säckingen, auf. In der Stadt des heiligen Fridolin besuchte er die Grund- und Hauptschule bis zur siebten Klasse. Damals waren die katholischen Traditionen noch ungebrochen. Er stammt aus einer Familie mit fünf Söhnen und drei Töchtern. «Alle Buben waren Ministranten, das war einfach eine Selbstverständlichkeit.» So entdeckte er früh seine Berufung zum Priestertum und wechselte auf das Internat der Pallottiner in Immenstaad am Bodensee. Dort legte er 1976 das Abitur ab und trat den Pallottinern bei. In Untermerzbach bei Bamberg legte er das Noviziat und eine zeitliche Profess (also das erste, befristete Ordensgelübde) ab und studierte Philosophie, bevor er zum Theologiestudium auf die von dem Orden getragene Philosophisch- Theologische Hochschule Vallendar wechselte. Nachdem er im Jahre 1979 seine spätere Ehefrau Viola kennengelernt hatte, entschied er sich für Familie statt Priestertum, bekam zwei Söhne und eine Tochter und setzte sein Theologiestudium an der Universität Freiburg im Breisgau fort, das er im Jahre 1983 abschloss – mit dem «weltlichen» Diplom-Titel.

In jener Zeit begann auch die Katholische Kirche in Deutschland, weltliche Theologen als Pastoralassistenten und -referenten anzustellen, aber Andreas Wieland zog es eher in die Schweiz, wo die Kirche viel mehr basisdemokratische Elemente und auch eine grössere Offenheit für neue Formen des Gemeindelebens und der Liturgie aufweist als in Deutschland. Zehn Jahre wirkte er als  Pastoralassistent im Bistum Chur. Weil er die Privatwirtschaft kennenlernen wollte, arbeitete er für zwei bis drei Jahre als Lektor für Theologie bei einem Zürcher Verlag und als Redaktor des Bündner Tagblattes, danach kehrte er in den kirchlichen Dienst zurück. Doch ihm wurde klar, dass er in dem von dem konservativen Bischof Wolfgang Haas geleiteten Bistum nicht am optimalen Platz war. «Bischof Haas sagte mir, dass er keine Verwendung für mich habe.» Andreas Wieland nutzte das Angebot des Bistums Basel, die Seelsorger aus dem Bistum Chur aufzunehmen. Im liberaleren Bistum Basel fühlte er sich sehr wohl. Als gebürtiger Freiburger konnte er Alemannisch, und auch die Mentalität in der Schweiz war ihm vertraut. Im Jahre 2006 wurde er in Lengnau mit einer Zustimmungsquote von 100 Prozent eingebürgert und durfte bei der 1.-August-Feier im darauffolgenden Jahr die Ansprache halten.

Die Weihe zum ständigen Diakon

Am 29. Oktober 2000 wurde er zusammen mit elf Kollegen von Bischof Kurt Koch in der Kathedrale von Solothurn zum «ständigen Diakon» geweiht. «Ständig» deshalb, weil das Diakonat ursprünglich eine Durchgangsstation auf dem Weg in das Priestertum war. Das Amt der ständigen Diakone, das verheirateten Männern offensteht, wurde im Zweiten Vatikanischen Konzil eingeführt, und ab 1978 wurden die ersten ständigen Diakone geweiht, wobei des Bistum Basel zu den Vorreitern zählte, denn hier dürfen auch Diakone Leitungsaufgaben übernehmen. Und so war Andreas Wieland während der letzten elf Jahre Gemeindeleiter in Herznach, Hornussen und Zeihen und fühlte sich genau am richtigen Ort. «Das Fricktal kannte ich aus meiner Kindheit am Hochrhein – es war für mich wie ein ‹Gump› über den Rhein.»

Er übernahm seelsorgerische Aufgaben, wie dies auch ein Priester tun würde, aber er durfte keine Eucharistie feiern. Stattdessen feierte er «Wortgottesdienste mit Kommunion». Dabei werden nach der Predigt und den Fürbitten die von einem Priester zuvor in den Leib Christi gewandelten und im Tabernakel aufbewahrten Hostien ausgeteilt. Andreas Wieland darf das Sakrament der Taufe spenden und eine Ehe-Assistenz leisten. «Das Besondere am Ehesakrament ist, dass es nicht von einem Priester gespendet wird, vielmehr spenden sich die Eheleute das Sakrament selbst.»

