Am Abend des 31. Juli luden der Gemeinderat und die Musikgesellschaft Wittnau ab 18 Uhr zur Bundesfeier auf dem Schulareal. Für die musikalische Unterhaltung sorgten die MG Wittnau sowie der Männerchor Sängerbund Wittnau. Als Festredner war der gebürtige Wittnauer Guido Brogle eingeladen worden, der in seiner Rede nicht nur von seinem vielseitigen Werdegang und Leben als Unternehmer sowie seinen Reisen in die ärmsten Regionen der Welt berichtete, sondern insbesondere seine im Jahr 2023 gegründete Stiftung, die Guido-Brogle-Stiftung, vorstellte.
LILIA STAIGER
Gegen 19.45 Uhr durfte sich das Festpublikum über die Darbietungen des Männerchors freuen. Die Lieder «Frieden» und «An der Bar» wurden vorgetragen, bevor pünktlich um 20 Uhr Ehrengast und Redner Guido Brogle nach vorne zum Pult kam, um seine mit sichtlicher Spannung von Seiten des Publikums erwartete Ansprache zu halten.
Seine Rede richtete Guido Brogle nicht nur an die «geschätzten Wittnauer und Wittnauer», sondern auch an seine Freunde, von denen es einige unter der anwesenden Dorfbevölkerung zu geben schien.
Kindheit und Jugend in Wittnau
Brogle wuchs mit seiner Familie in Wittnau auf – sein Elternhaus, das er nach dem Ableben seiner Eltern vor 20 Jahren zu einem 5-Familien-Haus umbauen liess, befindet sich an der Hauptstrasse 98. «Ich bin also ein echter Oberdörfler», fügte er an, woraufhin es lautstarken Applaus und «Bravo»-Zurufe von der einen Seite des Publikums sowie Buh-Rufe von der anderen Seite des Publikums gab – natürlich humorvoll gemeint. Guido Brogle war aktiver Turner und Mitglied des Männerchors in Wittnau. Er war mehrere Jahre in leitender Position unter anderem bei der ABB in Zürich tätig, bevor er im Alter von 34 Jahren seine eigene Firma, die ELBRO AG, gründete. Brogle leitete sein Unternehmen 35 Jahre lang erfolgreich und baute es zu einem internationalen Spezialisten für Industrie-Elektronik auf. Da er keine Nachfolge in der eigenen Familie hatte, verkaufte er seine Firma 2009 an eine deutsch-chinesische Gruppe, und die Elbro AG wird heute weiterhin von einem Schweizer Management geführt.
Reisen in arme Länder
Brogle bereiste mehr als 100 Länder der Welt. Neben wunderschönen Orten habe er auch viel Armut gesehen, berichtete Brogle, darunter nannte er die Slums in Rio de Janeiro, die Townships in Kapstadt und den grössten Slum ganz Asiens in Mumbai. Hingegen könne man sich glücklich schätzen, hier in der Schweiz zu leben, wo es ein ausgeprägtes Sozialsystem gebe, eine stabile Wirtschaft, ein gutes Gesundheitssystem und nicht zuletzt: keinen Krieg. Zudem sei das Schweizer System der direkten Demokratie «einmalig auf dieser Welt». Der pensionierte Unternehmer leitete daraufhin zur Vorstellung seiner im vergangenen Jahr gegründeten Stiftung über, in die er finanzielle Mittel, die er aus dem Verkauf seiner Firma erhalten hat, investiert.
«Es gibt auch Armut in der Schweiz»
Er betonte, dass es auch hier in «unserer reichen Schweiz» Armut gebe. Einige 100 000 Menschen würden hier an der Armutsgrenze leben, erklärte er. Zudem gebe es zirka 300 000 sogenannte Working Poor, Menschen, die 100 Prozent arbeiten und dennoch ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten können. Dies sei für ihn der Beweggrund gewesen, den bedürftigen Personen im eigenen Land statt beispielsweise jenen an den drei genannten sehr armen Orten der Welt zu helfen, wo die Unterstützung nur «ein Tropfen auf dem heissen Stein» wäre. «Das Stiftungskapital bleibt in der Schweiz, und zwar in erster Linie in meiner Heimatgemeinde», fügte Guido Brogle an und bekam dafür grossen Applaus vom Publikum.
Neue Fahnenstange für Wittnau
«Habt ihr den Knall vorhin gehört?», fügte Brogle abschliessend an, «unser erster Beitrag für Wittnau ist eine neue Fahne und eine neue Fahnenstange». Dafür erhielt er nochmals einen lautstarken Applaus von der anwesenden Dorfgemeinde und begeisterte Zurufe: «Danke, Guido!» Remo Husner, Vizepräsident der Musikgesellschaft Wittnau, überreichte dem Ehrengast im Anschluss im Namen der Gemeinde ein Geschenk als Dankeschön.
Administrative Hürden
«Es war ein langer Weg seit der Gründung der Stiftung vor einem Jahr bis heute», teilte Zsuzsanna Brogle, Ehefrau des Stifters, fricktal.info im Anschluss an die Ansprache mit, «doch nun sind wir froh, dass alle administrativen Hürden überwunden sind und wir bereits erste Beiträge zur Verfügung stellen konnten.» Als Juristin ist sie mit dem Bereich Administration der Stiftung betraut. Verschiedene Instanzen prüften ihre Zuständigkeit für die Guido-Brogle-Stiftung, darunter der Bezirksrat Zürich, der Kanton Aargau und schliesslich der Bund, da Anträge auf Unterstützung auch schweizweit eingereicht werden können. Schliesslich konnte die Genehmigung erreicht werden. Pro Jahr dürfen aktuell 50 000 Franken Stiftungskapital zur Verfügung gestellt werden. Nach dem Ableben des Stifters und Stiftungsratspräsidenten Guido Brogle wird neben seinem umfangreich umgebauten Elternhaus auch ein beträchtliches Vermögen in die Stiftung fliessen.
Guido-Brogle-Stiftung hilft Bedürftigen
Die Ausrichtung von Beiträgen kann unter anderem an steuerbefreite Einrichtungen der Gemeinde Wittnau wie Alters- und Pflegeheime sowie an kirchliche, kulturelle, gemeinnützige und sportliche Institutionen erfolgen. Direkthilfen können zudem bedürftigen Personen in Wittnau zukommen. Diese sollen aber keine Leistungen ersetzen, für die das staatliche Sozialwesen aufkommen müsste, so wird der primäre Stiftungszweck der Guido-Brogle-Stiftung beschrieben. «Die Anschaffung der 20 Meter hohen Fahnenstange sowie der Fahne für die Gemeinde Wittnau waren sehr kostspielig», ergänzte Zsuzsanna Brogle, «die Mittel des Verschönerungsvereins der Gemeinde Wittnau reichten hierzu nicht aus.» Sollten die Mittel für die Erreichung des primären Stiftungszwecks nicht benötigt werden, können gemeinnützige und steuerbefreite Institutionen in der Schweiz begünstigt werden, die Menschen mit Behinderung unterstützen oder Ferien für Kinder mit Behinderung ermöglichen, insbesondere die Vereine Procap Schweiz und Arche Zürich.
Gegen 20.30 Uhr konnte gerade noch rechtzeitig die Nationalhymne angestimmt werden, bevor es zu regnen begann – doch dies tat der ausgelassenen Feststimmung in Wittnau keinen Abbruch.
Weitere Infos zur Stiftung: www.guido-brogle-stiftung.ch/
Die Festrede von Guido Brogle im Wortlaut und weitere Impressionen der Feier finden Interessierte hier.