Am 3. Juni hat das Parlament der reformierten Landeskirche des Kantons Aargau Catherine Berger zur Kirchenratspräsidentin für die Amtsperiode 2027-2030 gewählt. Die Rheinfelder Anwältin ist die erste Nicht-Theologin und erst die dritte Frau in diesem Amt.
ANDREAS FISCHER*
Man trifft sich bei ihr zuhause in einem modernen Gebäude in Rheinfelden. Der Raum ist hell, die Küche offen, später gehen wir zur Dachterrasse hoch; von dort sieht man rüber zum Rhein. Seit ihrer Kindheit sei sie mit dem Städtli verbunden, erzählt Catherine Berger. Ihre Grosseltern lebten hier, bei ihnen verbrachte sie als Kind jeweils die Ferien.
«Zur Welt kam ich in Zürich», fährt sie fort, «dann zogen wir nach Kloten, dann nach Hofheim am Taunus in der Nähe von Frankfurt am Main – dort verbrachte ich neun Jahre meiner Kindheit.» Der Vater arbeitete als Buchhalter bei der Swissair, man hätte weiter nach Nairobi ziehen können; doch das wollten die Eltern nicht. Stattdessen kehrte man zurück in die Schweiz. «Unsere Eltern wollten, dass meine jüngere Schwester und ich in der Schweiz ans Gymnasium gehen.» Sie selber habe das schrecklich gefunden und wäre am liebsten in Deutschland geblieben. «Der Start an der Kantonsschule Baden», erinnert sie sich, «war traumatisch. Ich kam direkt in eine Prüfung rein. Als ich dem Mathelehrer sagte, dass ich die Prüfung nicht machen könne, weil ich noch nie Geometrie hatte, warf er mich aus dem Klassenzimmer. Ich rannte weinend weg und fand den Heimweg nach Ennetbaden nicht.»
«Hagelwätter Blues-Bänd» im Trudelkeller
Catherines Vater war der Ansicht, dass seine Töchter, um sich in der Schweiz zu integrieren, Skifahren lernen müssen. Also ging sie ins Skilager der Kantonsschule. Die Anfängergruppe wurde von Heiri Berger, einem Jungen im gleichen Jahrgang, geleitet. Man hatte es lustig, nach den Ferien traf man sich, erinnert sich Catherine Berger lachend, «im Trudelkeller in Baden zum Konzert der Hagelwätter Blues-Bänd». Seither sind die beiden ein Paar, kürzlich feierten sie den 35. Hochzeitstag.
Nach der Matur begann Catherine Berger ihr Jus-Studium an der Universität Zürich, Heiri studierte gleichzeitig Chemie an der ETH. Man wohnte noch nicht zusammen, teilte sich aber ein Auto, «eine kleine Rostlaube mit kariertem Innenfutter». Nach dem Lizenziat hätte Berger Assistentin beim renommierten Professor Peter Forstmoser werden können, doch Handels- und Kapitalmarktrecht interessierten sie nicht. «Ich will mit Menschen zu tun haben», sagte sie und trat eine Stelle in einer Anwaltskanzlei an, später wurde sie Gerichtsschreiberin am Bezirksgericht Baden und Ersatzrichterin am kantonalen Obergericht in Aarau. Im Mai 1991 heiratete sie, im Herbst desselben Jahres absolvierte sie die Anwaltsprüfung. 1993 zog man nach Rheinfelden, 1995 kam das erste von drei Kindern zur Welt.
Komplexe Gesetze, komplexeres Leben
Sie habe, sagt Catherine Berger, eine typische Frauenbiografie mit diesem Spagat zwischen Muttersein und beruflicher Karriere. Das Angebot, in eine Anwaltskanzlei einzusteigen, war ideal; sie sei, betont sie, sehr gern Mutter gewesen, als Selbständige habe sie im Beruf vor- und nachgeben können, ohne ihn ganz aufgeben zu müssen. Berger bildete sich weiter im Bereich der Mediation, also der Vermittlung. «Meiner Erfahrung nach ist der Grund von Konflikten selten, dass die Beteiligten nicht wissen, welche Regeln gelten. Vielmehr sind es persönliche Verletzungen, dass man sich nicht versteht, dass man nicht miteinander redet», sagt sie und zitiert die Headline auf der Website ihrer Anwaltskanzlei «Berger Rohrer», welche sie seit 2008 gemeinsam mit der heutigen Rheinfelder Stadtpräsidentin Claudia Rohrer führt: «Unsere Rechtsordnung mit ihren Gesetzen ist komplex, das Leben manchmal noch komplexer.» Diese Einsicht habe sie geprägt, die Mediation sei in ihrer beruflichen Tätigkeit ein immer wichtigerer Bestandteil geworden.
