Appenzell und Basel, Grenadier und Spitalsoldat, Ökofreak und Autofan – das Leben von Hansueli Schläpfer bewegt sich in Spannungsfeldern. Beim Abschied von seiner Frau erfuhr er, dass es so etwas wie «unendliche Liebe» gibt.
ANDREAS FISCHER *
Aufgewachsen ist Hansueli Schläpfer als zweites von vier Kindern in Speicher im Kanton Ausserrhoden. Der Vater – Dorfschullehrer, wie er im Buch steht – war auch Leiter des Jugendchors, Jugendrichter, Organist und Präsident der lokalen Kirchgemeinde, «gemeinsam mit dem Arzt und dem Pfarrer», erzählt Schläpfer, «schaute er, wie damals üblich, dass die Kirche im Dorf blieb». Auch die Mutter entsprach dem herkömmlichen Rollenmodell; sie machte den Haushalt und bestellte den grossen Garten.
Die Jugend war behütet, eingebettet in die idyllische Hügellandschaft, geprägt von klaren Regeln und Plänen: «Zuerst kamen die Hausaufgaben und das Geigenspiel, erst danach durfte ich raus zum Tschutte, und es war klar, dass ich, ebenso wie meine Geschwister, einst Lehrer werden würde», erinnert sich Schläpfer und fügt sinnierend hinzu: «Ich wurde es tatsächlich, wenn auch auf Umwegen.»
Sich in Olten um den Hals fallen
Im Militär wurde der sportliche Schläpfer Grenadier. Während der Rekrutenschule erkrankte er an einer Hirnhautentzündung. Vier Tage lang war er bewusstlos, schwebte zwischen Leben und Tod. Als er aus dem Spital entlassen wurde, fuhr er nach Olten und fiel Bernadette um den Hals. Bernadette aus Hägendorf hatte er in Behindertenlagern – «so nannte man das damals noch» – kennengelernt. Schon damals war sie so etwas wie sein Schutzengel und seine Krankenschwester. Beim Rasenmähen hatte er sich einen Finger abgeschnitten, sie pflegte ihn. Und nun war sie es, die ihn gleichsam wieder unter den Lebenden willkommen hiess. Von da an waren die beiden ein Paar.
Schläpfer ging also nicht nach Kreuzlingen ins Lehrerseminar, sondern nach Basel, um sich zum Physiotherapeuten ausbilden zu lassen. Die Pläne, dereinst in die Ostschweiz zurückzukehren, zerschlugen sich; wenn er heute in die alte Heimat zurückkehrt, sagen die Leute: «Der Basler kommt».
Bernadette und Hansueli lebten, wie man damals sagte, «in wilder Ehe». Als sie Lehrerin in der Liebrüti in Kaiseraugst wurde, legte man ihr nahe, nun doch zu heiraten. Am 7. August 1976 läuteten in der römisch-katholischen Kirche in Magden die Hochzeitsglocken.
Berufsidiot
Schon bald nach dem Studium wurde Schläpfer neben der Arbeit im Spital Dozent für Orthopädie. Später eröffnete er eine eigene Praxis in Kaiseraugst, wurde leitender Physiotherapeut am Felix Platter-Spital. Er bildete sich weiter im Bereich neurologischer Krankheiten, wurde einer von weltweit wenigen Instruktoren auf diesem Gebiet, nahm als Referent und Experte an internationalen Kongressen teil.
Rückblickend betrachtet der heute über 70-Jährige seine berufliche Karriere durchaus auch kritisch; «ich war ein Berufsidiot», sagt er, «und Bernadette, die zuhause war mit unseren drei Kindern, litt unter meiner Abwesenheit. Ich umgekehrt hätte sie gern mitgenommen nach Holland, nach England, nach New York. Doch sie wollte nicht. Nur einmal kam sie mit, das war ein Kongress in Kapstadt. Wir verbanden den Anlass mit einem dreiwöchigen Urlaub in Namibia, und da hat sich bei uns gleichsam das Afrika-Virus eingenistet.»