Die Lage der Kirche

So sehr Andreas Wieland den liberalen Geist im Bistum Basel schätzt: Es wäre naiv zu erwarten, dass diese Haltung mit steigenden Mitgliederzahlen «belohnt» würde. Auch hier ist die Personalsituation angespannt. Es werden Pastoralräume gebildet, und zur Aufrechterhaltung der pastoralen Dienste ist das Bistum zunehmend auf Priester aus anderen Ländern angewiesen. So stammt Andreas Wielands Nachfolger Dr. Anthony Okafor aus Nigeria. Zwar gibt es im ländlichen Gebiet teils noch traditionelle katholische Strukturen, aber die Konfessionslosigkeit, die früher eher typisch für Grossstädte war, ist mittlerweile auch auf dem Land weit verbreitet.
Andreas Wieland trauert aber nicht den vergangenen Zeiten nach, sondern begegnet den Herausforderungen mit einem aus der Verankerung im Glauben gewonnenen Optimismus: «Die Kirche hat nicht mehr den gesellschaftlichen Stellenwert wie vor 50 Jahren, und von der Idee, dass wir wieder zu einer Volkskirche werden, müssen wir uns verabschieden.» Diese Entwicklung biete auch Chancen: Früher waren viele Menschen aus Tradition und wegen des gesellschaftlichen Erwartungsdrucks, aber oft ohne volle innere Überzeugung, Mitglied einer Kirche. Heute hingegen sei die Zahl der Kirchenbesucher kleiner, diese entschieden sich aber bewusst für eine Mitgliedschaft, so der Diakon: «Es ist ein intensiveres Unterwegssein.» Während die Zahl der Taufen und Eheschliessungen im Allgemeinen zurückgeht, gibt es inzwischen eine kleine, aber nicht unwichtige Gegenbewegung, denn es finden konfessionslos aufgewachsene Menschen den Weg zur Kirche. So hat Andreas Wieland auch Erwachsene und drei Schulkinder getauft. «Das waren schöne Erlebnisse, denn die Entscheidung für das Christentum wurde von diesen Menschen selbst und nach reiflicher Überlegung getroffen.» Vielleicht wird die Kirche irgendwann wieder grösser? «Das wird die Zeit zeigen», meint Andreas Wieland. «Jedenfalls müssen die Kirchen Antworten geben auf Frage, die heute gestellt werden, und nicht auf Fragen von gestern.» Die Glaubensgrundsätze, die vom Vatikan festgelegt werden, seien sinnvoll und bildeten einen vorgegebenen Rahmen, «aber innerhalb dieses Rahmens ist vieles möglich, wie das Bistum Basel zeigt.»

Ganz sicher trauert Andreas Wieland nicht dem Habitus und dem herausgehobenen Status früherer Pfarrer nach, der sich in den oft architektonisch aufwendig gestalteten Pfarrhäusern spiegelt. Heute sind viele von ihnen vermietet oder in Wohnungen aufgeteilt. Andreas Wieland lebte gerne in Hornussen in einem Sechsfamilienhaus, denn: «Ich will den Menschen auf Augenhöhe begegnen und mitten unter ihnen sein, so verstehe ich mein Amt.»

Zurück nach Graubünden

Nach seiner Pensionierung wird das Ehepaar in ein Bergdorf im Bündnerland ziehen. «Meine Ehefrau kommt aus dem Allgäu und liebt die Berge.» Vielleicht wird er mehr Zeit haben, sich seinen Hobbys zu widmen. Er liebt die Kultur und spielt gerne Kabarett. Es freute ihn besoners, dass 80 Besucher zu dem Kabarett gekommen waren, das er in der Unterkirche Zeihen mit seiner Ehefrau und Gisela Tscharner gegeben hatte. Auch als Kabarettist ist Andreas Wieland gerne mitten unter den Menschen.

Bild 1: Diakon Andreas Wieland in der barock ausgestatteten St.-Nikolaus-Kirche Herznach
Bild 2: Wie eine Krone über dem Dorf liegt die Kirche.
Fotos: Michael Gottstein