Am vergangenen Freitag und Samstag fand in der Schulanlage Engerfeld in Rheinfelden die Berufsmesse «Schule trifft Wirtschaft» statt – erstmals für den gesamten Bezirk Rheinfelden, organisiert vom Aargauischen Gewerbeverband (AGV), den zuständigen Schulen sowie ask! – den Beratungsdiensten für Ausbildung und Beruf Aargau (fricktal.info berichtete).
LILIA STAIGER
Rund 60 Berufe wurden den Schülerinnen und Schülern bei der bislang grössten Ausgabe von «Schule trifft Wirtschaft» von Firmen aus der Umgebung präsentiert.
Die Schüler hatten sich im Vorfeld auf Ausbildungsberufe, die sie interessieren, gemeinsam mit ihren Lehrpersonen vorbereitet, um bei den jeweiligen Ständen Fragen zu stellen, und sie konnten sich für verschiedene Standbesuche voranmelden.
Schnupperlernende gefunden
Patrick Feutl und Tetiana Savytska repräsentierten am Freitagvormittag den Beruf Maler EFZ und EBA. Patrick Feutl ist seit zwei Jahren Leiter Bau- und Kundenmalerei bei der Thomas Müller AG in Magden: «Das Platzangebot bei der Messe ist gross, und es sind viele Schüler aus den umliegenden Orten hier. Wir können uns schon über drei Schüler freuen, die im Juli eine Schnupperlehre machen wollen.» Tetiana Savytska ist 16 Jahre alt, und sie kam vor einem Jahr und acht Monaten mit ihrer Familie aus der Ukraine in die Schweiz. Den Malerberuf hat sie durch Zufall für sich entdeckt: «Die Ausbildung macht mir grossen Spass, vor allem Tapezieren und Streichen.»
Gipserberuf fördern
«Immer mehr Frauen interessieren sich für den Malerberuf, da er auch eine kreative Komponente hat», ergänzte Alfons Kaufmann, OK-Präsident von Schule trifft Wirtschaft und langjähriger Bezirksvertreter beim AGV. Anders sei dies bei dem Beruf des Gipsers, den der Unternehmer im Namen seines Betriebs, der Alfons P. Kaufmann GmbH aus Wallbach, repräsentiert. «Der Gipserberuf ist einer der Handwerksberufe im höheren Lohnsegment, und er ist anspruchsvoll. Es werden Wände, Decken und Verkleidungen konstruiert sowie Häuser isoliert. Nachdem in den 1970er-Jahren viele italienische Gastarbeiter in die Schweiz kamen und den Beruf durch ihre handwerkliche Begabung ausführen konnten, gab es immer mehr Gipserbetriebe, die von italienischen Immigranten und später solche, die von Immigranten der Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens geführt wurden. Leider wurde hier weniger in die Ausbildung und Förderung des Berufs investiert, und heute gilt der Beruf für viele Jugendliche schlichtweg als nicht ‹sexy›», erklärt Alfons Kaufmann.
ask! hilft bei Berufswahl
Die zwei Schülerinnen Lejla Zymberi, 15, und Celina Sariwar, 16, aus Möhlin waren dabei, sich zwischen einem Beruf im Gastgewerbe, zu dem sie sich am Infostand bei Mitarbeitenden des Hotels Schützen in Rheinfelden erkundigten, und den Berufen Fachfrau/-mann Betreuung (FaBe) und Medizinische/-r Praxisassistent/-in (MPA) zu entscheiden. «Der Beruf Koch/Köchin hat uns sehr zugesagt und positiv überrascht», berichtet Lejla. «Insgesamt kann ich mir aber die Ausbildung zur MPA von den Tätigkeiten her besser vorstellen», ergänzt Celina.
Sarah Grütter ist seit elf Jahren bei der AKB in Rheinfelden. Als Lehrlingsverantwortliche konnte sie genau beschreiben, was Schüler an einer KV-Lehre im Fachbereich Bank reizt: «Die Ausbildung ist sehr spannend und vielseitig; man lernt alle Bereiche kennen, darunter das Backoffice, das Marketing und den Schalter. Zudem bekommt man einen Einblick in verschiedene Filialen der Region.»
Auch die Beratungsdienste ask! waren bei der Tischmesse mit einem Stand vertreten: «Wir sind für alle Fragen rund um das Thema Berufs- und Studienwahl zuständig – für Schüler ab der 8. Klasse bis hin zu 65-jährigen Personen», erklärte Christine Gisin. Das Beratungsspektrum erstreckt sich von der ersten Berufswahl, über Laufbahnberatung und Standortbestimmung bis hin zu psychologischer Beratung. ask! arbeitet eng mit den Schulen zusammen, bietet Infoveranstaltungen sowie persönliche Beratungstermine.
