Strand, Meer, Berge und viel Sonne. Das subtropische Klima und die landschaftlichen Schönheiten machen Kuba zu einer beliebten Feriendestination. Für den Möhliner Markus Fischler ist die Antilleninsel seit 2019 zur neuen Heimat geworden. Er lebt mit seiner Familie in Baracoa, der östlichst gelegenen Stadt, dem «schönsten Ort der Welt». Auch wenn das Paradies seine Schattenseiten hat, überwiegt dieses Gefühl nach wie vor. Zurzeit weilt er zu Besuch in seiner alten Heimat.
SONJA FASLER
Seine Liebe zu Kuba ist eigentlich durch die Musik geweckt worden. Markus Fischler, der in einer Bäckersfamilie als jüngstes von fünf Kindern in Möhlin-Riburg aufgewachsen ist, ist leidenschaftlicher Perkussionist und Schlagzeuger. Er spielte früher in diversen Bands und Orchestern, war aktiv als Tambour in Möhlin und stets bei der Fasnacht mit von der Partie, zuerst bei der Fasnachtszunft Ryburg. Als 21-Jähriger entdeckte er die afrikanischen und lateinamerikansichen Rhythmen. Er gründete die Formation «Coconuts», die sich exotische Rhythmen auf die Fahne schrieb, und mit der er viele Jahre unterwegs war. Später wechselte er zur Kleinformation «La Guggaratscha».
Erste Kuba-Reise im Jahr 1996
Eine besondere Faszination übten auf den inzwischen 66-Jährigen die kubanischen Rhythmen aus. Das war auch der Grund, wieso er in den karibischen Inselstaat reiste. Das war erstmals 1996. Fortan liess ihn das Kuba-Virus nicht mehr los. Während er bei ersten Reisen vornehmlich in der Hauptstadt Havanna und deren Umgebung weilte, zog es ihn 2003 erstmals auf die östliche Seite der Insel, nach Baracoa. Er war sofort fasziniert von diesem Ort. Dort lernte er auch seine Frau Yuris kennen. 2008 heirateten die beiden, ausreisen durfte sie aber vorerst nicht. Sie arbeitet im Gesundheitswesen und in Kuba gilt für die entsprechende Berufsgruppe eine dreijährige Ausreisesperre.
Da Markus Fischler noch in der Schweiz in seinem Beruf als Siebdrucker arbeitete, konnte er während dieser Zeit nur ein- bis zweimal jährlich nach Baracoa reisen, um seine Frau und deren Sohn Pablo zu besuchen. Für sechs Jahre lebte die Familie gemeinsam in Möhlin. Pablo, der inzwischen 18 Jahre alt ist, hätte es hier gefallen. Aber seine Frau habe schnell einmal Heimweh gehabt, so der Wahl-Kubaner. «Sie ist ein Familienmensch, wie es viele Kubaner sind.» Deshalb kam sie dieses Jahr auch nicht mit in die Schweiz, wie es ursprünglich geplant war. «Ihr 95-jähriger Vater ist gesundheitlich angeschlagen und sie wollte ihn in dieser Situation nicht zurücklassen», erzählt Fischler, der für den dritten Monat hier extra einen Wohnwagen auf dem Campingplatz in Möhlin gemietet hatte. Er selbst kommt die ersten beiden Monate bei Freunden in Möhlin unter. Aber das dortige Zimmer wäre für drei zu eng gewesen. Nun muss er den Wohnwagen eben alleine bewohnen.
Abgesehen davon, dass er seine Familie gerne hier gehabt hätte, kein Problem für ihn, denn er ist anpassungsfähig. Sicher eine Eigenschaft, die ihm bei seinem Leben in Kuba zugute kommt. Während seiner Zeit in der Schweiz trifft Markus Fischler alte Freunde, macht mit seinem E-Bike, das er bei Bekannten eingestellt hat, Touren oder unternimmt Ausflüge. «Beispielsweise auf den Säntis, dort war ich schon lange nicht mehr», sagt Fischler, der sich für einen Monat ein Schnupper-GA geleistet hat.
Corona-Pandemie wirkt immer noch nach
Endgültig nach Kuba ausgewandert ist der Möhliner schliesslich nach seiner Frühpensionierung im Jahr 2019. Einen Teil des Elternhauses seiner Frau bauten sie zum Gästehaus mit zwei Bed&Breakfast-Zimmern um. «Die Buchungen liefen super gut an. Unsere Gäste kamen vor allem aus der Schweiz, Österreich und Deutschland. Dann kam Corona», erinnert sich Fischler. «Alle Nicht-Kubaner mussten sofort ausreisen, seither läuft praktisch nichts mehr.» Weil er mit einer Kubanerin verheiratet ist, besitzt er eine Aufenthaltsgenehmigung und war von dieser Regelung ausgenommen. Die ohnehin nicht leichte Situation in Kuba habe sich nun noch verschärft. «Hier gibt es eine Zweiklassengesellschaft. Einige wenige haben Zugang zu Devisen, die anderen nicht. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer mehr», bedauert er.
