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Die Vogelmutter aus Leidenschaft – Anita Tota betreibt in Möhlin eine Pflegestelle für Wildvögel

Die Adresse Amselweg 1b ist Programm. Hier, an ihrem privaten Wohnort in Möhlin, betreibt Anita Tota seit dem vergangenen Oktober eine Pflegestelle für verwaiste oder verletzte Wildvögel. Und Zufall oder nicht: Der erste Vogel, den sie nach der Eröffnung aufpäppelte, war tatsächlich eine Amsel.

SONJA FASLER HÜBNER

Bei Anita Tota geht es bisweilen zu wie in einem Taubenschlag. Seit die gelernte Tierpflegerin EFZ letztes Jahr die Bewilligung des Veterinäramtes erhalten hat, eine Pflegestelle für Wildvögel zu betreiben, ist die Nachfrage gross. Zurzeit hegt und pflegt sie 27 Vögel, es waren aber auch schon 45. Hauptsächlich in der Jungvogelsaison, die von März bis August dauert – es gibt Vogelarten, die bis zu drei Bruten im Jahr haben -, gibt es Tage, an denen das Telefon kaum stillsteht. «Mir ist wichtig, dass die Leute, die einen Vogel finden, zuerst anrufen», betont die Vogelspezialistin, die das alles ehrenamtlich macht. Denn nicht jeder Vogel ist ein Fall für die Pflegestation, die sie als Ergänzung zur Storchenstation sieht, wo sich die 56-Jährige im Freiwilligenteam engagiert. «Wenn ich jedem Anrufer sagen würde, bringen Sie den Vogel vorbei, müsste ich anbauen.» Oft sei es besser, den Findling dort zu lassen, wo er ist. «Leider werden auch gesunde Ästlinge eingesammelt.» Das sind die jungen Vögel, die bereits Gefieder haben, hüpfen können und anfangen flügge zu werden. Nehme man die nach Hause, komme das einer Kindsentführung gleich. Und, das sind sich viele nicht bewusst, macht man sich strafbar, wenn man ein Wildtier an sich nimmt. So will es das Gesetz.

Anita Tota füttert die ungeduldige Bewohner der «Spatzen-WG». Foto: Sonja FaslerLaien sollten Vögel nicht füttern
Ein weiterer Fehler, der oft gemacht wird: Die Leute fangen an, den Findling zu Hause zu füttern. Wenn möglich mit Hackfleisch, wie es leider zum Teil im Internet empfohlen werde, weiss Anita Tota. Nicht einmal das Verabreichen von Wasser sei eine gute Idee. «Die Leute meinen es gut, wollen dem Vogel Flüssigkeit verabreichen, das aber unter Umständen in die Luftröhre gelangt.» Ihr wäre lieber, man würde ihr den Vogel nach telefonischer Absprache sofort bringen und nicht erst, wenn er beinahe zu Tode ‚gepflegt‘ wurde.
Oft sind es ganze Nester mit Jungvögeln, die in der Pflegestelle landen. Wie die vier Rotschwänzchen, die sie zurzeit aufpäppelt. Eine Frau brachte sie vorbei, weil das Nest aus dem Storenkasten fiel. Das Nest wieder an seinen Ursprungsort zurückzulegen, wäre zwar die beste Lösung, ist in der Praxis aber leider oft nicht umsetzbar, weiss Anita Tota. Die vier Piepmätze hocken dicht an dicht in ihrem warmen Nestchen und sperren gierig ihre Schnäbel auf. Sie verabreicht jedem mit einer Pinzette die begehrten Insekten und mit einer Spritze eine Ration Vitamine – und schon kuscheln sich die vier flaumigen Bällchen wieder zufrieden aneinander. Jetzt kommt der nächste an die Reihe, ein junger Spatz. Und schon etwas grösser und entsprechend frech sind die Hungerleider aus der Spatzen-WG im Nebenkäfig, die bald in die Freiheit entlassen werden können. Eher ruhig verhält sich nebenan die Amsel, die brav ihre Insektenration verschlingt. Die Käfige sind sauber aufgereiht in der ehemaligen Wohnwand der Familie im Büro untergebracht. Oberhalb des Pults liegen die «Krankenakten» ihrer Patienten. Über jeden Schützling muss die Tierpflegerin Buch führen, um dem zuständigen Amt Rechenschaft ablegen zu können. Im Zimmer befinden sich auch all die vielen Utensilien, die es zur Vogelpflege braucht wie zum Beispiel UV-Lampe, Aufzuchtkästen, Futter, Medikamente, Vitamine und alle möglichen Arten von Nestern, sogar solche für Höhlenbrüter. Viele der Nestchen hat Anita Tota selbst aus extra weicher Wolle gestrickt. «Das mache ich oft abends nach zehn Uhr, wenn die letzten Vögel gefüttert sind», erzählt sie der staunenden Journalistin. Das ist auch der Zeitpunkt, um die Bringer der Vögel per Whatsapp über deren Zustand zu informieren. Mit Bild. «Die Leute schätzen das jeweils sehr», weiss Anita Tota, die so «nebenbei» von zu Hause aus noch ein Geschäft für Geschenkartikel betreibt.