Zeichnerin aus Leidenschaft
Arzana Fejzula, 16, ist seit einem Jahr Auszubildende zur Zeichnerin EFZ bei Vogel Architekten in Rheinfelden und stand den Schülerinnen und Schülern an ihrem Stand Rede und Antwort. «Beim Hausbau meiner Eltern habe ich mich schon für die Baupläne und alles drumherum interessiert. Von da an wusste ich, dass Zeichnerin mein Traumberuf ist. Es kommt hierbei auf Genauigkeit an, aber der Beruf lässt auch Raum für Kreativität. Auf den Baustellen zu sein, macht mir ebenso viel Spass, wie an Sitzungen teilzunehmen», schwärmt sie. Die Lehre als Zeichner/-in EFZ gibt es zudem mit der Fachrichtung Ingenieurbau. Die anspruchsvolle Ausbildung umfasst vier Lehrjahre, in denen unter anderem der Tiefbau und der Strassenbau im Mittelpunkt stehen. «Diese Lehre bietet viele Weiterbildungsmöglichkeiten», erläutert Jonas Leuenberger, 23, von der Aegerter & Bosshardt AG aus Möhlin, «zum Beispiel ein Studium zum Ingenieur oder Umweltingenieur.»
Traumberuf in der Pharmabranche
Am Stand für den Beruf Chemie- und Pharmatechnologe/-technologin erzählt Sina Henz, 17, Auszubildende bei Roche, warum für sie schon früh feststand, dass dies ihr Traumberuf ist: «Chemie war mein Lieblingsfach in der Schule, darum wollte ich unbedingt eine Ausbildung in dem Bereich machen – und sie ist sehr abwechslungsreich und spannend.» Urs Wyss, Verantwortlicher für Berufsinformation und Rekrutierung bei Roche, wünscht sich eine grössere Nachfrage für den Beruf: «Einerseits ist zu beobachten, dass immer mehr Frauen den Beruf wählen, doch insgesamt kennen die Jugendlichen die Lehre zum Chemie- und Pharmatechnologen zu wenig, daher ist das Interesse hier bislang verhalten. Die Ausbildungen Laborant/-in und Biotechnologe/-technologin, die wir bei Roche ebenfalls anbieten, sind aktuell gefragter. Wir hoffen jedenfalls noch auf den Samstag, wenn die Schüler mit ihren Eltern kommen; die Berufswahl ist schliesslich immer ein Familienprozess.»
«Recyclisten sind keine Müllmänner»
Nach dem erfolgreichen Vormittag gingen einige Schüler bereits recht entschlossen nach Hause. «Ich werde sehr wahrscheinlich eine Lehre zum Maurer machen. Das handwerkliche Arbeiten liegt mir, und ich bin gerne viel draussen», schwärmt David Radic, 14, «ausserdem habe ich bereits eine Schnupperlehre gemacht, die mir gut gefallen hat.»
Tanja Steinegger, HR-Leiterin der Waser AG in Rheinfelden, erhofft sich durch die Präsenz bei Schule trifft Wirtschaft, die Berufe Recyclist/-in und Strassentransportmann/-frau bekannter und beliebter zu machen: «Viele Jugendliche denken, Recyclist sei dasselbe wie Müllmann; das ist falsch. Recyclisten sorgen dafür, dass Wertstoffe zurück in den Wertstoffkreislauf kommen. Sie sind in vielen grossen Betrieben gefragte Fachleute, und die Ausbildung ist eine gute Basis, nach der diverse Weiterbildungen möglich sind», führt Tanja Steinegger aus, «Auszubildende zur/zum Strassentransportfachfrau/-mann können bei uns ausserdem die Führerausweise B und C während der Lehre machen.»
Positive Bilanz
Alfons Kaufmann zog bereits nach dem Auftakt am Freitagvormittag, bei dem zunächst die Schüler der 8. Klassen aus Möhlin zum organisierten Besuch kamen, eine sehr positive Bilanz: «Die Tischmesse hat es zuvor noch nie in der Grösse gegeben, und die Betriebe profitieren davon, einmal den grösseren Aufwand zu haben und dafür mehr Interessentinnen und Interessenten anzutreffen, die vor allem aus Rheinfelden, Möhlin oder den umliegenden Ortschaften kommen.»