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Andrea Sterchi, Kommunikationspezialistin. Foto: Kujtim Shabani

Einfache Sprache – schwere Sache? – Gemeinderatstreff in Kaiseraugst

Jedes Jahr veranstaltet die Integrationsfachstelle «mit.dabei-Fricktal» einen Gemeinderatstreff zu einem interessanten Thema. Diesen November fand er in Kaiseraugst statt und das Thema war die Leichte bzw. Einfache Sprache.

KUJTIM SHABANI

Statt «Er hatte einen Unfall erlitten» sollte man «Er hatte einen Unfall» sagen. Anstelle von «Um von dieser Lösung Gebrauch machen zu können, …» könnte man fragen «Möchten Sie diese Lösung? Dann …» Diese Beispiele brachte die Kommunikationsspezialistin Andrea Sterchi am Ende ihres Vortrags am Gemeinderatstreff vom 16. November in Kaiseraugst, wie Schreibende die Einfache Sprache umsetzen können.

zvgDer Gemeinderatstreff
Jährlich organisiert die Integrations­fachstelle «mit.dabei-Fricktal» einen Gemeinderatstreff. Sie macht damit auf verschiedene Themen aufmerksam, die mit dem friedlichen Zusammenleben in der Region Fricktal zusammenhängen. Dieses Jahr veranstaltete sie am Internationalen Tag für Toleranz und Welttag der Philosophie einen Workshop zum Thema «Einfache Sprache im Arbeitsfeld der Verwaltung».
Akteure aus der kantonalen und regionalen Politik sowie der lokalen Verwaltung waren eingeladen. Hans­peter Meyer, Gemeinderat für Soziales von Kaiseraugst und Vizepräsident des Gemeindeverbands Sozialbereiche Bezirk Rheinfelden (GSBR), begrüsste kurz die Anwesenden. Kaiseraugst habe zirka 5500 Einwohner, davon viele Migrantinnen und Migranten. Ein Grossteil von ihnen seien bereits eingebürgert. Für die übrigen – so Meyer – habe die Gemeinde ein grosses Integrationsaufgebot. Sie sei vor allem im Bereich Sprachförderung engagiert.
Aurelia Munz, Leiterin von «mit.dabei-Fricktal» stellte kurz die Fachstelle vor, eines der Bereiche des GSBR. Sie betonte dabei, dass «die Einfache Sprache im Migrationskontext ein grosses Anliegen der Integrationsfachstelle ist».

Leichte und Einfache Sprache
In letzter Zeit wird viel über die Leichte bzw. Einfache Sprache berichtet. Oft ist von ihrer grossen Wirkung zur Bürgernähe und der Integration die Rede. Das Stadtrichteramt Winterthur wird häufig als ein paradigmatisches Beispiel genannt: Es erzielte Mehreinnahmen seit der Einführung einer barrierenlosen Sprache. Zahlreiche Unterlagen – vor allem von öffentlichen Einrichtungen – werden neulich in der Einfachen Sprache herausgegeben.
Andrea Sterchi, Journalistin und Kommunikationsspezialistin, unterscheidet zwischen der Leichten und der Einfachen Sprache. Die erstere ist für Personen mit kognitiven Beeinträchtigungen geeignet, die zweite hingegen für alle. Leichte Sprache bewegt sich im Kompetenzraum A1 und A2, während Einfache Sprache im Bereich B1 ansiedelt. Die eine duldet beispielsweise nur kurze Hauptsätze und keine Nebensätze, die andere lässt Sätze von 12 bis 15 Wörtern zu und Nebensätze mit höchstens einem Komma gehen auch in Ordnung.

Aurelia Munz stellt die Fachstelle vor.  Foto: Kujtim Shabani«60 % der Bevölkerung versteht 80 % der Kommunikation nicht»
«Es geht um die schriftliche Kommunikation», erklärt Sterchi, «denn bei der mündlichen passt man sich instinktiv an». 68 Prozent dieser Kommunikation entwickelt sich auf Sprachniveau C1, während nur sechs Prozent der Bevölkerung dieses Niveau einwandfrei versteht. Die meisten, 40 Prozent der Bevölkerung verstehen Niveau B1 und 33 Prozent B2 gut. «60 Prozent der Bevölkerung versteht 80 Prozent der Kommunikation nicht», lautet die harte Erkenntnis.
«Einfache Sprache ist möglich, nur braucht es dafür mehr Zeit», versicherte die Referentin. Sie gelingt, wenn die Schreibenden auf fünf Sachen achten: Zielgruppe bestimmen, eine Person dabei vorstellen und quasi für sie schreiben; Ziel, das erreicht werden soll, bestimmen; das Wichtigste immer zuerst bringen; kurze und aktive Sätze mit nur einer Information pro Satz formulieren sowie mehr Alltagssprache und weniger Fachsprache verwenden.
Texte in einfacher Sprache würden schneller gelesen, auch bei einem Thema, bei dem man sich wenig auskennt. Sie diene auch Personen, die keine Mühe mit komplexen Texten haben. Im Kontext der Verwaltungen kann es ein entscheidender Service an der Leserin und dem Leser sein.
Eineinhalb Stunden dauerte der Vortrag im Rahmen des Gemeinderatstreffs in Kaiseraugst. Der kleine Workshop stiess auf grosses Interesse. Er wurde von vielen Fragestellungen und Inputs seitens der Teilnehmenden begleitet.
Weitere Veranstaltungen zu diesem Thema in der Region Fricktal und im Kanton Aargau sind angesagt. Und «mit.dabei-Fricktal» ist mit dabei.

Bilder
Erstes und zweites Bild: Andrea Sterchi, Kommunikationspezialistin. Foto: Kujtim Shabani
Drittes Bild: Aurelia Munz stellt die Fachstelle vor. Foto: Kujtim Shabani