(mg) Von Solothurn nach Schwarzenburg – über Auffahrt war eine Pilgergruppe der röm.-kath. Kirche Möhlin pilgernd unterwegs auf dem Basler Jakobsweg.
Am Montag vor der Reise fand sich die Pilgergruppe in der röm.-kath. Kirche Möhlin zum Info- und Kennenlern-Treffen ein. Der Abend begann traditionsgemäss mit dem Singen des französischen Jakobspilgerliedes. Darauf folgte die Einführung der Pilgerbegleiterinnen Martina Grenacher und Christine Toscano in das diesjährige Thema «Im Fluss des Lebens». Nach einer Muschelmeditation durften die Teilnehmenden zur symphonischen Dichtung «die Moldau» ihren persönlichen Lebensfluss malen. Schlussendlich konnten bei einem Glas Wein und Gebäck die letzten Unsicherheiten aus dem Weg geräumt werden. Die Vorfreude auf das gemeinsame Abenteuer war spürbar.
Auffahrt, 9. Mai: Solothurn – Schwarzenburg (zur Quelle gehen)
Start der dreitägigen Pilgertour war die St. Ursenkathedrale in Solothurn – genau genommen der Kerzenständer, wo die Gruppe vor einem Jahr ihre Reise beendet hatte. Erinnerungen an die damalige Ankunft durchmischten sich mit Orgel- und Waldhornmusik und dem Pilgersegen zum Aufbruch. Beim ersten Impuls am Waldrand traten die Pilger eine innere Reise zu ihrer persönlichen Quelle an. Sie erinnerten sich an ihre Geburt, Kindheit und Jugend und die Fragen, die sie sich damals stellten: «Was möchte ich tun, wenn ich einmal gross bin? Wie möchte ich dann leben?» Diese Fragen nahmen die Pilger mit auf ihr nächstes Wegstück, das sie im Schweigen zurücklegten. Nach dem Abstieg zur Emme erreichte die Gruppe zur Mittagszeit das prächtige Wasserschloss Landshut, wo das Picknick eingenommen wurde. Via Bätterkinden führte der Weg weiter dem Fluss entlang und bot die wunderbare Gelegenheit, im Flussbett nach einem Kiesel und Schwemmholz zu suchen, barfuss zu laufen und die heiss gelaufenen Füsse im Fluss zu erfrischen. Bald erreichte die Gruppe das Tagesziel, Fraubrunnen mit der reformierten Kirchgemeinde Grafenried. Empfangen wurden die Pilger von Kirchenpfleger Andy Kyd, der der Gruppe die Schlafsäle mit den bereitgelegten Matratzen, die Küche, den Essraum, die Toiletten und die Kirche zeigte. Alles durfte benutzt werden, ja selbst das Klavier und die Orgel in der Kirche. Beim Tagesabschluss in der Kirche bereicherte die Teilnehmerin und Pianistin Ursula die Feier mit ausdrucksvoller Musik zum Thema «Quelle». Da es im Pfarreizentrum keine Duschen gab, entschlossen sich einige mutige Pilgerinnen ein erfrischendes Bad im grossen Brunnen vor dem Haus zu nehmen. Bleibt zu hoffen, dass es bei der Kirchgemeinde zu keinen Reklamationen kam. Ein weiterer Höhepunkt des Tages war das Paella-Essen in der Tapas-Bar beim Bahnhof. Der Spanier Carlos kochte eine leckere vegetarische Paella und buk sogar extra für die Jakobspilger einen Santiago-Kuchen – was will man mehr. Zurück bei der Unterkunft bot die Teilnehmerin und Yoga-Lehrerin Monika sozusagen als Muskelkaterprofilaxe eine Yoga-Lektion für alle an – eine wahre Wohltat für Körper und Geist. Entspannt und müde liessen sich die Pilger auf ihren Matratzen nieder, in der Hoffnung bald einzuschlafen.
Freitag, 10. Mai: Fraubrunnen – Bern (Mein Fluss des Lebens – den Tod miteinbeziehen)
Noch vor 7 Uhr fand sich die Gruppe zum Morgenritual mit «Shibashi» vor der Kirche ein. Danach folgten alle dem Duft nach frischem Kaffee. Andy war bereits zur Stelle und brachte knuspriges Brot vom Beck und alles, was man sonst noch zu einem stärkenden Frühstück brauchte. Tief beeindruckt von der warmherzigen und engagierten Gastfreundschaft der Kirchgemeinde verliessen die Pilger den Ort.
