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Magden: Ohne Roland Gschwind gäbe es das Glockenspiel am Kirchgemeindehaus wohl nicht – ein Porträt

Magden: Ohne Roland Gschwind gäbe es das Glockenspiel am Kirchgemeindehaus wohl nicht – ein Porträt

Das Adventskonzert des Glockenspiels am Magdener Kirchgemeindehaus «Gässli» gemeinsam mit der Musikgesellschaft steht vor der Tür. Dass dieses Glockenspiel entstanden ist, hat wesentlich mit Roland Gschwind zu tun.

ANDREAS FISCHER

Aufgewachsen ist er in Basel in der Nachkriegszeit. Seine Eltern erzählten ihm manchmal vom Schweigen der Glocken in Nazi-Deutschland. Diese waren eingeschmolzen und zu Waffen umfunktioniert worden.
Roland Gschwind absolvierte eine Banklehre, arbeitete in einer Genfer Bank im Devisenhandel, verbrachte ein paar Monate in England. Dann brach er, gemeinsam mit seiner damaligen Freundin und heutigen Frau, auf nach Australien. «Wir waren jung, wollten Erfahrungen im Ausland machen», erzählt er. Nach einiger Zeit heuerte er bei einer international tätigen Optikfirma an. «Seit ich dort zum ersten Mal durch ein Mikroskop geschaut habe», erinnert sich Gschwind lachend, «kann ich kein Steak Tatar mehr essen».
Das Paar sparte ein wenig Geld und begab sich dann auf eine zehnmonatige Weltreise. «Als wir in die Schweiz zurückkamen, erkannten uns unsere Eltern kaum mehr. Wir waren bis auf die Knochen abgemagert, unsere Hosen befestigten wir notbehelfsmässig mit einer Schnur. Als viele Jahre später eines unserer Kinder sagte, es werde auf Weltreisen gehen, gerieten wir in Panik.»

Nach dem zweiten Auslandaufenthalt liess sich die Familie 1992 in Magden nieder, Roland Gschwind betreute fortan ausländische Kunden im Private Banking. «Ich hatte nicht wirklich Freude an meiner Teer-Jugend in der Stadt», sagt er, «ich liebe die Natur und lebe gern in einer ländlichen Gegend.» Seine Engagements im Dorf sind vielfältig, er ist beispielsweise Präsident der Stiftung Alterswohnungen Hirschen und Mitglied der Seniorenkommission, die sich mit den Bedürfnissen der 3. Generation befasst. Drei Jahrzehnte lang war er Revisor der reformierten Kirchgemeinde Region Rheinfelden und Vorstandsmitglied des – inzwischen in eine Kommission umgewandelten – Gemeindevereins Magden.

In diesem Gremium kam man immer wieder einmal auf das fehlende Glockengeläut im «Gässli» zu sprechen. «Beim Bau des Kirchgemeindehauses wurde bewusst auf einen Glockenturm verzichtet», erzählt Gschwind. «Die römisch-katholischen und die christkatholischen Glocken in unserem Dorf sind in einer seltenen Perfektion aufeinander abgestimmt, dieses Geläut wollten wir reformierterseits nicht stören. Und doch blieb der Wunsch, auch selber Glocken zu haben.»
Dieser Wunsch hatte bei Roland Gschwind auch eine persönliche Resonanz: «Glocken bedeuten für mich Heimat. In all den Jahren, die ich im Ausland verbracht habe, fehlten mir die Glocken. In Sydney erklangen die Glockenklänge jeweils aus Lautsprechern. Aber wenn in der Schweiz am Samstagabend die Kirchenglocken den Sonntag einläuten, ist das halt etwas ganz anderes.» Was also tun?

Klick beim Schiefen Eck
«Es machte bei mir Klick, als ich einmal in Rheinfelden beim Glockenspiel am Gebäude ‘Zum Schiefen Eck’ vorbeikam. So ein Glockenspiel, dachte ich, wäre die ideale Lösung». Fortan befassten sich Gschwind und einige Magdener Weggefährtinnen und -gefährten intensiv mit dem Carillon, wie das Turmglockenspiel in der Fachsprache genannt wird. Man besichtigte das Glockenspiel in Willisau. Von der Turmstube aus konnte man sehen, wie die Menschen hochschauten und strahlten, als es ertönte. Ein anderer Carillon, den man besuchte, befindet sich in Oberentfelden. Dort hat jemand im Garten einen «tönenden Stammbaum» für seine Kinder und Kindeskinder gebaut, bestehend aus 16 Glocken.

Roland Gschwind öffnet einen Ordner, in dem die gesamte mediale Berichterstattung über das Magdener Glockenspiel abgelegt ist. «Von der Bevölkerung für die Bevölkerung» sei der Carillon geschaffen worden, dies, erzählt Gschwind, sei von Anfang an der Leitsatz gewesen. Die Finanzierung erfolgte über Patenschaften: Einzelpersonen, Firmen, Vereine, die Schwesterkirchen stifteten Glocken. Für die grösste kam die Gemeinde Magden auf. Am 16. Juni 2013 fand die Einweihung statt, «es war ein Volksfest», erinnert sich Gschwind, «statt der geplanten 150 kamen 400 Bratwürste auf den Grill». «Das Glockenspiel», fährt er fort, «fällt ins Auge, wenn man den Dorfplatz betritt. Es ist eine beeindruckende Verbindung von Naturstein und Glockenkunst, Wissenschaft und Musik. Die Bild 2Natursteinwand, an welcher die Glocken hängen, wiegt 2500 Kilo und besteht aus 21 Millionen Jahre altem Aargauer Muschelkalk. Das Glockenspiel wird das Kirchgemeindehaus zweifellos überdauern.»

Für die Ewigkeit
Die Glocken – anfangs waren es sechzehn, seit 2018 sind es zwanzig – können live per Keyboard oder vorprogrammiert per Computer bespielt werden. Über hundert eigens für dieses Glockenspiel arrangierte und programmierte Melodien aus den Sparten «Christliche Lieder», «Film», «Jazz», «Kinderlieder», «Klassik», «Pop», «Volkslieder», «Advent» und «Weihnachten» stehen zur Verfügung. «Dieses dynamisch bespielbare Glockenspiel ist das modernste der Schweiz», schwärmt der ansonsten nüchterne Zahlenmensch Roland Gschwind. «Es ist ein Werk für die Ewigkeit.» Im Dorf trage es zum Zusammenhalt bei. Es sei ein Beitrag gegen die hier wie allüberall grassierende Vereinsamung, «von der Bevölkerung für die Bevölkerung».

* Andreas Fischer ist Pfarrer in der reformierten Kirchgemeinde Region Rheinfelden.


Hinweis
Am Samstag, 7. Dezember um 17 Uhr kann zum fünften Mal im Rahmen eines 30-minütigen Live Advents-OpenAir das Magdener Glockenspiel am Kirchgemeindehaus «Gässli» im Zusammenspiel mit der Musikgesellschaft Magden bewundert werden. Anschliessend sind alle Besucher zu einem Adventsapéro mit Glühwein, Stollen und Gebäck eingeladen. Bei schlechtem Wetter findet der Anlass im Kirchgemeindehaus Gässli statt, bei gutem Wetter auf dem Schulhausplatz. Es werden dort einige Stühle für mobilitätseingeschränkte Personen bereitstehen. Der Eintritt ist frei.

Bild 1: Roland Gschwind
Bild 2: Glockenguss für`s «Gässli».
Fotos: zVg