Yuri Melnychuk und seine Familie leben seit März 2022 in Möhlin, nachdem sie zu Beginn des russischen Angriffskriegs aus der Ukraine flüchteten. fricktal.info hat die Familie Melnychuk besucht und mit ihr über ihre alte Heimat und über ihr neues Leben hier in Möhlin gesprochen.
LILIA STAIGER
«Kennen Sie die Geschichte des Bata-Parks?», fragt Yuri Melnychuk, als er mich vor dem Gebäude, in dem er und seine Familie wohnen, empfängt. Und obwohl ich die Geschichte kenne, staune ich über sein Wissen und sein Interesse für das historische Industrieareal der Schuhfirma Bata in Möhlin, vorgetragen in sehr gutem Deutsch. In der renovierten Wohnung angekommen, in der der Fabrikcharme noch erkennbar ist, wartet bereits Yuris Ehefrau Tonia und bittet im offenen Wohn- und Küchenbereich zu Tisch. Auch die Kinder stellen sich auf Deutsch vor, bevor sie sich zum Spielen in eines ihrer Zimmer zurückziehen. Tonia hat Deruni, ukrainische Kartoffelpuffer, die mit Smetana (saurem Halbrahm) serviert werden, und Bliny, eine osteuropäische Art des Pfannkuchens, zubereitet. Dazu hat sie einen Kompott aus Früchten gekocht, auch typisch für ihre Heimat – nur die Früchte seien «Swiss made», ergänzt Yuri und lacht. «Für uns war es eine Umstellung, dass es in der Schweiz erst einen Apéro vor dem eigentlichen Essen gibt; bei uns ist es eigentlich umgekehrt, aber wir passen uns an», erzählt er und reicht mir den Teller mit den Deruni.
Knapp zwei Jahre wohnt Familie Melnychuk bereits in Möhlin. Sohn Stefan (10) leidet unter Autismus und besucht eine heilpädagogische Schule in Mumpf. Polina (7) besucht die erste Klasse und Sohn Alex (12) die vierte Klasse der Primarschule in Möhlin; Alex hat das Asperger-Syndrom. Die Kinder absolvierten in ihrem ersten Jahr in der Schweiz eine Integrationsklasse, insbesondere, um die Sprache zu erlernen.
Flucht nach der ersten Rakete
Familie Melnychuk verliess ihre Heimat Ukraine an dem Tag, an dem die erste Rakete unweit von ihrem Haus in Kiew, das etwa vier Kilometer von der Frontlinie gelegen ist, landete: «Das war am 24. Februar 2022 um 5 Uhr. Wir wussten nicht, was gerade passiert oder warum, aber für uns stand die Entscheidung schnell fest: Das Nötigste und die Dokumente packen, die Kinder bereit machen und mit dem Auto losfahren», erinnert sich der Familienvater. Ich bekomme Gänsehaut – man kann und mag sich nicht vorstellen, was in den Menschen in dieser Situation vorgegangen ist. «Es war wie in einem Hollywood-Film: Es herrschte absolutes Chaos auf den Strassen. An den Tankstellen, die plötzlich geschlossen wurden, warteten um die 100 Menschen. Das Internet fiel zeitweise aus. Es dauerte mindestens drei Stunden, bis wir aus der Stadt herauskamen», führt er weiter aus, «das ist Flucht.»
Yuri war erfolgreicher Geschäftsmann in Kiew und leitete 25 Jahre lang ein eigenes Unternehmen, das auf die Lieferung von Produkten im Bereich der pharmazeutischen Industrie spezialisiert war. «Mit dem Krieg haben sich für uns die Werte geändert. Ich konnte mit DuPont konkurrieren, aber ich konnte nicht mit Panzern konkurrieren. Geld spielte keine Rolle mehr, denn an erster Stelle standen nun die Sicherheit und die Gesundheit unserer Familie sowie die Zukunft unserer Kinder. Unsere beiden Söhne sind auf besondere Unterstützung und Therapien angewiesen, und diese würden wir in der aktuellen Kriegssituation unseres Heimatlandes nicht bekommen.»