Wenn man in Kuba etwas lernen muss, dann ist es Bescheidenheit und Gelassenheit. So schön das Land ist, so schwierig sind die politischen Verhältnisse und die mangelnde Infrastruktur. «Der Kubaner erduldet alles und traut sich nicht, laut Kritik zu üben», weiss Fischler. Trotz aller Gelassenheit platze ihm schon mal der Kragen, gesteht Fischler lächelnd. Dann rutsche ihm ein lautes «Gopferdammi» heraus. Amüsiert nehme er dann die Beschwichtigungsversuche seiner Frau entgegen, meint er verschmitzt.
«Paradies mit Hindernissen»
Kuba ist ein sozialistischer Einparteienstaat. Meinungs- und Pressefreiheit sind Fremdwörter. Das Verhältnis zu den USA ist in der Diktatur nach wie vor angespannt. Es besteht immer noch ein Handelsembargo, was die Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs schwierig macht. Seien es Treibstoff, medizinische Hilfsmittel oder Lebensmittel. «Es fehlt an allem, das meiste läuft über den Schwarzmarkt», berichtet Fischler über die desolate Situation in seiner neuen Heimat. Praktisch alle wechselten ihr Geld auf der Strasse und niemand auf der Bank, schildert Fischler, der befürchtet, dass es in Kuba früher oder später «so richtig chlöpft».
Ihm und seiner Familie gehe es noch verhältnismässig gut. «Manchmal frage ich mich aber schon: Was tue ich mir da an?» Um aber im nächsten Moment wieder an seine Familie und die herzlichen Menschen in Kuba zu denken – und an die atemberaubend schöne Natur. «Es ist ein Paradies mit Hindernissen», bilanziert Fischler, der immer noch regelmässig Musik macht und sich dem kubanischen Rhythmus immer mehr annähert. Teilweise belächelt von den Einheimischen, wie er achselzuckend konstatiert.
Trotz allem dominieren im Moment noch die schönen Seiten bei Markus Fischler, der dennoch nicht ganz ausschliessen mag, irgendwann mit seiner Familie in die Schweiz zurückzukehren. Aber wie finanzieren? Die Immobilienpreise in Kuba seien derzeit im Keller. «Im Moment verkaufen alle, die irgendwie können, ihr Haus und flüchten in die USA», weiss er.
Fischlers wohnen nicht am Meer, wo sich das Gästehaus und die Wohnung der Schwiegereltern befinden, sondern zehn Gehminuten entfernt im eigenen Haus in der etwas höher gelegenen Stadt, die rund 60 000 Einwohner zählt. So schön es unten am Meer ist, so unsicher ist es während der Hurrikansaison, die sich längst nicht mehr nur auf den Herbst beschränkt. Bisher wurde das Gästehaus zwar verschont, aber es seien auch schon ganze Häuserzeilen in der Nachbarschaft Opfer eines Sturms geworden. Er selbst habe noch nie einen wirklich schlimmen Sturm im Karibik-Staat miterlebt.
Nach wie vor hofft Markus Fischler, dass sich die Nachfrage nach seinem Bed&Breakfast wieder erholt. Eigentlich wollte er im ersten Stock eine Cafeteria bauen, doch haben er und seine Frau die Idee inzwischen verworfen. «Ich wollte dort selbst gemachte Patisserie anbieten», so der Bäckerssohn. Doch wie, wenn die Zutaten wie beispielsweise Rahm oder Butter nicht erhältlich sind? Er ist schon froh, dass er eine Brotbackmaschine und Trockenhefe aus der Schweiz hat, um regelmässig eigenes Brot zu backen. «Das funktioniert aber auch nur, wenn wir Strom haben.» Strom ist in Kuba nämlich auch Mangelware und meist im Vier-Stunden-Rhythmus da oder eben nicht – oder wenn’s dumm läuft, fehlt er auch mal einen halben Tag. Dann ist auch die Ware im Gefrierschrank irgendwann hinüber. Fischler hat sich deshalb einen Generator geleistet, für den er jetzt einen Stromumwandler (220 auf 110 W) aus der Schweiz mitnehmen wird, um wenigstens diese Zeiten überbrücken zu können.
Viel Sonne, aber kein Solarstrom
Leider ist in dem Land, in dem es so viele Sonnenstunden gibt, die Produktion von Solarenergie noch immer in den Kinderschuhen. Bis auf Hotels seien kaum Gebäude mit entsprechenden Anlagen ausgerüstet, weiss Fischler, der einer der ersten wäre, der auch auf den Solarzug aufspringen würde.
Zurzeit läuft der Bau im ersten Stock des Gästehauses erst einmal an einem Familienzimmer. Das zieht sich aber hin, weil auch Baumaterial in Kuba Mangelware, und, wenn doch einmal da, sehr teuer ist. Markus Fischler ist aber guten Mutes, dass sich die Situation im Touristik-Bereich wieder bessert. Die Werbung für die Zimmer im Gästehaus läuft vor allem über Facebook und Mund-zu-Mund-Propaganda. Zu bieten habe die Gegend vieles. Nebst Sandstränden und Meer direkt vor der Haustür sind auch die Berge und glasklare Flüsse nicht weit. Gerne stellt sich Fischler als Guide für Velotouren in der schönen Umgebung zur Verfügung.
