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Jungkitze verstecken sich auf den Boden gepresst und der Landwirt hat keine Chance sie beim Mähen zu sehen. Foto: zVg

Wittnau: Verein zur Rehkitzrettung gegründet

(rf) Kürzlich wurde in Wittnau unter dem Namen «Kitzrettung Wittnau» ein Verein zur Rettung von Rehkitzen vor dem Mäher gegründet. Der Grund: Es sterben leider in der Schweiz noch jährlich mehrere Tausend Rehkitze beim Mähen von Graswiesen. Rehkitze verstehen es, sich im hohen Gras so gut zu schützen, dass sie zwar vor Prädatoren sicher sind, aber leider immer noch sehr häufig «vermäht» werden.

Vor der Setzzeit (normalerweise Mitte Mai bis anfangs Juni) leben im Wittnauer Bann von 1125 Hektaren ungefähr 50 Rehböcke und 50 Rehgeissen. Eine Geiss setzt ihre Jungen, gemäss einer umfangreichen Studie, jedes Jahr fast am gleichen Tag. In Wittnau wurden auch schon Kitze im April gesetzt, weiss man beim Verein «kitzrettung Wittnau». Die Rehgeiss bringt zwischen einem (ca. 40% der Geburten), zwei (ca. 55% der Geburten) und in eher seltenen Fällen drei oder gar vier Junge zur Welt. Meistens sucht sich die Rehgeiss zum Setzen der Kitze eine Heugraswiese aus. In den letzten Jahren nähern sich die Muttertiere dazu immer mehr auch dem Siedlungsgebiet (möglicherweise wegen der Präsenz des Luchses).

Etwa drei bis vier Wochen bleiben die Kitze in der Deckung zurück, während die Mutter in der Nähe frisst und eigentlich nur zum Säugen zu den Kitzen zurückkehrt. Hat die Rehgeiss mehrere Jungtiere, befinden sich diese nicht beisammen, sondern verstecken sich 20 bis 80 Meter voneinander entfernt im Gras. Das Kitz wählt seinen Liegeplatz selbst aus, das Muttertier setzt die Kitze aber an Orten mit reichem Unterwuchs, die guten Sichtschutz von oben bieten. So ist das Kitz ideal geschützt vor Prädatoren, aber auch der Mensch sieht es kaum, selbst wenn er direkt danebensteht. Die Kitze wechseln ihre Liegeplätze täglich, der neue Liegeplatz befindet sich 100 bis 200 Meter vom alten entfernt. Bei Störungen (Bewegungen in der Nähe, Lärm, fremde Gerüche) verharren die Jungkitze starr auf den Boden gepresst und der Landwirt hat keine Chance sie beim Mähen zu sehen.

Erst im Alter von drei bis vier Wochen setzt ein Fluchtverhalten, beispielsweise vor Mähmaschinen, ein. Bei den heutigen Maschinen, die mit bis zu 20 km/h unterwegs sind, ist es für ein Kitz jedoch schwierig im hohen Heugras zu entkommen. Ab einem Alter von etwa vier Wochen beginnen Kitze ihre Mutter zu begleiten und verlassen den Schutz des Heugrases. Schon seit langem haben Jäger, Bauern und andere interessierte Kreise Methoden zur Rettung von Kitzen entwickelt.

Konventionelle Mittel zur Rehkitzrettung
Bei den konventionellen Methoden versucht man die Rehe zu vergrämen (verblenden). Mit gezielten Massnahmen will man erreichen, dass die Mutter ihre Kitze wegholt bevor ein Stück Land gemäht wird.
Folgende Massnahmen, die am Vorabend des Mähens ausgeführt werden, helfen Rehkitze zu retten:
• Aufstellen von Scheuchen im Feld. Dies können Stangen sein, die am Vorabend des Mähens in regelmässigen Abständen in den Boden gesteckt werden. Über jede Stange wird ein Sack gestülpt;
• Aufstellen von Pieps-Apparaten. Sie verfolgen den gleichen Zweck wie die Scheuchen;
• Verbreiten von unangenehmen Duftstoffen;
• Anmähen der Wiesen (ein Streifen wird am Vorabend um das zu mähende Feld herum gemäht);
Diese ungewohnten Situationen, die teilweise kombiniert angewendet werden, sollen die Rehgeiss dazu bewegen, ihre Kitze aus dem Feld zu locken.
Die konventionellen Methoden haben in der Vergangenheit geholfen, viele Kitze zu retten. Es gibt aber auch Rehgeissen, die sich nach Aufstellen der Scheuchen während bis zu drei Tagen nicht mehr in ein verblendetes Feld trauen. Ausserdem geschieht es, dass die Mutter die Kitze im Morgengrauen schon wieder zurückbringt, bevor der Landwirt mit dem Mähen begonnen hat.
Dass trotz all dieser Massnahmen jährlich tausende von Rehkitzen «vermäht» werden, ist natürlich ernüchternd. Vor allem auch für die Landwirte, die während einer sonst schon sehr anstrengenden Zeit einen erheblichen Mehraufwand betreiben, ist es immer wieder frustrierend nach dem Mähen tote oder verletzte Kitze zu finden. Durch Kadaverteile im verunreinigten Gras können sich ausserdem Erreger ausbreiten, die auch für Kühe und Pferde gefährlich sind.

