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Die Verenakapelle in Herznach
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Verenakapelle Herznach: Aussen bescheiden, innen (einst) reich

Ob prächtig und an exponierter Stelle stehend oder eher bescheiden in Ausmassen und Aussehen: Kapellen sind ein unverzichtbarer Teil der Kulturlandschaft. Sie sind Zeugen einer (einst?) ausgeprägten Volksfrömmigkeit und Kulturdenkmale, die viel über die Geschichte einer Region verraten. fricktal.info stellt in loser Folge einige Kapellen des Fricktals vor. Zu Beginn: Die Verenakapelle in Herznach.

MICHAEL GOTTSTEIN

Das Innere der Kapelle: Die Decke ist mit neogotischen Malereien geschmückt.Dass es sich dabei um eine der interessantesten Kapellen handelt, würde man nicht sofort vermuten. Von aussen präsentiert sie sich als schlichtes Kirchlein mit Dachreiter und gotischen Fenstern. Die Decke des Innenraums ist zwar mit Ornamenten geschmückt, die, stilistisch passend, gotisches Rankenwerk zitieren, aber die mit Schablonen ausgeführten Malereien entstanden erst Anfang des 20. Jahrhunderts. Und die Heiligenskulpturen sind Kopien aus jener Zeit. Dass die Kapelle der heiligen Verena von Zurzach geweiht ist, verwundert nicht, denn diese Heilige war und ist in der Region populär. Den Legenden nach kam die aus Ägypten stammende Verena als Verlobte eines Soldaten der Thebaischen Legion nach Europa. Deren Mitglieder waren Christen, die den Märtyrertod starben, und wurden angeführt von Mauritius – von ihm leitet sich der Name St. Maurice im Wallis ab. Und weil das Fricktal ab Mitte des 9. Jahrhunderts ebenso wie das Wallis zu Burgund gehörte, setzte sich die Verehrung der Heiligen auch in der Nordschweiz durch.
So weit, so klar und erwartbar. Aber was hat es mit den ungewöhnlich breiten Fenstern an den Seiten des Altarraums auf sich? Und warum werden ausgerechnet die Heiligen Eligius, Agathe, Barbara und Ägidius verehrt? Um mehr über die Kapelle zu erfahren, musste im wahrsten Sinne des Wortes tiefer graben.

Die Entstehung

Das Masswerkfenster ist auf die Zeit um 1400 zu datieren.Die Vermutung lag nahe, dass es sich bei der Kapelle einst um eine bescheidene Ortskirche gehandelt haben könnte. Aber im Zuge eines Bauprojektes wurden um das Jahr 1990 herum in der Umgebung archäologische Untersuchungen vorgenommen. Der Historiker Linus Hüsser, der sich mit der Geschichte der Kapelle eingehend befasst hat, erklärt, dass sich an deren Stelle einst ein Alemannenhof befunden haben musste, der sich ab dem 7. und 8. Jahrhundert zu einem Herrenhof entwickelte. Im zehnten Jahrhundert stand dort bereits eine burgähnliche Anlage, deren Ausmasse nicht vollständig bekannt sind, aber als gesichert kann gelten, dass zum Areal eine Kapelle gehörte: Die Verenakapelle war also eine Burgkapelle. «Für die damalige Zeit waren Steingebäude etwas Aussergewöhnliches, daher gehörte die Anlage wohl einem Adelsgeschlecht», so Linus Hüsser. Die Kapelle wurde im Laufe des Mittelalters im gotischen Stil umgebaut, worauf ein Masswerkfenster verweist, das stilistisch auf die Zeit um 1400 zu datieren ist.

An der Wende zur Neuzeit war das Fricktal als Teil der habsburgischen Vorlande schwer von den Schwabenkriegen betroffen, und archäologische Untersuchungen belegen massive Zerstörungen in zahlreichen Gemeinden. Beim Wiederaufbau der 1516 eingeweihten Kapelle wurden ältere Bauteile wiederverwendet, was die gotische Anmutung erklärt.

