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m schweizerischen Chablaisgebiet oberhalb von Champery lässt es sich auf der Portes du Soleil (Sonnentor) gemütlich ausruhen und die Aussicht auf die Dents du Midi geniessen.

Chablais-Land – auch Velo-Land

Mit dem Bergvelo unterwegs – Auszug aus dem Touren-Tagebuch von Kurt Kopp, Münchwilen.

Das Chablais ist die erste Bergkette der Voralpen zwischen dem Genfersee und dem Massiv des Mont Blanc. Der grössere westliche Teil, das Seeufer mit den Mineralwasserquellen von Evian und Thonon, gehört zum französischen Département Savoyen. Der von der Rhone durchflossene schweizerische Teil setzt sich aus dem Walliser Bezirk Monthey und dem Waadtländer Bezirk Aigle zusammen. Höchste Erhebung bildet die Haute Cime der Dents du Midi auf 3258 m ü.M. Der französische Teil wurde von der UNESCO als «Geopark» ausgezeichnet.
Noch immer befindet sich der Velosport im Aufschwung. Nebst der Aufmerksamkeit trägt dazu auch die Infrastruktur und die technische Entwicklung bei. Jedermann findet für sich ein geeignetes Velo. Häufiger sind E-Bikes unterwegs. Ihr Gewicht wird leichter und die Reichweite grösser. Ein sicher auch nicht zu unterschätzender Umstand sind die vielen Erfolge, die allein im schweizerischen Radsport wieder zu verzeichnen waren. Persönlichkeiten wie Marlen Reusser, Jolanda Neff, Nino Schurter, Stefan Küng und Jungstar Jan Christen garantieren schon fast gewohnt beste Resultate.
Heute spricht man von Velo- statt Autobahnen und von Velo- statt Skiliften. Angebote wie «Zu Besuch beim Bergdoktor» usw. oder die Slow­Ups sind auch Antriebsmotor für gemeinsame und gesellige Ausfahrten.
Zwischen Frick und Brugg wurde die neue Veloroute «Jurapark Aargau» mit der Nr. 908 über 105 km mit 269 Schildern eröffnet. Selbst ausge- suchte Ziele zu erreichen, bleibt als zufriedenstellendes, nachhaltiges Erlebnisse in Erinnerung. Wer die vorhandene Neugier in uns befriedigt, wird Freude ernten.

Blick vom Bergdorf Taney (oberhalb Vouvry nahe Aigle) zu den Bergen Les Jumelles (den Zwillingen) und dem Col des Crosses (Pass der Kreuzung oder der Kreuze) rechts davon im Sattel.Weniger mild, eher wild
Auf der Fahrt via Bern–Freiburg Richtung Westen erblickt der Reisende im Zug nach dem Tunnel bei Puidoux den Genfersee tief unten, die Rebberge vom Lavaux und in der Ferne die Chablais-Bergkette zwischen St. Gingolph und Evian-les-Bains. Vorteilhaft ist es, wenn man in der Fahrtrichtung links sitzt. Auf der Autobahn überquert man bei Chatel-St-Denis die Wasserscheide Rhein/Rhone. Der erste Rastplatz Richtung Aigle heisst dann Chablais. Beim grossen Kreisel sind übergrosse Velos aus Holz aufgestellt. Das ist der richtige Vorgeschmack. Die Frage, wenn man im Chablais unterwegs sein möchte, lautet vielfach, von welcher Seite (Frankreich oder Schweiz) das Ziel besser erreichbar ist. Die meisten Pässe verlaufen nahe der Grenze. Es lockt die Vielfalt der Natur. Reisen ist, was man draus macht. «Raus aus den Finken, rein in die Veloschuhe», war oft mein Gedanke. Es gibt kein Stau, keine überfüllte Pässe und Absteigen ist immer erlaubt. Neue Velogebiete suchen ist wie das Degustieren von Wein. Mitten im Walliser Chablais führt eine Strasse von Vouvry nach Miez und ab dort eine Wanderung über den Col de Taney zum Bergsee und dem Dorf mit demselben Namen. Seit über 60 Jahren ist der blauschwarze See auf 1500 m ü.M. Naturschutzgebiet, umgeben von bunten Blumenwiesen. Richtung Nordwesten steigt ein Wanderweg zum Col des Crosses, der für mich allerdings das Schieben des Velos voraussetzte. Selbst auf 2000 m ü.M. war es immer noch sehr warm. Der Passname heisst übersetzt Kreuz, bzw. Kreuzung. Davon war jedoch nichts zu sehen. Man sucht auch vergebens nach einem entsprechenden Passschild. Am Boden ist eine Gedenktafel an einen verdienstvollen Bürger in Bezug auf den Naturschutz angebracht. Die Aussicht reicht weit bis zum Genfersee. Die beiden nahegelegenen, imposanten Berge heissen «Les Jumelles», die Zwillinge. Im sympathischen Bergrestaurant am See endete der anstrengende Tag mit einer verdienten kulinarischen Belohnung. Hervorragend auch der Chablais-Wein. Kenner vergleichen ihn gerne mit Burgunder Qualität.