Als Hansueli Schläpfer pensioniert wurde, schlug er vor, den Übergang wieder mit einem längeren Urlaub in Afrika zu begehen. «Wir überlegten uns eine Reise nach Uganda, Bernadette faszinierten die Berggorillas. Doch dann machten wir etwas ganz anderes: Wir flogen nach Ecuador, besuchten das Amazonasgebiet und die Galapagos-Inseln.»
Es war, was die Schönheit der Natur anbelangt, eine einzigartige Reise. Dennoch löst die Erinnerung bei Hansueli Schläpfer ambivalente Gefühle aus. «Es war», sagt er, «der Anfang vom Ende unseres gemeinsamen Lebens, das ein halbes Jahrhundert lang dauerte.» Bernadette wurde krank, lag auf der Reise oft darnieder. Nach der Rückkehr sagte sie, sie kriege keine Luft mehr. Damals, 2018, begann eine Krankheitsgeschichte mit Herzoperation, Schlaganfällen, Krebsdiagnose, an deren Ende Bernadette sagte: «Ich mag nicht mehr.»
Bei der Abschiedsfeier am 7. August des vergangenen Jahres sagte Hansueli Schläpfer, der als Physiotherapeut so viele Menschen wieder auf die Beine gebracht hatte und insgesamt ein positiver, fröhlicher Mensch ist, die eindrücklichen Worte: «Ich habe in den vergangenen Jahren viel für mich lernen dürfen, unter anderem, die Gefühle des Anderen (in meiner Situation die von Bernadette!) zu verstehen versuchen, sie irgendwie anzunehmen, als die ihren zu betrachten und zu akzeptieren.»
Auch die Erfahrung der unendlichen Liebe habe er machen dürfen, er habe die Essenz der Liebe kennengelernt, sagte Schläpfer. In Bezug auf die eigene Zukunft erinnerte er an den Sinnspruch von Charlie Chaplin: «An den Scheidewegen des Lebens stehen keine Wegweiser». Er werde weitergehen, auch wenn er die Richtung nicht kenne. Er werde im Wald spazieren, die drei Enkelkinder hüten, seinen Bienen schauen.
Unlimitiert Autofahren
Nun, neun Monate später, erzählt Schläpfer von einer Aufgabe, zu der er «wie die Jungfrau zum Kind» gekommen sei: Er bietet Fahrdienste beim Behinderten-Fern-Transport an. Besonders die Wochenenden im Winter – «draussen war’s kalt und drinnen leer» – waren für Schläpfer schwierig. Nun hört er auf langen Fahrten spannende Lebensgeschichten, sieht die Freude der Reisenden und der Angehörigen, die besucht werden, «und ich, der Öko-Freak», fügt er, noch einmal schelmisch lachend, hinzu, «kann mit bestem Gewissen unlimitiert Autofahren.»
* Andreas Fischer ist reformierter Pfarrer in Kaiseraugst
Schläpfer predigt
Als Grand Old Man der Physiotherapie in Kaiseraugst hatte Hansueli Schläpfer kritisch beobachtet, dass der Pfarrer, nachdem Sergej Ovcharov, ein Ukrainer, der seit vielen Jahren Krafttraining macht, im Pfarrhaus eingezogen war, ebenfalls vom Fitnesswahn gepackt worden ist. Und hat ihm angeboten, seine Gedanken dazu einmal in Form einer Predigt zum Ausdruck zu bringen.
Diese wird er nun im Atelier-Gottesdienst am Sonntag, 2. Juni (Beginn 19.15 Uhr) vortragen. In den anschliessenden Ateliers wird es auch Gelegenheit geben, mit Hansueli Schläpfer ins Gespräch zu kommen – oder mit Sergej Ovcharov in den Pfarrhauskeller hinabzusteigen und sich Übungen an der Kraftmaschine zeigen zu lassen.