Unterstützung durch Drohnen
Um die Landwirte zu unterstützen und zu entlasten, und um die Anzahl der «vermähten» Rehkitze zu reduzieren, haben Jäger und andere interessierte Kreise in Wittnau Drohnen mit Wärmebildkameras angeschafft. Diese Drohnen verfügen neben einer normalen Kamera über eine Thermalkamera. Auf dem dazugehörigen Bildschirm leuchten Wärmequellen. In einem Heugrasfeld kann es sich dabei um Rehe, Kitze, aber auch Katzen, grosse Steine oder Schachtdeckel, die am Morgen noch Wärme abstrahlen, handeln.
Damit die Wärmequellen gut identifiziert werden können, muss ein Feld abgeflogen werden bevor Sonnenstrahlen das Gras erwärmen. Die Rehkitzretter sind deshalb während einem Monat Frühaufsteher. Zu Beginn einer Schönwetterperiode und Hochbetrieb beim Mähen, kann es durchwegs vorkommen, dass die Retterteams schon um 4.30 Uhr unterwegs sind.

Am Vorabend meldet der Bauer dem Koordinator der Kitzrettung die Felder, die er am folgenden Morgen mähen wird. Der Koordinator bietet die Rettungsteams auf und frühmorgens trudeln dann alle noch ziemlich schlaftrunken auf dem Gnossiplatz ein. Ein Team besteht aus einem Drohnenpilot und mindesten zwei Helfern. Der Drohnenpilot fliegt das ganze Feld systematisch ab und beobachtet dabei aufmerksam seinen Bildschirm. Ein zweiter Bildschirm wird von seinen Mitrettern überwacht. Wird auf einem Bildschirm eine Wärmequelle entdeckt, nähert sich die Drohne dem Objekt. Aufgrund der Erfahrung, und auch mit Hilfe der Normalkamera an der Drohne, weiss man schnell ob es sich um ein Kitz handelt. Bleibt das Kitz in Deckung, wird es mit einer Harass und etwas Gras überdeckt. Schwieriger wird es, wenn das Kitz bereits einen Fluchtinstinkt hat – da kommen die Retter jeweils ganz schön ins Schwitzen. Zwischen 7 und 8 Uhr treffen sich die verschiedenen Teams zum Erfahrungsaustausch (bei Kaffee und Nussgipfel).
Das Kitz bleibt unter der Harasse bis gemäht ist und wird danach frei gelassen. Es wird sehr schnell von der Mutter, die das Geschehen immer irgendwo in der Nähe beobachtet, geholt und wiederum an einen Ort gebracht wo es sich verstecken kann.

Vier Drohnen angeschafft
Dank der ausgezeichneten Zusammenarbeit mit den Landwirten konnten Im Mai/Juni letzten Jahres 47 Rehkitze gerettet werden. Die Teams von Wittnau waren je nach Möglichkeit auch in Gipf-Oberfrick, Wölflinswil und Kienberg im Einsatz. Bei der Rehkitzrettung handelt es sich ausschliesslich um unbezahlte Freiwilligen-Arbeit. Die Systemkosten (Anschaffung und Unterhalt der Drohnen) sind jedoch ziemlich hoch. Der Verein Kitzrettung Wittnau besitzt mittlerweile vier Drohnen und es wurden insgesamt über 25’000 Franken investiert. Mehrere Drohnen sind nötig, da bei Einsätzen bis zu 40 Felder abgeflogen werden müssen.

Der Verein sucht nun Partner, Gönner und Tierschützer die mithelfen, all diese Kosten zu tragen, und freut sich über jeden Beitrag und dankt allen, die das Projekt und die Rehkitze unterstützen.
Spenden können überwiesen werden an:
Raiffeisen Regio Frick-Mettauertal
Zu Gunsten von: Verein Rehkitzrettung Wittnau
IBAN : CH27 8080 8001 9886 4599 1

Bild: Jungkitze verstecken sich auf den Boden gepresst und der Landwirt hat keine Chance sie beim Mähen zu sehen. Foto: zVg