Heiter weiter
Die «Strecke der Grossen Alpen» führt über 21 Pässe in Frankreich und beginnt in Thonon-les-Bains und endet in Menton am Mittelmeer. Kurz vor Morzine, nach ca. 35 km, zweigt diese berühmte Route nach Südwesten ab. Weiter in südöstlicher Richtung, nach Morzine, beginnt eine schmale Nebenstrasse zum Lac des Mines. Dort angekommen begegnete ich unzähligen Bergläuferinnen und Bergläufern. Die höchste der getragenen Nummern war die 2800. Beim Verpflegungsposten sah ich das Schild Col de la Golèse. Die Richtung stimmte aber für mich nicht – und ich wurde aufgeklärt: Der Weg sei nur für den Berglauf mit grossem Umweg vorgesehen. Alle Läufer überholten mich mit erstaunlicher Kraft und Geschwindigkeit. Oben am «Golèse» scherzte ein Kontrolleur: «Das ist kein Verpflegungsposten der Tour de France». Mühe hatte ich hier, die Abzweigung zum Wanderweg zu den Pässen Cramots und Angolon zu finden. Wortwörtlich hob ich das Velo beim Nordhang westlich der Chalets de l’Abérieu «über Kraut und Kabis». Ich war überzeugt, dass in der Nähe ein Weg sein muss. Ja – weiter unten – durch Brennnesselfelder.
Auf dem Grat des Col d’Angolon musste ich wieder die Fortsetzung des Weges suchen. Dazu begab ich mich etwas weiter gegen den Berg, um eine Geländeübersicht zu erhalten. Bald aber entpuppte sich dieser vermeintliche Weg jedoch immer mehr als staubtrockener Wildwasserbach. Trotz griffigen Bergschuhsohlen rutschte ich ab und zu aus.
Bei den Chalets de Cuidex gibt es einen Wegweiser mit der Angabe: Col d’Angolon 2 Stunden – jedoch mit rotem Klebeband abgedeckt. Die Weiterreise war dann trotz holpriger Naturstrasse das reine Vergnügen, denn ich konnte wieder einmal Velo fahren.

Die fanzösischen Wanderwegweiser gefallen mir besonders, wenn darauf gleich mehrere Pässe in relativer Nähe aufgeführt sind, wie hier beim Lac de Darbon südwestlich St-Gingolph.Leise Reise
Über den Pass de Morgins erreicht man auf guter Strasse das Val d’Abondance mit dem ersten Ort Châtel. Ab dort folgt die schmalere Bergstrasse nach Südwesten zum Col Bassachaux. Hier spazierten viele Wanderer zum Lac Montriond und nach Morzine. Viel ruhiger und gefälliger ist der gleich im Wald beginnende Bergweg zum Col de l’Aup Couti. Von der Möglichkeit, über die Krete zu gehen, wurde mir abgeraten. Voraussetzung wäre Schwindelfreiheit.
In den folgenden Stunden fühlte ich mich in der Natur sehr wohl und gut aufgehoben, obwohl ich niemandem begegnete. Ich freute mich schon wieder auf den Rückweg. Es war Schritt für Schritt ein Hit und so schön, als hätte der Himmel die Erde geküsst. Die Wegführung, leicht geschlängelt durch alpine Blumenwiesen, die passenden Waldpartien und Felsen im Hintergrund, war für mich das perfekte Velowandern und ganz nach meinem Geschmack. Ich wünschte mir, die Zeit stoppen zu können, und bezeichnete für mich dieses Teilstück als Kraftstrecke.

