Die Zahl Fünf scheint es in sich zu haben. Diesen Frühling leitet Anja Bandi aus Frick seit fünf Jahren die Friedhöfe der Stadt Basel, fünf an der Zahl. Der älteste der von ihr verwalteten Friedhöfe wurde eben 150 Jahre alt und sie selbst feiert heuer ihren 50. Geburtstag. fricktal.info hat sie an ihrem aussergewöhnlichen Arbeitsplatz, dem Friedhof Hörnli, besucht
SONJA FASLER HÜBNER
«Kommen Sie am besten zum Hörnli, dann können Sie sich ein Bild machen», schlägt Anja Bandi vor, als wir telefonisch den Ort des Interview-Termins vereinbaren. Und ja, man muss ihn gesehen haben, den 54 Hektaren grossen Zentralfriedhof der Stadt Basel auf dem Gemeindegebiet von Riehen, nahe des Grenzübergangs zu Deutschland. Seine Grösse, die Anlage und die ganze Architektur sind faszinierend. Der Friedhof ist vor kurzem 90 Jahre alt geworden und ist der grösste im Land. Ein Jubiläum, das man hätte feiern können, doch es gibt in Basel noch einen weiteren Friedhof, der älter ist, nämlich den Wolfgottesacker, im Industriegebiet des Dreispitzareals gelegen und kurz «Wolf» genannt. Und den gibt es als einen der ältesten Friedhöfe der Schweiz seit 150 Jahren. Zwei Jubiläen innerhalb so kurzer Zeit zu feiern geht nicht. «Dann kommt das Hörnli eben zum 100-Jährigen zum Zug», meint Anja Bandi, die nebst den beiden genannten noch die Oberaufsicht über den Israelitischen Friedhof in Basel-Stadt sowie die Friedhöfe Riehen und Bettingen hat.
Aber wie kommt die Frau, die aus dem Berner Seeland stammt, überhaupt zu diesem ungewöhnlichen Posten in Basel? Sie sei ein Landei, aufgewachsen mit zwei jüngeren Geschwistern, einem Bruder und einer Schwester, in Oberwil bei Büren, «ein Bauerndorf im Seeland, in einer Beiz, dem Restaurant Sternen.» Ihre Eltern führten erst eine Bäckerei, später kam das Restaurant dazu, das ihre Mutter auch nach der Trennung von Anja Bandis Vater weiterführte.
Vom Berufswunsch Hebamme zur Friedhofsleiterin
Hätte ihr damals jemand erzählt, sie würde einmal Friedhofsleiterin, hätte sie wohl ungläubig den Kopf geschüttelt, erzählt Anja Bandi in ihrem charmanten Berner Dialekt – den sie sich übrigens bewahren möchte bis zum Schluss, wie sie lachend gesteht. Ihr Berufswunsch bewegte sich nämlich mehr zu den Anfängen des Lebens: «Ich wollte ursprünglich Hebamme werden und ging deshalb nach der Schule als Au-pair ins Tessin. Die meisten absolvierten die Hebammen-Ausbildung damals aber auf dem zweiten Bildungsweg und ich war einfach zu jung», stellte sie im Nachhinein fest. «Meine Mutter fand, mit meinen guten Schulnoten müsste ich unbedingt in einer Bank arbeiten. Das kam für mich aber überhaupt nicht in Frage. Ich war in Mathe nicht schlecht, aber Zahlen interessierten mich nicht sonderlich.» Schliesslich bewarb sie sich ohne grosse Motivation für die KV-Stelle auf der Gemeinde in Leuzigen – und bekam sie zu ihrem eigenen Erstaunen, obwohl sie nicht einmal einen Lebenslauf eingereicht hatte. «Mir war es immer zu still in so einer Gemeindekanzlei», erinnert sie sich, aber im Nachhinein stellte es sich als genau das Richtige für sie heraus. Der Gemeindeschreiber wusste die junge Frau zu motivieren und weckte in ihr die Freude für die Verwaltung. Nach der Lehre lernte sie ihren späteren Mann kennen. Er war Landwirt und zehn Jahre älter als sie. Anja Bandi bekam 1995 ihre Tochter, arbeitete Teilzeit bei der Gemeinde Oberwil. Drei Jahre später dann die Trennung von ihrem Mann. Sie arbeitete weiter auf Gemeindeverwaltungen, dann bei der Arbeitslosenkasse im Kanton Solothurn, und nachdem die Liebe sie im Jahr 2000 ins Fricktal geführt hatte, machte sie einen kurzen Abstecher in die Privatwirtschaft. «Nichts für mich», musste Anja Bandi, die das breite Spektrum einer Gemeindekanzlei schätzt, bald feststellen. Sie fand eine Teilzeitstelle in der Gemeindekanzlei Magden. «Meine