Die vier Nestlinge haben sich gut erholt und sperren laut piepsend ihre Schnäbel auf. Foto: Sonja FaslerTierwohl steht an erster Stelle
«Ich tue alles, was möglich ist, um die Vögel zu retten. Aber ich sehe es auch realistisch. Es kommt vor, dass nichts mehr zu machen ist. Ziel ist immer, den Wildvogel in absehbarer Zeit wieder auszuwildern», betont die Fachfrau, die praktisch ihre ganze Zeit in ihre Pflegestation steckt. Besteht keine Chance, dass der Vogel je wieder in Freiheit leben kann, muss ihn Anita Tota beim Tierarzt einschläfern lassen. Als Tierpflegerin darf sie das selber nicht tun. Es sei jeweils kein leichter Gang für sie, aber das Bewusstsein, alles für das Tierchen gemacht zu haben, was möglich war, tröstet sie. Und auch der Umstand, dass sie den grössten Teil der Vögel tatsächlich aufpäppeln und gesund pflegen kann, damit sie wieder in die Freiheit entlassen werden können. Wenn die Vögel dem Nest entwachsen sind, kommen sie nach draussen in eine Voliere auf der Terrasse, um sich allmählich wieder an die Freiheit zu gewöhnen. Wenn es soweit ist, macht sie das Türchen auf und die Vögel fliegen aus. «Mit einem lachenden und einem weinenden Auge» nehme sie jeweils Abschied. Die meisten kommen noch ein paar Mal zurück, um sich irgendwann gar nicht mehr blicken zu lassen. «So soll es auch sein», sagt Anita Tota. Bis Jungvögel flügge werden, bleiben sie etwa drei bis vier Wochen in der Pflegestation, leicht verletzte Vögel, beispielsweise Katzenopfer, könnten nach einer Antibiotikakur und Darmaufbau meist nach sechs bis sieben Tagen wieder in die Freiheit entlassen werden. Wenn ein Vogel gegen eine Scheibe geflogen sei, reichten oft ein bis zwei Tage Ruhe an einem ruhigen, dunklen Ort, bis er sich von seiner Hirnerschütterung erholt habe.

Ein kleiner Hungerleider kriegt seine Insektenration. Foto: Sonja FaslerAmsel, Drossel, Fink und Star…
Das Lied «Alle Vögel sind schon da» könnte nicht besser passen. Anita Tota hatte schon alle möglichen Arten in Obhut: Spatzen, Meisen, Rotschwänzchen, Rotkehlchen, Bachstelzen, Amseln, Drosseln, Stare und Distelfinken. Querbeet durch die Vogelwelt also. «Eigentlich nehme ich nur Vögel bis zur Grösse von Amseln an», erzählt Anita Tota. Ausnahmen bestätigen aber auch hier die Regel, denn auch Specht, Taube, Krähe oder Waldkauz waren schon bei ihr zu Gast. Wobei sie Stockenten, Stadttauben und Rabenvögel maximal 48 Stunden beherbergen darf. Sind sie bis dahin nicht «wildbahntauglich», müssen sie getötet werden, weil diese Vogelarten zum «jagdbaren Wild» zählen. «Als gelernte Tierpflegerin bereiten mir solche Unterscheidungen Mühe», gesteht Anita Tota. Gerade das Stadttaubenproblem sei menschengemacht. «Es handelt sich um verwilderte Haustauben, denen man eigentlich nur einen Taubenschlag zur Verfügung stellen müsste, wie zum Beispiel in Rheinfelden. Dort könnte man sie füttern, medizinisch versorgen und die Population kontrollieren, anstatt die als ‹Ratten der Lüfte› verschrienen Vögel zu vergiften, zu vertreiben oder zu erschiessen», ereifert sie sich.
Die Vögel, die in ihre Obhut kommen, stammen nicht nur aus der Region, sondern aus dem ganzen Kanton Aargau und vor allem dem Baselbiet. Im Aargau gibt es mit Lenzburg, Oftringen, der Storchenstation Möhlin und ihrer jetzt vier Pflegestellen. Eine recht gute Abdeckung, wobei in Lenzburg derzeit ein Aufnahmestopp gilt, weil so viele Vögel abgegeben werden. Im Kanton Basel-Landschaft gibt es gerade mal eine, die aber offensichtlich schwer erreichbar ist, womit die meisten Findlinge dann bei Anita Tota landen. Ein unhaltbarer Zustand, findet sie, doch mit ihrer Intervention beim zuständigen kantonalen Amt für Natur und Landschaft stosse sie leider auf taube Ohren.