Bedeutende Kunstwerke

Die kleine Kirche barg einst einen spätgotischen Flügelaltar, der zu den wichtigsten Kunstwerken der Region gehört und in geöffnetem Zustand fast die gesamte Breite der Kapelle einnahm, so dass die Fenster seitlich des Altars zwecks besserer Beleuchtung verbreitert wurden. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts war der Altar in der Herznacher Kapelle aufgestellt, danach ging er in die kantonale Sammlung über, wurde zeitweise auf Schloss Lenzburg präsentiert und befindet sich heute im Depot. Vor Ort verblieben ein Foto und die besagten Kopien der Skulpturen.

Ein Foto erinnert an den bedeutenden spätgotischen Flügelaltar, der sich einst in der Kapelle befand.Anders als in der modernen Kunst folgten die vor der Säkularisierung entstandenen Kunstwerke in der Regel nicht der freien Fantasie des Künstlers, sondern hatten als Auftragswerke ein festgelegtes Bildprogramm darzustellen, das die Heils- oder Zeitgeschichte, die theologischen Debatten, das Repräsentationsbedürfnis der Auftraggeber oder die Ortsgeschichte reflektierte. Dies trifft auch auf den Herznacher Altar zu, der in geöffnetem Zustand die Heiligen Elisabeth, Elidius, Verena, Agathe, Aegidius und Barbara präsentiert. Die heilige Elisabeth wurde als Schutzpatronin der Armen allgemein verehrt, Verena war in der Nordschweiz sehr populär, Ägidius ist einer der 14 Nothelfer. Doch die anderen Heiligen verweisen einen einst bedeutenden Wirtschaftszweig der Region: Barbara ist die Schutzpatronin der Bergleute, Agathe wird (weil sie mit Zangen und Fackeln gefoltert wurde) als Schützerin der Berg- und Hochofenarbeiter verehrt, und auch Eligius gilt als Patron der metallverarbeitenden Berufe. Der Flügelaltar ist demnach in Zusammenhang mit der im Mittelalter und der frühen Neuzeit wichtigen Eisenverarbeitung zu sehen, denn es gab im Fricktal und auch jenseits des Rheins Erzvorkommen, Schmelzöfen und Hammerwerke. Die Menschen erhofften sich bei ihrer schweren Arbeit Schutz und Fürsprache der Heiligen.

Linus Hüsser zeigt das Foto von dem ottonischen Kreuzigungsrelief.Ein weiteres bedeutendes Kunstwerk ist das um 960 entstandene Kreuzigungsrelief, das zu den seltenen und daher besonders wichtigen Werken aus ottonischer Zeit zählt. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Relief entdeckt. «Es war wohl in der Mauer verbaut», erläutert Linus Hüsser. Die Umschrift verweist auf den Basler Bischof Landelous, der dieses Werk in Auftrag gegeben habe, und Forscher hatten eine stilistische Verwandtschaft mit in Basel aufgefundenen Kapitellen festgestellt. Ein solches Relief dürfte wohl kaum für eine Dorfkapelle geschaffen worden sein, daher liegt die Vermutung nahe, dass Beziehungen der Basler Bischöfe zu einem lokalen Adelsgeschlecht bestanden und das Relief im Zuge einer Erbschaft nach Herznach kam. Es Relief war einst ebenfalls im Schloss Lenzburg ausgestellt und wird heute im Depot verwahrt, während in der Verenakapelle immerhin ein Foto an das Kunstwerk erinnert.

Erfreulicherweise ist das Kirchlein nicht nur ein Kulturdenkmal, sondern immer noch ein wichtiger Teil des Gemeindelebens, weil dort jeden Freitagmorgen ein Gottesdienst gefeiert wird.

Bild 1: Die Verenakapelle in Herznach
Bild 2: Das Innere der Kapelle: Die Decke ist mit neogotischen Malereien geschmückt.
Bild 3: Das Masswerkfenster ist auf die Zeit um 1400 zu datieren.
Bild 4: Ein Foto erinnert an den bedeutenden spätgotischen Flügelaltar, der sich einst in der Kapelle befand.
Bild 5: Linus Hüsser zeigt das Foto von dem ottonischen Kreuzigungsrelief.
Fotos: Michael Gottstein