Tochter war zum Glück früh sehr selbständig, was mir erlaubte, eine Weiterbildung in Angriff zu nehmen, den Grundkurs für aargauisches Gemeindepersonal.» Dem wollte sie gleich noch die Gemeindeschreiber-Ausbildung anhängen. «Doch ich scheiterte kläglich.» Trotzdem bekam sie eine Stelle als Gemeindeschreiberin ad interim in Wittnau, und danach ein «Super-Zeugnis». Es war also doch das Richtige für sie. Und nachdem sie die Gemeindeschreiberstelle in Münchwilen bekommen hatte, wagte sie nochmals den Versuch mit der Gemeindeschreiberausbildung – inzwischen ein Fachhochschullehrgang. Und siehe da, sie schloss im zweiten Rang ab. «Mir hatte zuvor einfach der Bezug zur Praxis gefehlt», weiss Anja Bandi heute. Es folgten fünf Jahre als Teamleiterin Recht beim Kanton Aargau und die Stellvertretung der Amtsstelle bei der Arbeitslosenversicherung. «Mir ging das aber fachlich zu sehr in die Tiefe. Ich bin Generalistin, brauche ein breiteres Betätigungsfeld.» Und sie stellte auch fest, dass ihr leitende Positionen liegen. So absolvierte sie den CAS-Führungs-Lehrgang an der Fachhochschule. «Mit meinem damaligen Mentor Philipp Umbricht, Leitender Oberstaatsanwalt des Kantons Aargau, hatte ich ein Riesenglück. Die Chemie stimmte und er war für mich Gold wert», rühmt sie. «Ich merkte, dass mein Führungsstil und mein Verständnis davon ankommen. Das war gut für mein Selbstwertgefühl. Als ich mich wieder als Gemeindeschreiberin in einer grösseren Gemeinde bewerben wollte, sagte mir Philipp Umbricht, ich sei zu schade, um am Schalter zu stehen und Hundemarken zu verkaufen», erzählt sie lachend.
«Mami, spinnst du?»
Dann entdeckte sie die Stellenausschreibung aus Basel. «Ich wusste, dass das perfekt zu mir passen würde. Ich erfüllte alle Kriterien. Aber mir fehlte das erforderliche Studium», erinnert sich Anja Bandi. «Philipp Umbricht sagte zu mir, das sei wieder typisch Frau, ‘oder meinst du, ein Mann würde das interessieren’, der hätte sich schon längst beworben.» Daraufhin fasste sie sich ein Herz. Und siehe da, es klappte.
Der Beruf ist das eine, aber schreckte sie die Tatsache, tagtäglich auf einem Friedhof zu arbeiten und mit dem Tod konfrontiert zu werden, nicht ab? «Doch, das machte mich anfangs sehr skeptisch. Meine Tochter sagte sogar «Mami, spinnst du?». Der natürliche Vorbehalt gegen Friedhöfe, den viele hätten, habe sie auch gehabt. «Nachdem ich die Bewerbung abgeschickt hatte, besuchte ich mit meinem Partner das Hörnli und den Wolf, um zu spüren, wie ich reagiere. Als Bauchmensch fühlte ich: Das stimmt für mich. Und zwischenzeitlich weiss ich: Das ist meine Traumstelle.» Doch etwas mulmig war ihr beim zweiten Gespräch schon zumute, als man sie über das Gelände führte. «Was mir bis heute am meisten Mühe macht, ist der Geruch der Verstorbenen im Krematorium und in den Kühlräumen, dieses Süssliche. Ein Geruch, den sich die meisten von uns nicht vorstellen können.» Verstorbene zu sehen habe im ersten Moment etwas Überwindung gebraucht. «Aber heute kann ich problemlos an den Särgen vorbeilaufen. Wichtig ist mir und all meinen Mitarbeitern das Bewusstsein: Man hat es trotz allem mit Menschen zu tun. Respekt und Achtung im Umgang mit den Verstorbenen, den Särgen, der Asche und der Urne sind jedem von uns hier wichtig. Es darf nie zu einer Selbstverständlichkeit werden. Das ist hier in den Köpfen verankert und wird hochgehalten. Es unterliegt aber auch meiner Führungsaufgabe, dass es so bleibt,» ist sich Anja Bandi ihrer Verantwortung bewusst. Ein Umzug nach Basel war übrigens für Anja Bandi, die zusammen mit ihrem Partner ein Eigenheim in Frick bewohnt, nie ein Thema. «Ich bin kein Stadtmensch. Ich brauche das Ländliche. Das liegt vermutlich in meinen Genen», gesteht sie lachend. Gerät sie nicht in Stau, ist sie in einer halben Stunde an ihrem Arbeitsplatz.
