Mit seinem bunten Gefieder ist er wohl einer der schönsten Vögel der Schweiz. Nun ist er zum «Vogel des Jahres 2026» erkoren worden. Mit etwas Glück kann er auch im Fricktal gesichtet werden, nämlich in Kaiseraugst, wo der Natur- und Vogelschutzverein, der den Eisvogel sogar im Signet trägt, vor zehn Jahren eine Brutwand für den seltenen Vogel gebaut hat.
SONJA FASLER
Fast wäre es das Ende der Eisvogelpopulation in Kaiseraugst gewesen, als 2013 die Brücke über die Ergolz hinüber zum Kraftwerk saniert wurde. «Die erste Brücke stammte aus dem Jahr 1908 und musste erneuert werden», weiss Urs Wullschleger, Spezialist für die Vogelwelt im Natur- und Vogelschutzverein und vor allem bekannt als «Storchenvater» von Kaiseraugst, und fügt an: «Nur wurde sie leider von Osten anstatt von Westen her saniert. Genau von dort, wo der Eisvogel jeweils brütete.» Damit verschwand der vom Aussterben bedrohte Vogel.
Eisvogelwand wurde vor zehn Jahren gebaut
«Das liess mir keine Ruhe», erinnert sich der heute 81-jährige, der genau vor diesen Folgen gewarnt hatte. Zusammen mit dem Natur-und Vogelschutzverein initiierte er den Bau einer neuen Eisvogel-Brutwand weiter flussaufwärts an der Ergolz. Das Anliegen stiess auf Gehör, und die Eisvogelwand konnte 2015 im dortigen Naturschutzgebiet realisiert werden. Vorher habe sich an der Stelle ein Kran befunden, mit dem jeweils das Geschiebe, vor allem Kies, aus dem Flussbett abgetragen wurde. Nachdem es diesen nicht mehr brauchte, stellte sich der Hohlraum als ideal für die Brutwand heraus, welche aus einem Betonfundament mit Mergel- und Spezialsandschichten darüber sowie einer Blachenabdeckung besteht. Die Kosten von 35 000 Franken trug der NVV Kaiseraugst. Zuschüsse gab es von der Ortsbürgergemeinde und aus dem kantonalen Swisslosfonds.
Und der Eisvogel liess sich nicht zweimal bitten. «Bereits 2016 brütete er erstmals wieder an der Ergolzmündung», freut sich Urs Wullschleger, der noch heute fast täglich mit dem Fernglas an die Ergolzmündung kommt, um seine «Schützlinge» zu besuchen. Ausgerechnet als fricktal.info dabei ist, zeigen sich die scheuen Vögel natürlich nicht. «Wenn, dann sieht man sie knapp über der Wasseroberfläche», weiss der Vogelexperte. Der Eisvogel ernährt sich nämlich von Kleinfischen und bevorzugt deshalb naturnahe, ruhige Fliessgewässer – wie er es hier an der Ergolzmündung findet. Entscheidend für ihn ist ein reiches Nahrungsangebot und klares Wasser. Sichtet er von seiner Sitzwarte auf Ästen, Schilfhalmen oder Steinen aus seine Beute, stürzt er sich in pfeilschnellem Flug kopfüber ins Wasser, packt den Fisch, fliegt an seine Sitzwarte zurück und verschlingt ihn. Pro Tag frisst der kleine Vogel bis zu 35 Prozent seines Körpergewichts an Fischen.
«Die besten Chancen, einen Eisvogel zu erblicken, hat man während der Brutzeit», weiss Urs Wullschleger, und diese sei gleich zweimal im Jahr. «Pro Brut gibt es vier bis fünf Junge.» Diese müssen sehr schnell flügge werden, wenn man bedenkt, dass die erste Brut im Mai, die zweite bereits im Juni stattfindet. Nicht alle überstehen die Jugendzeit und werden teils Opfer von Greifvögeln.
Der grösste Feind des Eisvogels ist aber – einmal mehr – der Mensch. Es mangelt dem Vogel an geeigneten Lebensräumen, weil fast alle Fliessgewässer zu grossen Teilen kanalisiert, verbaut oder gar eingedolt wurden. Er ist in der Schweiz deshalb selten und steht aufgrund seines kleinen Bestands auf der Roten Listen der vom Aussterben bedrohten Arten. In den letzten Jahren hat sich sein Bestand leicht erholt und liegt aktuell bei 400 bis 500 Brutpaaren. Dies dürfte auch an milderen Wintern liegen, denn viele Eisvögel verhungern, wenn «ihre» Gewässer grossflächig zufrieren. Urs Wullschleger erinnert sich, dass es das während seiner Jugend vereinzelt gab. «Aber schon lange nicht mehr.»