Hat er auch mal Heimweh nach der Schweiz? Gewisse Sachen vermisse er schon manchmal, gesteht er. Nebst den geordneten Verhältnissen auch mal Kulinarisches wie Raclette, Fondue oder ein gutes Stück Fleisch von hiesiger Qualität. «Hier gibt es, wenn überhaupt, eine Sorte Käse, nämlich Gouda.» Oder die Temperaturen: So schön die vielen Sonnentage in Kuba seien, vermisse er die Jahreszeiten in der Schweiz manchmal, so Fischler. Ohne Klimaanlage halte man es jetzt im Sommer kaum aus vor Hitze. Und auch im Winter fallen die Temperaturen selten unter 20 Grad. Und auch die Abfallentsorgung macht ihm Kopfzerbrechen. «Obwohl hier täglich die Kehrichtabfuhr kommt, gibt es viele Menschen, die ihren Müll einfach ins Meer schmeissen», ärgert sich Fischler, der mit Aufklärung versucht Gegensteuer zu geben. Ein Tropfen auf den heissen Stein, aber immerhin. Auch eine Kläranlage gibt es in Baracoa nicht.
Besuch beim «Viva Cuba»-Verein in Bözen
Einen speziellen Besuch unternahm Markus Fischler am 16. August, nämlich beim Verein «Viva Cuba» in Bözen. Der Kontakt sei über Facebook entstanden, so Fischler. Mitbringsel war natürlich eine Flasche Rum, denn ein Cuba Libre gehört bei einem Verein, der sich der kubanischen Lebensweise verschrieben hat, natürlich mit dazu. Genauso wie die Zigarre, natürlich eine Havanna.
Der Besuch fand just im Jubiläumsjahr des Vereins statt, welcher am 26. Juli 2014 gegründet wurde. Das Datum ist nicht zufällig gewählt, denn der 26. Juli 1953 gilt als Beginn der Revolution unter der Führung von Fidel Castro. El Presidente ist Marc Deiss aus Bözen, der 2009 erstmals in Kuba war und seither fasziniert ist vom kubanischen Lebensgefühl, um Politik geht es dabei weniger. «Die einfache Lebensweise, die Zufriedenheit und die vielen Gegensätze sind spannend», sagt Deiss, der den Verein mit einigen Gleichgesinnten gründete. Die zehn Männer kommen aus Böztal, Zeihen, Frick und Zeiningen. Aufnahmebedingung für den Cuba-Verein ist, dass man mindestens einmal im Leben in Kuba gewesen sei, so El Presidente. Ein Aufenthalt in einem Ferienort zähle allerdings nicht, man müsse schon die Hauptstadt Havanna besucht haben oder in einem Casa Particulares bei einer kubanischen Familie übernachtet haben. «Nur so lernt man die kubanische Kultur kennen und schätzen», weiss Marc Deiss. Mit der Jahresgebühr verhält es sich aber wieder einfach: zwei Flaschen kubanischen Rum und eine Fünfzigernote. Wesentlicher Vereinszweck laut Statuten: das «Näherbringen der kubanischen Kultur und Lebensfreude», die «Pflege des kubanischen Kulturgutes» und das «Zelebrieren der kubanischen Gelassenheit». Und auch eher ungewöhnlich: Die Mitgliedschaft endet mit dem Tod.
Zum zehnjährigen Bestehen von «Viva Cuba» führte die Vereinsreise heuer tatsächlich nach Kuba. «Leider konnten wir nur zu sechst gehen, aber es war wieder ein tolles Erlebnis», schwärmt El Presidente, der sich wie seine Vereinskameraden sehr über den Besuch von Markus Fischler freute.
Am 11. September geht’s für diesen übrigens wieder zurück nach Baracoa. Vielleicht erhält er ja dort bald einmal Besuch von seinen neuen Freunden aus dem «Viva-Cuba»-Verein. Informationen zu Markus Fischlers Unterkunft unter: www.casadonacamila.com
Bilder:
Erstes Bild: Markus Fischler während seines Aufenhalts in der alten Heimat. Foto: Sonja Fasler
Zweites Bild: Oldtimer gehören zu Kuba wie Zigarren, Rum und Salsa: Markus Fischler mit seiner Frau (links) und Bekannten. Foto: zVg
Drittes Bild: Das Gästehaus am Meer. Foto: zVg
Viertes Bild: Das Wohnhaus von Markus Fischler und seiner Familie. Foto: zVg
Fünftes und sechstes Bild: Einfach traumhaft schön – Impressionen aus Baracoa. Fotos: zVg
Siebtes Bild: Markus Fischler (vorne mit Hut) besuchte den Verein «Viva Cuba» in seinem Bözer Lokal. Auf dem Bild sind alle Vereinsmitglieder bis auf eines plus zwei Aspiranten. Hinten links El Presidente Marc Deiss. Foto: zVg