Ihre Aufgaben fesseln sie manchmal mehr an den Schreibtisch als ihr lieb ist. «Ich wäre gerne mehr draussen auf dem Friedhof.» Viele Sitzungen, das Führen der Stabstelle, die Leitung von Administration und Empfang sowie des Bestattungsbüros unterliegen ihr ebenso wie die Leitung des Betriebs, des ganzen Gebäudekomplexes sowie des Krematoriums. Hinzu kommt viel Strategisches. Gerade für den Friedhof Hörnli gelte es, einen Masterplan zu erstellen, in dem festgehalten wird, wie sich der Friedhof bis 2040 entwickeln soll. «Sämtliche Gebäude haben Sanierungsbedarf. Es gilt heute zu überlegen, was in der Zukunft dienlich ist», weiss Anja Bandi. «Vieles ist einfach nicht mehr zeitgemäss.» Das neuste Gebäude ist das Krematorium, das im Frühjahr 2018 eröffnet wurde, kurz bevor Anja Bandi ihre Stelle angetreten hat. Wenn jemand in der Stadt Basel wohnt, hat er das Anrecht, auf einem der beiden Friedhöfe bestattet zu werden. Auf dem Friedhof Hörnli kostenlos. Auf dem «Wolf» befinden sich ausschliesslich Familiengräber und Grabgemeinschaften. Er ist nach dem englischen Gartenprinzip angelegt. «Die Grabsteine dort sind halbe Monumente», beschreibt Anja Bandi. «Der Friedhof selber steht sogar unter Denkmalschutz.» Auf dem Hörnli gibt es drei kostenlose Grabarten: Gemeinschaftsgrab, Erdreihengrab und Urnengrab. Andere Grabarten sind kostenpflichtig. Friedhofreglemente seien in der Schweiz eine Sache für sich, weiss Anja Bandi. «So viele Gemeinden wie es in der Schweiz gibt, so viele Friedhofsreglemente gibt es.»
«Wir haben nur eine Chance, alles richtig zu machen»
Gut gelöst sei in Basel, dass alles an einem Ort abgewickelt werden kann: Bestattungswesen, Gräberunterhalt und die zivilstandsamtlichen Angelegenheiten. «Angehörige brauchen also nur einen Gang zu machen. Bis auf Pfarrer oder Trauerredner lässt sich alles sofort regeln. Das wird geschätzt und als Erleichterung angesehen. Eines meiner Anliegen ist es, die Angehörigen dort abzuholen, wo sie sind. Wir haben nur eine Chance, alles richtig zu machen.» Wenn etwas schieflaufe, setze sich das im Gedächtnis fest. Sie sehe das als wichtigen Beitrag an die Gesellschaft, betont Anja Bandi. «Über den Tod spricht man nicht. Aber wenn es soweit ist, will man, dass alles funktioniert.»
Anja Bandi wünschte, sie hätte mehr Zeit, den Friedhof populärer zu machen. «Ich durfte zwei grosse Ausstellungen begleiten, eine von Davide Rivalta und eine von Matthias Zurbrügg. Beide Ausstellungen haben wahnsinnig viele Leute auf den Friedhof gelockt. Kultur ist die subtilste Brücke, die ich Leuten bauen kann, damit sie sich mit dem Thema Tod auseinandersetzen. Auf einer Ebene, die sie zulassen.» Man habe so einen Fuss in der Türe und komme ins Thema hinein, ohne es zu merken. «Wir wollen erreichen, dass man wieder über den Tod redet und ihn enttabuisiert. Das wird mir erst so richtig bewusst, seit ich hier arbeite.» Sie habe es ja nicht anders gemacht, sich kaum mit dem Tod auseinandergesetzt. «Mehr darüber zu reden würde unserer Gesellschaft guttun. Den Angehörigen würde es helfen, wenn man zu Lebzeiten über den Tod gesprochen hätte. Würden gewisse Entscheidungen zu Lebezeiten getroffen, würde das vieles vereinfachen.» Erdbestattung, Feuerbestattung, ein Stein oder Gemeinschaftsgrab? «Viele überlassen es den Hinterbliebenen oder sie schreiben etwas auf, aber die Angehörigen wissen es nicht. Oder nur ein Kind wird in Kenntnis gesetzt und die anderen nicht. Da ist der Knatsch vorprogrammiert. Wir propagieren die Erklärung über die Bestattungsart. Wir haben extra für Basel ein Formular kreiert, wo man alles ankreuzen und bei uns hinterlegen kann.»