2025 zwei Brutpaare
In Kaiseraugst haben dieses Jahr – man sieht es anhand der Brutlöcher in der Wand – zwei Paare gebrütet. «Aber das kann nächstes Jahr schon wieder anders sein», sagt Urs Wullschleger. Die Vögel graben mit Hilfe von Schnabel und Krallen rund 60 Zentimeter tiefe Löcher in die Wand – jedes Jahr wieder neue. Wichtig sei es deshalb, die Eisvogelwand jedes Jahr zu pflegen, betont er. Sie muss von Bewuchs befreit und gereinigt werden. Weil dies zu grossen Teilen von einem Boot aus gemacht werden muss, erhält der Natur- und Vogelschutzverein dabei Unterstützung von Gemeindemitarbeitern. Eisvögel kommen übrigens nebst Kaiseraugst im Fricktal nur noch in Möhlin-Riburg vor, so Wullschleger. Weiter flussaufwärts fliesse der Rhein zu schnell für sie.
30 Jahre Natur- und Vogelschutzverein Kaiseraugst
Dem Natur- und Vogelschutzverein Kaiseraugst bleibe nebst dem verhältnismässig geringen Aufwand für die Eisvogelwand noch genügend Arbeit, sagt Urs Wullschleger. Von 120 Mitgliedern seien leider nur noch rund 25 aktiv. Viele seien wie er bereits älteren Jahrgangs und müssten kürzertreten. Auch er möchte seine Verantwortung für den Bereich Vögel eigentlich in jüngere Hände übergeben. Zumindest bei seinen Lieblingen, den Störchen, scheine das zu gelingen, freut sich der Naturliebhaber, der im Dorf vor allem als «Wulli» bekannt ist. In anderen Bereichen gestalte es sich schwieriger. Es gebe einige Gebiete, die Pflege bräuchten. Neue Mitglieder würden daher dringend gesucht.
Für den Eisvogel wünscht er sich, dass dieser ein dauerhafter Bewohner an der Ergolz bleibt. Schliesslich ist er ja das Signet – gezeichnet von Beat Bussinger, einem langjährigen ehemaligen Mitglied – des vor genau dreissig Jahren gegründeten Natur- und Vogelschutzvereins. www.nvv-kaiseraugst.ch
Eisvogel – Vogel des Jahres 2026
BirdLife Schweiz hatte die Bevölkerung dazu aufgerufen, den «Vogel des Jahres 2026» zu wählen. Es ging dieses Mal darum, einen Botschafter für naturnahe Fliessgewässer küren. Zur Auswahl standen nebst dem Eisvogel auch die Wasseramsel, die Gebirgsstelze, der Flussregenpfeifer und die Uferschwalbe. Der Eisvogel konnte sich knapp gegen die Wasseramsel durchsetzen. «Der Eisvogel zeigt uns, wie eine natürliche Welt am Wasser aussehen kann», schreibt BirdLife über den «Vogel des Jahres 2026».
BirdLife setzt sich für die Errichtung von künstlichen Brutwänden und die Freistelllung geeigneter Steilwände ein. So ist der Naturschutzverband in vielen Regionen aktiv, etwa in den BirdLife-Naturzentren La Sauge (VD), am Klingnauer Stausee (AG) und im Neeracherried (ZH), um so einen Beitrag zum langfristigen Schutz des Eisvogels zu leisten.
Einen Kurzfilm zum Eisvogel und weitere Infos finden Interessierte unter www.birdlife.ch/eisvogel
Erstes Bild: Urs Wullschleger zeigt auf die Eisvogelwand an der gegenüberliegenden Uferseite der Ergolz, in welche die bunten Vögel Bruthöhlen bauen. Foto: Sonja Fasler
Zweites Bild: Das erste Brutgebiet wurde mit der Sanierung der Brücke über die Ergolz zerstört. Die Eisvogelwand befindet sich deshalb weiter flussaufwärts. Foto: Sonja Fasler
Drittes Bild: Ob sie sich ihrer Schönheit wohl bewusst sind? Foto: BirdLife/Ralph Martin
Viertes Bild: Beim Eisvogel haben Männchen und Weibchen die gleiche schillernde Färbung. Sie unterscheiden sich durch den Schnabel, dessen Unterseite beim Weibchen orange ist. Foto: Urs Wullschleger
Fünftes Bild: Ein Eisvogel vor seiner Brutwand an der Ergolz. Rechts oben befindet sich sein Brutloch. Foto: Urs Wullschleger
Sechstes Bild: Der Eisvogel im Flug. Foto: BirdLife/Beat Rüegger
Siebtes Bild: Wunderschön, aber leider vom Aussterben bedroht: Der Eisvogel. Foto: BirdLife/Chris Venetz