Bei dem kleinen Burschen fehlen noch ein paar Federchen, bis er in die Freiheit entlassen werden kann. Foto: Sonja FaslerMenschengemachtes Problem
Über die Meinung von Leuten, die finden, die Natur reguliere sich schon selbst und den Vögeln müsse gar nicht geholfen werden, kann die Vogelfachfrau nur den Kopf schütteln. «Das Problem ist ja auch nicht natur- sondern menschengemacht», ärgert sie sich. All die Einflüsse der Zivilisation haben negative Auswirkungen auf die Vogelpopulation. Ein Problem habe sich während der Corona-Zeit besonders verschärft: die freilaufenden Katzen. Viele hätten sich eine Stubentiger angeschafft, der allerdings nicht nur in der Stube, sondern in freier Wildbahn unterwegs sei und es auf die Vögel abgesehen habe. «Hatte eine Katze einen Vogel mal im Maul, muss dieser unbedingt mit Antibiotika behandelt werden.» Sogar, wenn keine sichtbaren Verletzungen vorhanden seien. «Infektionen mit Todesfolge sind sonst vorprogrammiert», weiss sie.
Die Pflegstation nimmt die Möhlinerin voll und ganz in Anspruch, und das sieben Tage die Woche praktisch rund um die Uhr. Schliesslich müssen Jungvögel anfangs im Viertel- oder Halbstundentakt gefüttert werden. «Mir ist lieber, die Leute rufen gleich an, auch spät abends. Manchmal sind ein paar Stunden entscheidend», weiss die leidenschaftliche Tierfreundin, zu deren Tierbestand noch ein Hund und ein Aquarium mit Fischen gehört. Dass sie sich mit so viel Herzblut engagiert, lässt sie das Ganze auch ehrenamtlich machen. «Schön ist, dass die meisten Leute, die einen Vogel bringen, auch etwas spenden. Ausserdem darf ich oft Sachspenden entgegennehmen, zum Beispiel die grossen Volieren auf der Terrasse.» Gerade Futter, Medikamente und Tierarztbesuche gehen nämlich ganz schön ins Geld. Für die Insekten, gefrorene Maden und Grillen, zahlt sie pro Packung 20 bis 70 Euro. Dank der Zusammenarbeit mit drei Imkern erhält sie von diesen Drohnenbrut. Eine besonders fettreiche und wertvolle Nahrung für die Jungvögel. Dafür muss sie aber erst die Drohnen aus den Waben lösen, sie kochen und einfrieren. Die Wachswaben gibt sie an die Imker zurück, welche sie dann einschmelzen.
Ihr Mann akzeptiere ihre Leidenschaft, und wenn einmal Not am Mann sei, helfe er ihr. Meist springt aber ihre Tochter ein, wenn es Betreuung über längere Zeit braucht. Im Gegenzug hüte sie ihren Enkel und den Hund der Tochter. Aber Ferien in der Ferne liegen nicht drin, schon gar nicht in der Hauptsaison der Vogelbrut. «Natürlich würde ich auch gerne wieder mal ans Meer fahren, aber ich fühle mich hier zu Hause sehr wohl. Und wenn ich mal eine Abkühlung brauche, kann ich in unseren Pool im Garten springen», sagt sie lachend.

Kontakt
Wildvogel-Pflegestelle Amselweg, Amselweg 1b, 4313 Möhlin
Vogelannahme nach telefonischer Anmeldung/Abklärung
Tel. 079 370 19 94
Spendenkonto:
Credit Suisse, lt. Anita Tota
IBAN: CH26 0483 5136 1460 3000 0
Twint: 079 370 19 94

Bilder
Erstes Bild: Anita Tota, Vogelmutter aus Leidenschaft. Foto: Sonja Fasler
Zweites Bild: Anita Tota füttert die ungeduldige Bewohner der «Spatzen-WG». Foto: Sonja Fasler
Drittes Bild: Die vier Nestlinge haben sich gut erholt und sperren laut piepsend ihre Schnäbel auf. Foto: Sonja Fasler
Viertes Bild: Ein kleiner Hungerleider kriegt seine Insektenration. Foto: Sonja Fasler
Fünftes Bild: Bei dem kleinen Burschen fehlen noch ein paar Federchen, bis er in die Freiheit entlassen werden kann. Foto: Sonja Fasler