(eing.) Vor über 60 Jahren wurde von der reformierten Kirchgemeinde Rheinfelden ein innovatives Projekt lanciert. Unter ehrenamtlicher Beteiligung entstand an der Salinenstrasse 18 in Rheinfelden eine «Jugendstube». Der Umbau und die Inbetriebnahme des Lokals wurden filmisch dokumentiert. Die Aufnahmen aus den Jahren 1961/1962 hat nun der Archivfilm-Liebhaber Ruedi Wullschleger einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Damals war Ruedi Wullschleger 17 Jahre alt und gehörte zur Zielgruppe des Jugendprojekts. Der Rheinfelder, der inzwischen in Kaiseraugst heimisch geworden ist, erinnerte sich nicht nur an die Eröffnung der Jugendstube, sondern auch daran, dass damals gefilmt wurde. Dr. Garabed Enezian tauchte auf der Baustelle mit seiner 8mm-Kamera immer wieder auf und richtete die Linse auf Vorschlaghammer, Bauschutt, Karetten, Drehsägen, auf des Maurers Spachtel oder auf die Malerkessel und hielt den Fortschritt der Arbeiten detailreich fest. Der Inhaber der Central Apotheke war Mitglied der Jugendstubenkommission und das Projekt lag ihm offensichtlich sehr am Herzen. Im Zusammenschnitt ist der armenisch-stämmige, in Teheran geborene Rheinfelder Bürger kurz in seiner Apotheke zu sehen. Ob hier der Filmemacher seine Kamera aus der Hand gab? Er selbst hielt viele beteiligte Persönlichkeiten im Bewegtbild fest: Lehrer Otto Zemp (Präsident), Lehrerin Vreni Eichenberger, Pfarrer Karl Müller, Anna Wüthrich-Buess (Kassierin), Heidi Heussler, Innenarchitektin Ruth Mergenthaler und Architekt Jakob Vogel, der den Bau betreute. Dieser ist vor der Liegenschaft mit Bauplänen in der Hand flankiert durch Dr. Enezian und Spenglermeister Schmelcher zu sehen. Bei der Abriss-Szene schaffte es Wullschleger sogar die Burschen zu identifizieren, die gemeinsam am Seil ziehen: Willi Uehlinger, Heiri Müller und René Buser. Die Wände werden unter der Leitung von Max Fleig gestrichen. Traugott Rosenthaler betreut die Schreinerarbeiten. Nach einem knappen Jahr ist die Jugendstube bezugsbereit.
Zur Eröffnung wurde getanzt
Bei der Eröffnung schwingen die Mädels und Frau Beck, die gute Seele der Jugendstube, das Tanzbein. Die Jungs sehen sich lieber einen neuartigen Kassettenrekorder an, sie tragen einen Töggeli-Match aus oder liefern sich eine Schach-Partie. Auffallend viele sind mit einer Zigarette im Mund zu sehen, was der Betreuerin, Frau Beck, nicht gefällt, sie aber in toleranter Manier sein lässt. Ruedi Wullschleger zitiert in seiner Aufbereitung des Filmmaterials aus der Rede von Präsident Otto Zemp, der die Seele der Stube folgendermassen beschrieb: «In der Stille der Stube sollen grosse Ideen reifen, sollen junge Menschen sich ungezwungen entspannen und erholen dürfen beim Spiel, Musik und Büchern.»
Aus Jugendstube wird Jugendzentrum
Die Idee der Stube traf offensichtlich den Nerv der Zeit und das Lokal blieb bis 1986 in lebhaftem Betrieb. Zu lebhaft, fand man anscheinend in der Nachbarschaft und die Stube musste nach 24 Jahren ihre Tore schliessen. 1988 fand die Jugendstube, jetzt als Rheinfelder Jugendzentrum (RJZ), in der Halle am Schützenweg eine neue Bleibe.
Dank Ruedi Wullschlegers Arbeit bekommen wir nun einen echten Einblick in eine Zeit, die weit zurückliegt. Dafür hat der Kaiseraugster Ur-Rheinfelder keine Mühe gescheut. Er nutzte die Langweile der Pandemie-Zeit für die Recherche, für die Suche nach alten Filmaufzeichnungen. Dafür klopfte er an die Türen der Nachfahren der «alten Verdächtigen» und wurde fündig. Es folgten Stunden vom Visionieren, Sortieren, Katalogisieren, Digitalisieren. Schliesslich kam der Schnitt, den er meisterhaft beherrscht. Zur Aufbereitung gehört für Wullschleger auch eine Nachvertonung der stummen Aufnahmen. Seine Tricks bleiben so unauffällig, dass sich der Zuschauer vollends in die 60-er Jahre zurückversetzt fühlt, wenn die damaligen Songs aus einem knisternden Radio zu seinen Ohren dringen.
Erinnerungen oder Geschichtsstunde
Erinnerungen werden wieder wach – für jene, die damals jung waren. Für die anderen hat Ruedi Wullschleger eine 14-minütige Geschichtsstunde parat: Rheinfelder Geschichte und Geschichte der reformierten Kirchgemeinde. Der Film wird im Rahmen des Begegnungscafés am Donnerstag, 25. April, ab 14 Uhr gezeigt. Ref. Kirchgemeindehaus Roberstenstrasse 22 in Rheinfelden. Das Video kann auch auf der Internetseite der Reformierten Kirche Region Rheinfelden angesehen werden: www.ref-rheinfelden.ch oder per QR-Code direkt auf YouTube.