(af) Am vergangenen Sonntag wurde mit einem Gottesdienst mit anschliessender Vernissage die Ausstellung «indigo» des Rheinfelder Kunstmalers Viktor Hottinger im reformierten Kirchgemeindehaus Kaiseraugst eröffnet.
Den Besucherinnen und Besuchern des Gottesdienstes an diesem Morgen des ersten Sonntags nach Ostern präsentierte sich ein überraschendes Bild. Statt des vertrauten Quilts mit seinen leuchtend hellen blauen, roten, gelben Farben hing vorn an der vorderen Wand des Kirchgemeindehauses ein Triptychon von Viktor Hottinger. Es illustriert drei Strophen des berühmten „Abendlieds“ von Matthias Claudius: «Der Mond ist aufgegangen, die goldnen Sternlein prangen am Himmel hell und klar».
Die Pianistin Assel Abilseitova eröffnete den Gottesdienst passend dazu mit einem «Nocturne», einem Nachtstück von Frédéric Chopin. Als Predigttext wurde – übrigens aus der Mundartübersetzung «Im Bebbi si Biible» – ebenfalls antizyklisch nicht etwa eine Ostergeschichte, sondern der Abschnitt aus dem Lukasevangelium vorgetragen, wo der Engel Gabriel Maria die Geburt des Jesuskindes ankündigt.
Eins und eins ergibt eins
In der Predigt versuchte Pfarrer Andreas Fischer, die Gegensätze zusammenzudenken: Weihnacht und Ostern, Nacht und Tag, Sonne und Mond, sagte er, kommen zusammen in dem, was man in der christlichen Mystik als «Coincidentia Oppositorum» bezeichnet, als Zusammenfallen der Gegensätze. Das Musikstück «Spiegel im Spiegel» des zeitgenössischen estnischen Komponisten Arvo Pärt, das Assel Abilseitova im Nachklang der Predigt spielte, kreist um eben diese Thematik. Pärt, dessen Musik aus mystischen Einheitserfahrungen schöpft, welche der Komponist im Zusammenhang mit gregorianischem Kirchengesang hatte, beschreibt seine Kompositionstechnik mit dem paradoxen Satz: «Eins und eins ergibt eins – nicht zwei» – das sei ihr «Geheimnis».
Direkt im Anschluss an den Gottesdienst fand die Vernissage der Ausstellung mit Bildern von Hottinger statt, die nun bis zum 14. Juni dauert. Hottinger, sonst bekannt für seine grünen, gelben und insgesamt hellen Landschaftsmalereien, präsentiert diesmal Bilder, die in nächtlich-dunklen Farben gehalten sind. Mit dem Triptychon, erzählte er in seiner Einführung, habe er den Tod seiner Frau vor zehn Jahren zu verarbeiten versucht. Ausserdem habe er für seine diesjährigen Kalenderblätter einen Zyklus mit Mondbildern gemalt.
Indigo bedeutet: «In dich gehen»
Im Kirchgemeindehaus hängen nun die Originale. Bei näherem Hinsehen zeigen sich darin Hottingers Schalk und Sprachwitz, etwa, wenn am Himmel eine Sichel – eben: eine Mond-Sichel – hängt. Und auch seine Erläuterungen zum Thema der Ausstellung, «indigo», zeugen von tiefsinnigem Humor: Das Schweizerdeutsche Wort «in di go» bedeute, sagte er, «in dich Gehen» – und das passe doch zu einer Ausstellung in der Kirche.
Assel Abilseitova begleitete auch die Vernissage mit passender Musik; sie spielte «Clair de Lune» von Claude Debussy und den ersten Satz der «Mondscheinsonate» von Ludwig van Beethoven. Anschliessend stand man bis in den frühen Nachmittag hinein mit Wasser und Weisswein, Voll- und Leermondbier zusammen, betrachtete die Bilder und kam ins Gespräch über Gott und die Welt.
Die Ausstellung wird von verschiedenen Anlässen begleitet, u.a. einem Konzert von Viktor Hottingers kultigen «N’AWLINS SIX» am Sonntag, 3. Mai, abends zur «blauen Stunde» um 17.15 Uhr. Nähere Angaben und die Öffnungszeiten der Ausstellung finden sich unter www.ref-rheinfelden.ch