In einer mit Moos überwachsenen Waldlichtung folgte der erste Impuls mit einem «Steckli-Ritual». Alle suchten sich ein kurzes Stecklein, welches die Lebensdauer darstellte, und schnitten mit dem Sackmesser eine Kerbe an den Punkt, an dem sie glaubten, im Moment zu stehen. Das Wahrnehmen der noch verbleibenden Lebenszeit leitete in der Kirche Jegenstorf zur Frage über: «Was würde ich tun, wenn ich gerade noch sechs Monate zu leben hätte?» Im Strandbad Moossee wurden die Gedanken mit einer von Christine vorgetragenen Geschichte vertieft. Darauf folgte ein entspanntes Picknick. Gerne wäre die Gruppe noch länger am Moossee geblieben, doch lag das Ziel noch fern. Das Pilgern durch den Ort Zollikofen auf dem Asphalt und in der Mittagshitze war für alle eine Durststrecke. Ab Schloss Reichenbach führte der Weg immer direkt der Aare entlang bis zum Steg Altenberg und von da direkt in die Berner Altstadt zum Münster. Trotz Hitze und schmerzenden Füssen erreichten die Pilger pünktlich um 16.30 Uhr das Münster und durften in dem eigens für sie reservierten Chorraum unter den 78 Heiligen (Jakobus mit eingeschlossen) den Tagesabschluss feiern. In der direkt unter dem Bundeshaus gelegenen Jugendherberge wurden die Zimmer bezogen und anschliessend in der malerischen Berner Altstadt bei einem Italiener das Abendessen eingenommen.
Samstag, 11. Mai: Bern – Schwarzenburg (den Lebensfluss geniessen – Carpe diem)
Manch ein Pilger war überrascht, dass sich am Morgen sein am Vortag überstrapazierter Körper auf wundersame Weise wieder erholt hatte. Nach einem reichhaligen Frühstück fühlten sich alle fit genug, um die letzte Etappe unter die Füsse zu nehmen. Ausnahmsweise gönnten sich die Pilger aber eine Fahrt mit der Marzili-Bahn bis zum Bundeshaus hoch, wo sich die Gruppe auf der kleinen Schanze mit fantastischer Sicht auf die Alpen zum Shibashi aufstellte. Die Pilger genossen sichtlich den magischen Augenblick und führten die langsamen Bewegungen mit Hingabe aus. Der Weg führte aus der Stadt hinaus und einem Waldrand entlang Richtung Köniz. Ein letztes Mal wurde bei einem Impuls das Lebensende bedacht und die fünf Dinge, welche Sterbende gemäss der Buchautorin Bronnie Waren bereuten, den Ermutigungen für ein erfülltes Leben gegenüber gestellt. Als Erinnerung und Motivation erhielt jeder Pilger eine Karte mit dieser Gegenüberstellung. Danach ging das Programm getreu dem Tagesmotto «Carpe diem» bei einem Überraschungapéro, vorbereitet durch Verena Oberholzer, Präsidentin des schweizerischen Vereins «Eltern-Kind-Singen», genussvoll weiter. Zuvor wurde aber gesungen: «Froh zu sein, bedarf es wenig...». Der lauschige Platz direkt an einem Biotop hätte passender nicht sein können. Beschwingt ging es auf und ab durch Wälder und Felder. Die am Tag zuvor erschöpften Pilger waren nicht mehr zu bremsen und strebten trotz insgesamt 700 Höhenmetern flott dem Ziel entgegen. Genussvoll insbesondere für die Füsse war der Barfuss-Impuls, der die Pilger durch eine Wiese mit Heu zu einem erfrischenden Bach und anschliessendem Picknick führte. Die Zeit reichte sogar für einen Kaffeehalt im Restaurant bei der Schwarzwasserbrücke, wo auch die Wasserflaschen wieder gefüllt werden konnten. Nach einem letzten Aufstieg erreichte die Pilgergruppe pünktlich auf einer Anhöhe die Kirche Wahlern oberhalb von Schwarzenburg. Im Pilgergottesdienst ging es nochmals um das Wasser. «Ich gebe euch Wasser, das in euch zu einer Quelle wird, die bis ins ewige Leben weitersprudelt», wie es im Bibeltext bei Johannes heisst. Als geistige Stärkung wurde ein Glas gesegnetes, lebendiges Wasser von einem Pilger zum anderen gereicht. Die am ersten Tag gesammelten Kiesel und das Schwemmholz bildeten, um die Muschel gelegt, eine strahlende Sonne. Nach dieser würdigen Feier hiess es ein letztes Mal aufbrechen und nach Schwarzenburg absteigen, wo man sich vor der Heimreise im Bistro am Bahnhof ein letztes Mal stärkte. Schwarzenburg liegt an der Via Jacobi, der Route Nr. 4, welche von Konstanz nach Genf führt. Von hier aus werden die Pilger, so Gott will, im nächsten Jahr weiterpilgern. An dieser Stelle danken sie dem Pastoralraum Möhlinbach für die Unterstützung dieses Pilgerprojektes.
Bilder
Erstes Bild: Die Pilgergruppe vor dem Berner Münster. Foto: zVg
Zweites Bild: Kirche von Wahlern ob Schwarzenburg. Foto: zVg
Drittes Bild: Gruppenbild auf Schloss Jegenstorf. Foto: zVg
Viertes Bild: Flusslandschaft. Foto: zVg