Ein beeindruckendes und manchmal auch herausforderndes Konzert auf durchgängig hohem Niveau: Dies durften die Besucher geniessen, die am Donnerstagabend in den Saalbau zu Stein gekommen waren. Dort spielte die Brass Band Fricktal zu ihrem Frühlingskonzert unter dem Titel «Magdalena-Bucht» auf.
MICHAEL GOTTSTEIN
Das Ensemble, das im vergangenen Jahr sein 150. Jubiläum gefeiert hatte, besteht aus einer Musikerin und etwa 30 Musikern, die – anders als der Name vermuten lässt - aus einem grossen Einzugsgebiet von der Nordwestschweiz bis ins Bünderland kommen. Die Band kann also aus einem grossen Reservoir an Talenten schöpfen, was die zahlreichen Auszeichnungen erklärt.
Dirigent Florentin Setz und seine Vorgänger hatten aus den Solisten einen homogenen Klangkörper geformt, der sich souverän im Zusammenspiel zeigte, intonationssicher spielte und eine grosse Wandlungsfähigkeit bewies. Diese brauchte es auch, denn mit dem fanfarenartigen Eingangswerk «Prismatic Light» von Alan Fernie unterstrich die Band ihren Anspruch, die unterschiedlichsten Klangnuancen musikalisch wirkungsvoll in Szene zu setzen. Im Gegensatz zu den zahlreichen Blasorchestern spielen in einer Brass Band keine Holzbläser, und anstelle der Trompeten werden Kornette eingesetzt.
Eine Hommage an die schrecklich-schöne Natur Spitzbergens
Im Zentrum des Konzerts stand die «Magdalena-Bucht», geschrieben von Gauthier Dupertuis, der hier eine Überschreitung der Gattungsgrenzen riskiert hatte: Musik ist wie die Literatur eine Kunstgattung, die üblicherweise in der Zeit wirkt, also Handlungsabläufe beschreibt, während die Malerei einen Zustand festhält. Seiner Komposition ist aber keine Handlung, sondern eine Bildbeschreibung zugrunde gelegt, und dafür hatte er das Gemälde «Magdalena-Bucht» von Francois-Auguste Biard (1799 bis 1882) ausgewählt. Er war einer der ersten Maler, die die nordische Welt Spitzbergens als darstellungswürdig betrachteten. Das Werk zeigt eine Schnee- und Gebirgswelt in Blau, Weiss, Grau und Schwarz mit wenigen, klein dargestellten Menschen und Spuren im Schnee: Hat sich etwa ein Drama ereignet? Raffael Wagner nahm sein Moderatoren-Amt so ernst, dass er das Original im Louvre ansehen wollte, aber wegen des jüngsten Juwelenraubs war ausgerechnet der Flügel, in dem das romantische Gemälde ausgestellt ist, geschlossen. Doch die Brass Band spielte so gekonnt, dass wohl jeder Zuhörer das Bild vor dem inneren Auge heraufbeschwören konnte. Dupertuis’ Komposition ist eine Absage an gefühlvolle Eingängigkeit und gewohnte musikalische Harmoniebedürfnisse, aber ungemein plastisch im Ausdruck: Die hohen Kornette konnten, in Zusammenspiel mit dem Vibraphon, im Pianissimo eine eisige Atmosphäre evozieren und einen Zustand der Erstarrung beschreiben, gleichzeitig deuteten sie auch eine unterschwellige Spannung an, die sich später in den dramatischen orchestralen Aufwallungen entlud. Den Zuhörern wurden auch Dissonanzen zugemutet, das Klangfarbenspektrum wurde durch das «Stopfen» der Schalltrichter ins oft Grelle hinein erweitert, und die Einwürfe der Posaunen wirkten weniger glanzvoll als vielmehr aggressiv: Der Band gelang so eine sehr intensive Interpretation, die deutlich machte, dass die «Erhabenheit der Natur», ganz im Sinne der Kunsttheorie, oft auch mit Schrecken verbunden ist.
«Die schnellsten Zungen des Fricktals»
Etwas weniger provokant, aber ebenfalls reich an Facetten war John Williams’ «Cowboy-Ouvertüre». «Die Musik schmeckt nach Leder, Staub, Abenteuer, Westernromantik», so der Moderator. Unterhaltender, aber deshalb nicht weniger niveauvoll, ging es nach der Pause weiter. Auf das einleitende Werk «Horizons» von Paul Lovatt-Cooper folgte das kurze, aber heftige und ohne Handbremse gespielte «Misiriou» von Bertrand Moren, basierend auf der Volksmusik des östlichen Mittelmeerraums. Als Solisten brillierten die, so Raffael Wagner, „schnellsten Zungen des Fricktals“, namentlich Kai Vögele (Es-Horn) und Elias Mühlebach (Euphonium), die ihren nicht gerade kleinen und auch nicht unbedingt leichtgängigen Instrumenten ganze Salven an Staccati entlockten und sich in fesselnde Dialoge verwickelten, dabei stets die nötige Leichtigkeit und auch Durchsetzungsstärke gegenüber dem Orchestercrescendo bewiesen. Diese Leistung verdiente den besonderen Beifall des Publikums.
Ein schönes Beispiel für Programmmusik war Manuel Rengglis «Cirque au Lac», das beim Eidgenössischen Musikfest in Biel als Pflichtstück vorgesehen ist. Er beschrieb in einer reichen Tonsprache – mit chromatischen Einwürfen, rhythmisch markanten, aber auch lyrisch-sanglichen Passagen und tanzartigen Weisen – einen Tag in Biel. Im Zentrum stand eine schlichte volksliedhafte Weise, garniert mit Glockenmotiven, die humoristisch Kuhglocken zitierten. Was einfach klang, stellte besondere Herausforderungen an die Intonationssicherheit der Bläser. Ibrahim Maaloufs «True Sorry» leitete über zu Lode Violets «Lied aus dem Norden», mit dem das Konzert festlich ausklang. Nach dem Dank an die Besucher, Sponsoren, Mitwirkenden und die Helfer der Stadtmusik Rheinfelden würdigte die Brass Band in Gestalt zweier Zugaben das traditionelle Repertoire.
Bild 1,2 und 4: Die Brass Band Fricktal unter Leitung von Florentin Setz
Bild 3: Durch das «Stopfen» der Schalltrichter gewinnt man zusätzliche Klangfarben.
Bild 5: Die «schnellsten Zungen des Fricktals»: Als Solisten brillierten Kai Vögele und Elias Mühlebach.
Fotos: Michael Gottstein