«Jetzt ist Downshifting angesagt»
Yuri arbeitet aktuell bei der Firma ISS auf dem Novartis Campus in Basel im Bereich Logistik. Und obwohl er hier in der Schweiz bereits nach drei Monaten Arbeit gefunden hat, ist ihm bewusst, dass er nicht mehr dieselbe Tätigkeit ausführen kann wie in seiner Heimat: «Wir müssen nun mit einem Downshifting leben, denn wir können hier aktuell nicht unsere früheren Berufe ausüben – die Sprachbarriere ist vor allem das Problem.» Dabei sind Yuris Sprachkenntnisse bereits erstaunlich gut; er lernte erstmals in der Schule Deutsch und durfte 2002 an einem Regierungsprogramm der Bundesrepublik Deutschland teilnehmen, das eine Brücke zwischen deutschen und ukrainischen Unternehmern schlagen sollte. Und auch Ehefrau Tonia bemüht sich sehr, weiterhin Deutsch zu lernen und sich auch möglichst viel zu verständigen. Beide haben in der Ukraine höhere Universitätsabschlüsse erlangt, Yuri in Hydro-Ökologie, Hydro-Chemie sowie in Ökonomie und Tonia in Agronomie. Tonia hat ebenfalls eine Arbeit; sie ist Gärtnerin bei der Evangelisch-reformierten Kirche in Möhlin.
Bei ihrer aktuellen Wohnung, in der viele Topfpflanzen zu sehen sind, fehlt Tonia noch ein eigener Garten zu ihrem vollkommenen Wohnglück. Zu Hause in der Ukraine haben sie und ihr Mann jedes Jahr eigenes Gemüse angepflanzt, was in Osteuropa Tradition hat. «Ich liebe Blumen und Pflanzen aller Art», schwärmt sie, «Freunde bringen mir ihre Pflanzen, damit ich sie aufpäppeln kann.»
«Wir sind diejenigen, die bei der Landi dauernd Pflanzenerde in grossen Säcken kaufen. Andere Frauen brauchen Handtaschen und Tonia braucht Pflanzen», witzelt Yuri. Tonia hofft, dass sich ihr Wunsch vom eigenen Garten in der neuen Heimat Schweiz noch erfüllt.
Engagement im Verein
Yuri und seine Frau sind ehrenamtliche Helfer beim Museumsverein Möhlin, und sie sind Mitglieder der Reformierten Kirche in Möhlin. Bei den Anlässen des Musemsvereins Möhlin hat bereits die gesamte Familie mitgewirkt. «Tonia hat für den Herbstmarkt des Museumsvereins im letzten Jahr Dutzende Gläser Quittenmarmelade aus einheimischen Quitten eingekocht, die einen Spendenerlös von 600 Franken einbrachten», berichtet Yuri begeistert. Tonia reicht mir ein Schälchen mit selbstgemachter Maulbeermarmelade und bietet mir Bliny an. «Wir finden hier so viele Dinge interessant, die für uns neu sind. Beispielsweise, dass die Kinder alleine zur Schule gehen oder dass sie in der Schule lernen, Handarbeiten zu machen», erzählt Tonia und bittet Tochter Polina, ein handgenähtes Kirschkernkissen zu holen, das ihr Sohn gemacht hat. Polina präsentiert noch ganz stolz ihre selbstgenähten, bunten Fransenhaargummis.
«Wir sind keine ‹War-lauber›»
«Wir haben hier ein gutes Fundament», fügt Yuri an. Er ist von vielem begeistert, was für die meisten in der Schweiz scheinbar normal ist: «Die vielen Trinkwasserbrunnen, die pünktlichen Busse und Züge, die gute Lebensmittelqualität – man sieht nur die Spitze des Eisbergs, aber dahinter stecken ausgeklügelte und gut funktionierende Systeme, die ich meinen Kindern nahebringen möchte.»
Yuri war bereits in seiner alten Heimat sehr engagiert und leitete einen Rotary Club. Auch mit Rotary Schweiz hat er bereits zwei Projekte umgesetzt, eines davon war ein Schwimmkurs, der im Schwimmbad in Möhlin für Kinder verschiedener Nationalitäten durchgeführt wurde, und Yuri plant weitere Projekte.
Ihm liegt die Integration seiner Familie und die seiner Landsleute sehr am Herzen: «Mit Integration meine ich aber eine echte Integration, also sich aktiv am Leben in der Gemeinschaft oder der Gemeinde zu beteiligen und auch selbst offen und motiviert zu sein und auf Menschen zuzugehen – eben das muss zunächst mental stattfinden. Wir haben das grosse Glück, hier leben zu dürfen, und wir wissen dies zu schätzen. Wir möchten keine ‹War-lauber› [zusammengesetzt aus ‹war›, Englisch für ‹Krieg›, und ‹Urlaub›] sein, wir wollen wie eine ganz normale Schweizer Familie sein.»