(bk) Kinder brauchen in jedem Alter Erwachsene, die sie in ihrer individuellen Entwicklung begleiten. Wie man diejenige, die mehr Bedarf haben, gezielt unterstützen kann, war Thema der diesjährigen Marte-Meo-Fachtagung in Wallbach.
Es ist nie zu spät, um etwas zu bewirken. Je früher damit begonnen wird, desto besser. Und das Allerwichtigste: zu handeln. Diese drei Erkenntnisse standen im Vordergrund der Fachtagung mit Referentin Christa Thelen im Gemeindezentrum Wallbach. Die staatlich anerkannte Heilpädagogin und lizenzierte Marte Meo Supervisorin aus Kall (D) arbeitet seit 48 Jahren in der Jugendhilfe und unterstützt Kinder und Jugendliche sowie Eltern und pädagogische Fachkräfte.
Die Tagungsteilnehmenden, angereist aus der ganzen Schweiz, setzen die Marte-Meo-Methode bereits in ihrem Berufsalltag ein. Sie sind gekommen, um ihre Kenntnisse zu vertiefen und sich mit Berufskolleginnen und Berufskollegen aus den Bereichen Pädagogik und Betreuung von Kindern auszutauschen. Auf dem Tagungsprogramm standen vier Schwerpunkte: Die Entwicklung sozial-emotionaler Fähigkeiten, Integration in den Schulalltag, Hausaufgabensituationen meistern sowie die Entwicklungsförderung im Jugendbereich.
Soziale Kompetenzen
«Nicht alle Kinder bekommen von Natur aus das, was sie brauchen», erklärte Referentin Thelen zu Beginn des Seminars. Einige Kinder hätten einen zusätzlichen Bedarf an Unterstützung, damit ihre sozialen und emotionalen Fähigkeiten wachsen können. Diese Fähigkeiten sind die Basis für alles Weitere. Was das heisst, zeigten anschaulich die Filmausschnitte, die Thelen mitgebracht hatte. Betroffene Kinder haben beispielsweise Mühe, mit anderen Kindern in Kontakt zu kommen. Dadurch werden sie gemieden und schnell zu Aussenseitern. Sie werden einsam und ziehen sich noch mehr in sich zurück. Oder sie reagieren mit störendem Verhalten, was zusätzliche Herausforderungen mit sich bringt. In solchen Situationen sei es ganz wichtig, die Bedürfnisse dieser Kinder zu erkennen und möglichst frühzeitig Unterstützung anzubieten. Dafür eigne sich die Marte Meo-Methode sehr gut. Die Filmaufnahmen von alltäglichen Situationen in der Kita, im Kindergarten oder auch in der Familie helfen, genau hinschauen und erkennen zu können, was vorhanden ist und was noch fehlt.
Es war sehr eindrücklich, in den folgenden Filmausschnitten mitverfolgen zu können, wie die Kinder aufblühten, als sie gezielt unterstützt wurden, ihre sozialen Kompetenzen zu verbessern. Sie wurden befähigt, mit anderen Kindern beim gemeinsamen Spielen in Kontakt zu kommen. Sie lernten auch, warten zu können, anderen Kindern zuzuhören und helfen zu können. Sie lernten, Aufforderungen mitzubekommen und befolgen zu können. Und – ganz wichtig – sie lernten auch, Rückmeldungen von «Gspändli» und Erwachsenen anzunehmen und dadurch Glücksgefühle und Zufriedenheit zu erfahren und mehr Zutrauen zu gewinnen.
Gelungene Momente
Filmausschnitte von ganz besonders gelungenen Momenten werden in den Förderprozessen auch zusammen mit den Kindern angeschaut. Die Kinder können mit eigenen Augen und Ohren aufnehmen, was sie erreicht haben. Diese Momente werden wiederum filmisch festgehalten. Thelen setzt diese Filme – immer in Absprache mit allen Beteiligten – im schulischen Umfeld und auch an Elternabenden ein. Zu sehen, welche Fortschritte Kinder gemacht haben, die zuvor als «Problemkinder» angesehen wurden und im ungünstigsten Fall bereits als «nicht tragbar» eingestuft wurden, ist für das ganze Umfeld erhellend.
Die Stärke der Marte Meo-Methode ist, dass die gemachten Filmaufnahmen von alltäglichen Situationen allen Beteiligten sichtbar und erkennbar machen, was vorhanden ist und was noch fehlt. Im Alltag gehen kleine, aber wichtige Dinge, wie Blicke, ein kurzes Lächeln und leise Töne sehr oft unter. Beim Anschauen, Standbildern und erneutem Anschauen kommen diese Dinge zum Vorschein und können genutzt werden, um darauf aufzubauen.
Organisiert wurde die Fachtagung von Claudia Berther, lizenzierte Marte-Meo-Supervisorin aus Wallbach. Wie Referentin Thelen hat sie die Ausbildung bei Maria Aarts, der Begründerin der Methode, zur selben Zeit absolviert. Berther ist seit bald 20 Jahren beratend, ausbildend und als Referentin tätig. Sie unterstützt und begleitet Teams in verschiedenen Institutionen, hilft bei der Implementierung der Methode, bietet Supervisionen und Seminare an. Sie ist zudem Autorin eines Fachbuches.
Am Schluss des Tages erinnerte Berther an einen Satz, den sie von Maria Aarts in der Ausbildung gehört hatte und nie mehr vergessen habe. «Ich biete dem Kind einen besseren Moment.» Vielleicht ist es «nur» ein Moment, aber aus einem Moment wird eine bessere Stunde, eine bessere Woche, ein besserer Monat und am Schluss ein besseres Leben. Jede Anstrengung wirkt, jeder Moment zählt.