Vor drei Jahrzehnten kam Catherine Berger anlässlich der Taufe ihres ersten Kindes in Kontakt mit der damaligen Rheinfelder Gemeindepfarrerin Judith Siegrist-Stauffer. Das Format «Bibellesen», eine Gesprächsgruppe, in der man sich über biblische Texte austauschte, interessierte sie. Sie sei schon als Jugendliche gern in die Kirche gegangen, erzählt Berger, «ich erlebte sie als Ort der Geborgenheit, das Geistige zog mich an und auch die Thematik der Gerechtigkeit, die Theologie und Jurisprudenz miteinander verbindet.» Sie erinnere sich gut an ihren Konfpfarrer in Deutschland, dem ein im Sterben liegender Kriegskamerad einst das Versprechen abgerungen hatte, dass er, wenn er überlebe, Theologie studieren würde. Der biblische Spruch, den sie zur Konfirmation erhielt, begleitet Berger bis heute, im Wortlaut der alten Lutherübersetzung: «Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende».
Exnovation
Bald fühlte sich Catherine Berger in der reformierten Kirchgemeinde Rheinfelden zuhause und begann, sich zu engagieren, 2002 als Mitglied, von 2006 bis 2019 als Präsidentin der lokalen Kirchenpflege. 2015 wurde sie Kirchenrätin und 2022 Vizepräsidentin des Kirchenrats der Aargauer Landeskirche; ebenfalls seit 2022 ist sie Mitglied des Rats der Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz EKS und auch dort amtierende Vizepräsidentin. Nun, am 3. Juni dieses Jahres, hat sie die Synode, also das Parlament der reformierten Landeskirche des Kantons Aargau für die Amtsperiode 2027-2030 zur Kirchenratspräsidentin gewählt. Dass Herausforderungen auf sie zukommen werden, ist sich Berger bewusst. Dass die Kirchen kleiner und ärmer werden, sei durch die Zahlen deutlich belegt, sagt sie.
Doch dann fährt sie fort: Sie bewege sich oft an den Schnittstellen von «Kirche» und «Welt», sowohl im Kirchenrat wie im Rat der EKS betreue sie Dossiers, bei denen es um Seelsorge im Gesundheitswesen gehe, und da sei es eindrücklich zu sehen, welche Akzeptanz und Wertschätzung den Kirchen in den säkularen Institutionen entgegengebracht werde. Ausserdem habe sie zuweilen den Eindruck, der gesellschaftliche Megatrend zur Individualisierung habe den Peak erreicht, und die Kirchen als Orte von Gemeinschaft, Toleranz und Integration könnten so etwas wie eine Renaissance erleben. Und auch dem wachsenden Bedürfnis nach Sicherheit und klaren Werten könnte die uralte Institution Kirche mit ihren langsam mahlenden Mühlen entgegenkommen.
Sie verstehe sich jedenfalls nicht als Konkursverwalterin, sagt Berger mit spürbarem innerem Feuer. Sie sei überzeugt, dass die in den vergangenen Jahren unter Leitung des amtierenden Präsidenten Pfr. Dr. Christoph Weber-Berg in die Wege geleiteten Reformen die Rahmenbedingungen schaffen, dass der Geist durch die Kirchen wehen könne. Dafür brauche es mancherorts das, was die deutsche Theologin Sandra Bils «Exnovation» nenne, das Entrümpeln der Räume von Veraltetem und Überholtem. So, ist Berger überzeugt, entsteht Raum fürs Wesentliche.
«Was trägt dich?»
«Was trägt dich?», fragt man zum Schluss. Dass ich nicht allein bin, sagt Catherine Berger. «Ich bin geborgen in einer Kraft, die grösser ist als ich selber. Diese Kraft zeigt sich auch in und durch uns Menschen, übrigens, so glaube ich, auch durch solche, die uns vorausgegangen sind und nach uns sein werden. Von dieser Kraft bin ich ergriffen, das ist so.»
* Andreas Fischer ist Pfarrer in der reformierten Kirchgemeinde Region Rheinfelden und Synodaler.