(im) Armut ist auch im Fricktal Realität – oft verborgen, selten offen angesprochen. An einer gemeinsamen Veranstaltung der reformierten und katholischen Kirche im Reformierten Kirchgemeindezentrum Zuzgen vom vergangenen Donnerstag wurde deutlich: Armut betrifft längst nicht nur Randgruppen.
Emil Inauen, Co-Geschäftsleiter von Caritas Aargau, brachte es auf den Punkt: Es gilt, genauer hinzuschauen. Denn gängige Vorurteile – zum Beispiel Armut sei meist selbstverschuldet – greifen zu kurz. Die Realität zeigt laut Inauen vielfältige Armutsfallen: Alleinerziehende Frauen, Menschen mit wenig Bildung, Familien mit Migrationsgeschichte sind überdurchschnittlich betroffen. Doch selbst gute Ausbildung, Erwerbsarbeit und Budgetdisziplin schützen nicht immer – etwa bei Scheidungen, Krankheit oder unerwarteten Gesundheitskosten. Armut kann jede und jeden treffen.
In der Schweiz gelten rund 708’000 Menschen als arm, etwa 1,4 Millionen als armutsgefährdet. Besonders eindrücklich: 336’000 Betroffene sind trotz Erwerbsarbeit gefährdet. Armut bedeutet hierzulande, sich Wesentliches nicht leisten zu können – Krankenkasse, Zahnarzt oder angemessenen Wohnraum. Wichtig ist die soziale Teilhabe: Kann ein Kind das Lager besuchen, kann jemand sich in einem Verein engagieren? Armut bleibt oft unsichtbar, weil Scham, Angst vor Stigmatisierung oder aufwendige administrative Hürden viele davon abhalten, Hilfe zu beanspruchen. Rund ein Drittel der Anspruchsberechtigten verzichtet auf Sozialleistungen.
Gerade deshalb sind niederschwellige Angebote und professionelle Begleitung zentral. Der KRSD verfolgt konsequent den Ansatz der Hilfe zur Selbsthilfe: Menschen sollen befähigt werden, ihr Leben wieder eigenständig zu gestalten. Fallbeispiele, präsentiert von Debora Toma, Standortleiterin des KRSD Rheinfelden, zeigten, wie gezielte Unterstützung – etwa durch ambulante Wohnbegleitung, Schuldensanierung, IV-Anmeldungen oder Überbrückungshilfen – neue Perspektiven eröffnet. Entscheidend sei dabei die Zusammenarbeit von Fachstellen, Stiftungen, Freiwilligenarbeit und kirchlichen Akteuren.
Die öffentliche Sozialhilfe ist verfassungsmässig verankert und geht über das blosse Überleben hinaus: Sie sollte materielle Sicherheit, persönliche Selbstständigkeit und soziale Integration fördern. Ergänzend leisten Caritas, Kirchen und zivilgesellschaftliche Initiativen unverzichtbare Präventions- und Sozialarbeit: Treffpunkte, Essensprojekte, Wegbegleitung, Reparaturangebote, Bildungs- und Begegnungsprojekte stärken soziale Netze und verhindern Isolation.
Diakonisches Engagement habe im Christentum eine lange Tradition und bleibe hochaktuell, betonte Emil Inauen, auch in Zeiten knapper werdender Kirchengelder. Die Beispiele aus dem Fricktal zeigten: Es gibt wirksame Ansätze, viel Engagement – und noch grosses Potenzial. Wer hinschaut, nicht resigniert und gemeinsam handelt, kann Armut lindern und vorbeugen. Armut sei kein individuelles Versagen, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe, so der Co-Geschäftsleiter des KRSD Aargau – und sie sei lösbar, wenn Solidarität konkret werde.
Im Anschluss fand dazu ein reger Austausch statt, den ein feiner Apéro, gestiftet von Freiwilligen, kulinarisch untertützte.