Ausweg auf Umweg
Das Bergdorf Champoussin liegt im Wallis zwischen Monthey und Champéry, wo in Val-d’Illiez die Route nach Westen verzweigt. Eine Menge kleinerer Pässe begeistert Bergvelofahrer. Bei der Vorbereitung zum Champeys Pass ist mir bei Swissmobil aufgefallen, dass sich der Weg nur mit einem Umweg über Les Bochasses berechnen lässt. Bei der Hinfahrt sah ich ein Bauern-Ehepaar ganz in in der Nähe. Wir diskutierten. «Es sind jeweils die Wanderer, aber auch die Velofahrer, welche die elektrischen Zäune offen lassen, und ich habe kein Geld, um den Helikopter zu bestellen, um die Kühe wieder zusammenzutreiben.» Obwohl eine Hinweistafel fehlte, hatte ich für diesen sehr seltenen Fall Verständnis. Über die Pässe Pertuis Chétrain, den Pas des Champeys, den Col de l’Au zum Porte du Soleil gibt es die unterschiedlichsten Wege: Breite Naturfahrbahnen voller Steine, dann mit Grasnarben überwachsene und solch schmale, die wegen Gebüschen oder Wurzeln kaum sichtbar sind. Bekannt sind diese Übergänge nicht einmal allen Einheimischen. Umso mehr wird die Gegend vom Namen der Porte du Soleil beherrscht. Nicht nur in Sachen Werbung (Skigebiet mit 280 Pisten), sondern tatsächlich auch in Bezug auf die grandiose Aussicht. Die Zähne der Bergkette Dents du Midi zeigen sich wie mit einem Lächeln, hoch über dem Val d’Illiez, direkt gegenüber. Auf dem Rückweg konnte ich dem Bauern mit Zurufen und Winken eine Freude bereiten. Fazit: Auf Umwegen sieht man mehr und lernt sich selber ein bisschen besser kennen. In einem heimeligen Bauernhof mit Gastbetrieb genoss ich zu weissem Chablais-Wein eine Rösti mit Käse, Schinken, Spiegelei und weiteren Zutaten. Ein erstes Bier ohne Gesichtsveränderung kostet Fr. 4.00, das zweite mit nettem Ausdruck gibt es für Fr. 3.50 und das dritte mit sympathischem Lächeln für Fr. 3.00 – so der Spruch auf der Tafel über dem Ausschank.

Verwehrt - gesperrt
In einem der zahlreichen Seitentäler von Abondance nahe Vacheresse führt eine geteerte Strasse vorbei am Lac de Fontaine zur Alpe de Bise. Beim Rufuge ist bereits am Morgen einiges los. Beim Parkplatz werden Rücksäcke mit Proviant gefüllt, Bergschuhe und -kleider angezogen. Bei den Hütten riecht es nach Kaffee und an den Wegweisern werden drei mögliche Richtungen angegeben. Noch im Schatten und zwischen Kuhherden folgen die ersten Höhenmeter bis La Salle. Die Steigung beginnt mit drei nebeneinander parallelführenden Einzelpfaden – und an der Sonne. Diese werden bald einmal zu einem schmalen Weg zusammengeführt. Trotz zunehmender Höhe empfinde ich die Temperatur eher steigend. Auf dem engen Col de Bise, auch Bemialet genannt, suche ich vergebens nach dem Mont Blanc. Er liegt im Dunst. Die Sicht nach Norden ist perfekt und reicht von der Einmündung des Wanderwegs von St-Gingolph beim Lac Neuteu bis zum Genfersee in die Gegend von Vevey. Auf dem Weg zum Col de Pavis begegnete ich einem Wanderer, der nach seiner Kamera suchte. Einerseits kam mir das bekannt vor (eigene Erfahrung), andererseits musste ich sowieso auf alle Details am Boden achten, die für mich zur Falle hätten werden können. Der Bergweg fällt steil herab zum Lac de Darbon. Dieser lockte wegen der Hitze zum Bade und erinnerte mich wegen seiner an ein Herz erinnernden Form an den See Calvaresc über dem Calancatal in Graubünden. Nach dem dritten Anstieg zum Col Floray verlief der Weg über die Krete rund 300 m wieder einmal flach. Da sah ich eine knallrote Tafel vor mir: Zugang zum Col de Bouaz infolge Hangrutsches gesperrt. Ich war erleichtert, denn meine Abzweigung zurück zur Refuge de Bise war vor der Sperrung. Den Col Bouaz hatte ich als «Supplément» geplant.

