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Der Verschönerungsverein Gipf-Oberfrick baut seit mehreren Jahren eine «lebendige» Krippe auf.

Die Weihnachtsgeschichte in geschnitzter Form – Krippen gibt es weltweit und in unterschiedlichster Gestaltung

In der Advents- und Weihnachtszeit sind sie vielerorts zu sehen: Festlich geschmückte Nadelbäume und Krippen. Auf den ersten Blick scheinen sie seit Urzeiten zum festen weihnachtlichen Kanon zu gehören, aber bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass sie jüngeren Datums sind. Und sie belegen die Fähigkeit der Kirche, ausserchristliche Traditionen zu integrieren und zur Verkündigung der Heilsbotschaft zu nutzen.

MICHAEL GOTTSTEIN

Schafe beleben die Krippe in Gipf-Oberfrick.Eine besonders eindrucksvolle Krippe gibt es bis zum 7. Januar in Gipf-Oberfrick. Dort baut der Verschönerungsverein seit mehreren Jahren eine «lebendige» Krippe mit echten Schafen auf. Dadurch wird Bezug genommen auf die im Lukas-Evangelium erwähnten Hirten, gleichzeitig ist das Schaf ein Symbol für Jesus Christus, das «Lamm Gottes», das sich zum Heil der Menschen opfert. Die Schafe werden in der Zeit, in der sie im Gehege um die Krippe leben, von Mitgliedern des Vereins gepflegt.

Die Ursprünge der Krippen

Die frühen Christen pflegten das Weihnachtsfest noch ohne Krippendarstellungen zu feiern. Erst im hohen Mittelalter, ungefähr seit dem 12. Jahrhundert, tauchten Vorläufer der heutigen Krippen in Europa auf. Vereinzelte figürliche Darstellungen sollten helfen, den in der Regel leseunkundigen Menschen die Heilsbotschaft zu vermitteln.

Besonders kunstvoll sind Krippenfiguren aus Neapel.Die Explosion von Kunst und Kreativität seit der Renaissance führte zu einer immer kunstvolleren Gestaltung der Krippen. Seit dem 16. Jahrhundert gibt es szenisch aufgebaute Figurengruppen in illusionistisch konstruierten Räumen, und während des Barockzeitalters nutzte die Katholische Kirche in gegenreformatorischem Geiste die Kunst des Krippenbaus, um den Menschen auf sowohl ästhetisch überwältigende als auch volkstümliche Weise das Evangelium näherzubringen. In protestantischen Regionen waren die Krippen weniger verbreitet, da die evangelische Liturgie eher auf das Wort als auf den reichen Bilderschmuck und Heiligenverehrung abstellte. Dort etablierte sich während des 19. Jahrhunderts zunächst im wohlhabenden Bürgertum die Tradition des Weihnachtsbaums, was von Katholiken oft misstrauisch als «heidnische Tannenbaumreligion» beäugt wurde.

Besonders kunstvoll sind Krippenfiguren aus Neapel.In Neapel, einer Stadt, die für rauschhaften Barock und theatralische Inszenierungskunst berühmt war und ist, erlebte die Kunst der Krippenherstellung im 18. Jahrhundert einen Höhepunkt – so sehr, dass das biblische Geschehen oft gegenüber den lebhaften, breiten Schilderungen von Volksszenen in den Hintergrund tritt. Neapolitanische Krippen bauen oft ganze Stadtansichten nach und zeigen, wie Handwerker, Händler und Bauern ihren Arbeiten nachgehen, so dass man die Geburt Christi oft erst auf den zweiten Blick entdeckt. Freilich war die Darstellung der Alltagsszenen idealisiert und künstlerisch von grosser Raffinesse, denn die kunstvollsten Krippen wurden gerne von Adeligen gesammelt.

Dem Siegeszug der Krippen konnte auch der radikal-aufklärerisch gesinnte Habsburgerkaiser Joseph II. nichts anhaben, der Krippen oft entfernen liess, da seiner Ansicht nach das Volk lieber arbeiten als beten solle.

Der Siegeszug der Krippen

Die Missionare und vor allem die Jesuiten brachten die Kunst der Krippenherstellung nach Lateinamerika. Die Visualisierung der Weihnachtserzählung sollten ihnen bei der Verbreitung des Glaubens helfen. Dabei kam es oft zu interessanten theologischen Synthesen, wenn etwa Krippenschnitzer in Peru den christlichen Glauben mit der Inka-Religion verschmolzen und die Erdgöttin mit der Gottesmutter Maria identifizierten; und die recht «offene» Gestaltung der Volksszenen erlaubte es ihnen, auch Hexen und Heiler aus ihrem angestammten Brauchtum in das biblische Personal hineinzuschmuggeln.

Der Marienkirche in Krakau frei nachempfunden ist diese Krippe aus Bonbonpapier.Im kommunistischen Polen war die Religion auch ein Zeichen des Widerstandes gegen die verordnete politische Indoktrinierung, und die Katholische Kirche erwies sich als die wichtigste Institution gegen die Gleichschaltung. Die altehrwürdige Kulturmetropole Krakau brachte eine besondere Tradition hervor. Aus billigen Materialien, nämlich kunterbuntem Bonbonpapier, entstehen dort Krippen, die berühmte Kirchen wie etwa die Marienkirche nachahmen. Mit akribischer Detailtreue oder auch mit ihrer freien, fantasievollen Gestaltung wetteifern Krakauer Krippenbauer um die prunk- und kunstvollste Gestaltung.

Nach Entwürfen von Fernando Llort gefertigt wurde diese Krippe aus El Salvador.Heute gibt es überall, wo der christliche Glaube lebendig ist, Krippen in allerlei Variationen. Man findet regionaltypische Ställe, etwa in
alpenländischer Chalet-Bauweise, ebenso wie höchst individuelle Künstler-Krippen. Es gibt aufwändige und prunkvolle Installationen oder ganz schlichte Krippen aus fast abstrakten Strohfiguren, die oft von Menschen in Entwicklungsländern gefertigt und von Missionswerken verkauft werden. Und in El Salvador lebt ein Dorf von dem Bau von Krippen nach Entwürfen, die der Künstler Fernando Llort in den 1970-er Jahren entworfen hatte.

Bild 1: Der Verschönerungsverein Gipf-Oberfrick baut seit mehreren Jahren eine «lebendige» Krippe auf.
Bild 2: Schafe beleben die Krippe in Gipf-Oberfrick.
Bild 3 und 4: Neapolitanische Krippenfiguren
Bild 5: Der Marienkirche in Krakau frei nachempfunden ist diese Krippe aus Bonbonpapier.
Bild 6: Nach Entwürfen von Fernando Llort gefertigt wurde diese Krippe aus El Salvador.
Fotos 1,2: zVg
Fotos 3-6: Michael Gottstein