Bis zu 27 Kremationen täglich
Wie sehen die weiteren Pläne für den Friedhof Hörnli aus? Ihre Idee wäre, den Friedhof noch mehr durch Kunst zugänglich zu machen, etwa mit Theater, Lesungen und Kunstausstellungen. «Wir haben Anfragen von vielen Künstlern. Leider haben wir die personellen Ressourcen für mehr Ausstellungen nicht. Wir laufen zurzeit auf dem Zahnfleisch. Die Übersterblichkeit ist schweizweit noch immer ein Thema – und nicht erklärbar.» Das merke man seit 2020 deutlich von der Todesfallanmeldung bis hin zum Krematorium. Obwohl Wellenbewegungen üblich seien, sei das schon ungewöhnlich, und an Corona könne es jetzt ja nicht mehr liegen, weiss Anja Bandi. Im Krematorium werde Überzeit gemacht. Bis zu 27 Kremationen pro Tag anstatt 21 wie sonst seien es momentan aus dem Einzugsgebiet der Kantone Basel-Landschaft und Basel-Stadt sowie angrenzenden Gemeinden aus den Kantonen Aargau und Solothurn.
Anja Bandi möchte unbedingt dem Tabuthema «Tod» entgegenwirken. «Dabei dürfen wir die Kinder nicht vergessen. Wir oktroyieren ihnen etwas auf, dabei hätten sie von Natur aus einen guten, natürlichen Zugang zum Tod. In Vorträgen sage ich immer: Am Tod kommt niemand vorbei.»
Und wie ist das mit den Leuten, die nicht auf einem Friedhof begraben sein möchten? Das habe in den letzten Jahren tatsächlich zugenommen, aber mit Corona eine gewisse Stagnation erfahren. «Der Friedhof ist weiterhin die Hauptbestattungsart. Aber es gibt auch die sogenannte Aschenausfuhr, also wenn jemand hier kremiert wird und die Asche wieder aus dem Friedhof ausgeführt wird, um im Rhein oder sonst irgendwo verstreut zu werden.» Wichtig sei es, die Beweggründe dafür zu wissen. «Ist es, weil die Angehörigen kein Grab pflegen wollen oder weil der Verstorbene nicht wollte, das sich jemand um das Grab kümmern muss?» Sie erfahre immer wieder, dass die Hinterbliebenen es schätzen, einen Ort zu haben, an dem sie trauern könnten. Manchmal komme dieses Bewusstsein erst nach einem Jahr, aber dann sei es zu spät. Auch hier habe Corona den positiven Effekt gehabt, dass der Tod wieder ein Stück weit mehr ins Bewusstsein gerückt sei. «Wir haben seither wieder mehr Aufbahrungen und verkaufen mehr Grabarten», freut sich Anja Bandi, die hofft, dass der Effekt nachhaltig ist.
«Schwarzer Humor ist hier weitverbreitet»
Auf die Frage, ob man nicht schwermütig werde, bei dieser täglichen Konfrontation mit dem Tod, lässt Anja Bandi ihr herzliches Lachen ertönen. «Wir lachen hier viel miteinander. Ich fragte mich schon: Darf man das? Aber das ist tatsächlich eine Art Psychohygiene. Schwarzer englischer Humor ist hier weitverbreitet. Wenn man nicht mehr lachen kann, wird man irgendwann depressiv – und könnte den Job nicht auf Dauer bewältigen.» Deshalb kleide sie sich auch bewusst nicht in Schwarz. Sie habe sich sogar überlegt, die Uniformen für Mitarbeiter abzuschaffen, weil ihr diese zu trist erschienen, habe jedoch gemerkt, dass die Uniform den Leuten eine gewisse Sicherheit gebe. Die neue Uniformfarbe sei nun Dunkelblau, was etwas frischer wirke als das vorherige Anthrazit. «Wir brauchen hier Leute, die sehr empathisch sind, sich auf der anderen Seite aber auch sehr gut abgrenzen können. Es ist eine Gratwanderung. Leute, die hier arbeiten, sollten eine gewisse Lebenserfahrung mitbringen, wissen, worauf sie sich einlassen, und mit beiden Beinen fest im Leben stehen. Man muss sich unbedingt abgrenzen können und braucht einen Ausgleich», weiss Anja Bandi, die einzig die Menge an Arbeit beschäftigt. «Ich nehme manchmal die Arbeit gedanklich mit nach Hause, wie es andere auch tun, aber nicht das Traurige und Schwermütige. Im Gegenteil: Ich lebe bewusster und intensiver, seit ich hier arbeite. Im Bewusstsein: Es kann schon morgen fertig sein. Das heisst nicht, dass ich das Geld zum Fenster hinausschmeisse, aber ich schiebe auch nicht mehr alles auf die lange Bank.»