Wunschtour als Abschlusstour
Verbier liegt zwar nicht mehr im Chablais, gehört aber immer noch zum Wallis. Der wander- und velo­freundliche Ort ist gut erreichbar über die Strasse ab Martigny, Sembrancher und Le Châble. Seit zwei Jahren ist ab da auch eine Gondelbahn vorhanden. Zwischen Verbier und Les Ruinettes war die Kabinenbahn stark frequentiert. Auf 2200 m ü.M. begann meine langersehnte Bergtour. In La Chaux gönnte ich mir ein zweites Frühstück. Über den Wiesenweg geriet ich zur Werkstrasse zum Col Gentianes (Enzian-Pass). Die Vegetation wechselte ihre Farbe von gelbbraun zu vermehrten Grautönen. Die Strecke ist mit VTT (Vélo tout Terrain ) beschildert. Manchmal zweifelte ich am Erreichen des Passes. Doch wie meinte Shakespeare: «Lust verkürzt den Weg». Wegen einer falsch gewählten Fortsetzung des Weges geriet ich an einen unglaublich steilen Geröllhang. Da blieb mir nur noch, das Velos zu tragen. Weiter oben suchte ich einen Quergang durch Riesenfelsbrocken zum weiteren Verlauf der wilden Naturstrasse. Serpentinen folgten teils eng aufeinander bei 2700 m Höhe nahe eines kleinen Bergsees ohne Namen. Es wurde fast hochalpin mit dünnerer Luft. Die riesengrossen Installationen der Schneekanonen passten nicht in die Gegend. Auf der Talseite des Werkweges in den Abgrund zu schauen, brachte mir ein Kribbeln in die Beine. Als eine Gondelbahn auftauchte, zählte ich beim Geräusch zehn Sekunden zwischen dem letzten Masten und der Bergstation. Das beflügelte mich ein letztes Mal. Trotz der Einöde auf dem Pass und noch warmen Temperaturen lief es mir aus purer Freude kalt über den Rücken. In einer Nische, der Notre Dame des Gentianes, standen zwei Madonnen als Beschützerinnen aller mit den Worten «Von wundervollen Momenten im Leben mit Ihnen». Beim Schweizer Wanderweg las ich die Angabe auf weissem Schild: Col des Gentianes 2894 m ü.M. Ein Ehepaar kam mit den Velos per Schwebebahn hoch und ein anderes mit E-Bikes. Der Blick zur Bergstation auf dem Mont Fort auf 3329 m ü.M. ist so grossartig wie auch derjenige zum darunterliegenden Gletscher Tortin. Auf der Abfahrt über 2000 m Höhendifferenz zur Jugendherberge in Le Châble zählte ich 65 Kurven. Es waren zwei Stunden in schöner Stille. All diese Touren waren für mich einmalige Trouvaillen. Velofahren ist ein Glück, das wirkt.

Bilder
Erstes Bild: Im schweizerischen Chablaisgebiet oberhalb von Champery lässt es sich auf der Portes du Soleil (Sonnentor) gemütlich ausruhen und die Aussicht auf die Dents du Midi geniessen.
Zweites Bild: Blick vom Bergdorf Taney (oberhalb Vouvry nahe Aigle) zu den Bergen Les Jumelles (den Zwillingen) und dem Col des Crosses (Pass der Kreuzung oder der Kreuze) rechts davon im Sattel.
Drittes Bild: Die fanzösischen Wanderwegweiser gefallen mir besonders, wenn darauf gleich mehrere Pässe in relativer Nähe aufgeführt sind, wie hier beim Lac de Darbon südwestlich St-Gingolph.