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Hoch hinauf – dem Himmel näher? Neun Pilger unter Fricktaler Leitung auf dem Bündner Jakobsweg

(ct) Mit der spirituellen Frage «Hoch hinauf – Kommen wir so dem Himmel näher?» starteten neun mutige Pilgerinnen und ein Pilger zusammen mit den Pilgerbegleiterinnen EJW Martina Grenacher und Christine Toscano am 28. Juli zur dreitägigen Pilgerwanderung auf dem Bündner Jakobsweg von Susch im Engadin über den Scalettapass nach Davos.

In Susch am Bahnhof begrüsste Christine Toscano aus Rheinfelden mit «Allegra», Grüezi auf Rätoromanisch, die Gruppe, die aus Zug, Basel und dem Fricktal angereist war. Alle bekamen eine Pilgermuschel an den Rucksack gehängt sowie einen Pilgerpass für die Pilgerstempel unterwegs und ein Liedblatt. Mit dem Tagesthema «Den Alltag zurücklassen – als Pilger auf dem Jakobsweg losgehen» wanderte die Gruppe los. Zuerst ging's gemächlich dem Fluss Inn entlang talaufwärts. Schon bald führte der Jakobsweg, die Nr. 43 der Schweizer Wanderwege, steil hoch und die Kondition der Teilnehmer wurde zum ersten Mal auf die Probe gestellt. In Zernez stärkten sich alle mit einem Picknick. Spirituelle Nahrung gab es anschliessend in der Kapelle San Sebastian mit Gesang, Segen und einem Pilgerspruch.

Gegen Abend erreichte die Gruppe müde Cinuos-Chel im Oberengadin, wo sie dankbar das Hotelzimmer bezog, geschützt vor dem aufkommenden Regen. Früh am nächsten Morgen, damit Gewittern möglichst ausgewichen werden könnte, ging das Pilgern los: Hoch hinauf – Kommen wir so dem Himmel näher? Das war heute die grosse Frage. In der schlichten Kirche von Susauna wurde an die verschiedenen Situationen gedacht, in denen Jesus in der Bibel auf einen Berg ging, ob allein, mit seinen Jüngern oder mit vielen Menschen, immer war es ein besonderes, überraschendes Erlebnis auf dem Berg. Wie würden die Pilger den Scalettapass mit seinen 2605 m Höhe erleben?

Zuerst führte der ehemalige Säumer- und Pilgerweg dem Bach Vallember entlang. Ab der Alp Pignaint stieg er an. Die Gruppe ging bis zur malerischen Hochebende der Alp Funtauna im Schweigen, damit jede Pilgerin sich selbst und das wunderschöne Tal ganz bewusst, «preschaint» (rätoromanisch) wahrnehmen konnte. Das Picknick auf der Alp wurde ein Abenteuer: die neben ein paar Schweinen frei weidenden Pferde und Maultiere machten sich einen Spass daraus, an den Pilger-Rucksäcken zu knabbern. Da die Pilger versuchten, das Essen zu beschützen, packten die Pferde an Jacken und Stöcken zu.

Alpsegen. Foto: zVgVor dem steilen Schlussaufstieg zum Pass liess Martina Grenacher mit einem improvisierten Alpsegen-Betruf-Trichter und einem kleinen Glöcklein einen traditionellen Betruf über das Tal erschallen, dem sich die Pilger mit einem kurzen Pilgerwunsch anschlossen. Das Glockengeläut und viel Gelächter begleiteten die einzigartige Zeremonie. Danach ging's unerbittlich bergauf bis zum Scalettapass, der mit 2605m der höchstgelegenste Punkt des europäischen Jakobswegnetzes ist. Wer unterwegs Mühe bekundete, bekam aufmunternde Worte von den anderen oder gar ein Coramine aus Möhlins höchster Samariterhand. Mit dem mitgetragenen Stein wurde symbolisch bei der Jakobsmuschel am Wegrand eine innere Last abgelegt. Danach konnten alle ihre persönliche Himmelsnähe auf sich wirken lassen. Dann wurde gefeiert: reihum ging ein Gipfeltrunk, begleitet von einem Änisbrötli in Muschelform.

Ein Blick zurück ins Engadin – der Blick voraus Richtung Davos mahnte zum Weitergehen: dort zogen dunkle Wolken auf und schon bald konnten die Pelerinen beim Abstieg im Regen gebraucht werden. Gesund und wohlgemut kamen alle auf dem Dürrboden an, wo ein Massenlager für die Nacht wartete. Nach dem stärkenden Abendessen durfte die Gutenachtgeschichte nicht fehlen: In Franz Hohlers «Weissem Spitzchen» ging es auch um einen Berg und eine Sehnsucht, die wohl auch jedem Pilger innewohnt. Abgeschlossen wurde der Tag mit den Liedern «Luegid vo Bärg und Tal» und «Der Mond ist aufgegangen». Wer sich im richtigen Moment nachts ins Freie zur Toilette wagte, konnte mit Glück zwischen den Wolkenfetzen ein paar leuchtende Sterne in der absoluten Dunkelheit entdecken.

Der Abstieg nach Davos durchs Dischmatal war ein Leichtes für die erprobten Pilger. Zum Tagesthema «Beschenkt das mitnehmen, was der Weg uns gibt» waren alle eingeladen, eine kleine Kostbarkeit aus der Natur für den Abschlusspilgergottesdienst in der St. Theodul Kirche in Davos Dorf mitzunehmen. Nach einer Gehmeditation dem rauschenden Bach entlang gab es noch die Möglichkeit eines Fussbades in der Dischma mit anschliessender Fussmassage durch die beiden Pilgerbegleiterinnen. Ein wenig Wellness gehörte nach der anstrengenden Tour dazu, ging doch für einige am nächsten Morgen der Berufsalltag wieder los.

 Vallember im Susaunatal. Foto: zVgAuf dem letzten Stück war der Regen nochmals Begleiter, doch schon in Davos konnte die Gruppe wieder im Trockenen beim kleinen See neben der Kirche picknicken. Anschliessend gab die Kirchenführerin Susi Teufen Erläuterungen zu den wiederentdeckten Freskenmalereien in der Kirche, zur Besiedelung von Davos durch die Walser sowie zu den Veränderungen durch den aufkommenden Tourismus anfangs des 20. Jahrhunderts. Nach dem Pilgergottesdienst kam beim Abschluss ein wenig Wehmut auf.

Die Frage bleibt für alle dieselbe: Wie und wo kann ich dem Himmel im Alltag näherkommen? Es wäre doch das Ziel, dass das Leben mit einem Pilgerweg verglichen werden kann - wem dies nicht recht gelingen will, der möge sich wieder aufmachen zum Pilgern. Diese Pilgertage waren lediglich ein steiler und wunderschöner Einstieg auf dem Bündner Jakobsweg, es bleiben noch ungefähr 200 km auf dem Bündner Jakobsweg zu erpilgern - nach Santiago de Compostella wären es noch einige mehr. Und wer nicht allein pilgernd unterwegs sein möchte, kann sich für den Taizé-Tagespilgertag zum Kloster Mariazell am 2. September anmelden. Kontakt: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. oder Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein..

 
Bilder:
- Die Gruppe beim Start in Susch.- Alpsegen.
- Vallember im Susaunatal.
Fotos: zVg