(eing.) Beim internationalen Lyrikwettbewerb anlässlich der 14. Bonner Buchmesse Migration vom 15. bis 17. November wurde ein Gedicht von Richard Barth mit dem 2. Preis und gleichzeitig ein Gedicht mit dem 3. Preis ausgezeichnet. Zwei Wochen zuvor war der Lyriker Gastautor im Rahmen des Ulrich Grasnick Lyrikpreises in Berlin.
Der gelernte Journalist/Redaktor und Sprachkursleiter in den Bereichen Deutsch als Zweitsprache sowie Illettrismus hat seine regelmässige lyrische Arbeit erst vor ein paar Jahren aufgenommen. Die tägliche Auseinandersetzung mit Gedichten war zeitlich kaum möglich gewesen. Inzwischen ist Richard Barth pensioniert und findet deshalb trotz seiner Engagements im Theater und Puppentheater (Puppenbühne zum Blauen Haus) endlich die Zeit, die ein literarisches Schaffen benötigt und die er dafür einsetzen will: «Kunst kommt etymologisch von können, doch künstlerisch von müssen», sagt er.
Die Gedichte von Richard Barth erfordern ein Mitdenken und Mitfühlen der Leserin und des Lesers, aber sie wollen nicht dunkel sein, sondern die Menschen mit einer klaren Sprache erreichen, mit nachvollziehbaren Bildern berühren. Seine Werke sind oft philosophisch, kreisen um Fragen der menschlichen Existenz, des Lebenssinns, des Todes, sie beschäftigen sich mit Sprache, mit Bewusstsein und mit unserer Verantwortung der Welt gegenüber. Im Zusammenhang mit der Bonner Buchmesse, die alle zwei Jahre stattfindet, ist ein Gedichtzyklus zu den Themen Migration, Interkulturalität, Inklusion und Partizipation in Demokratien entstanden.
Obschon immer wieder Gedichte vom Fricker Lyriker in Anthologien veröffentlicht werden, geben die nun erfolgten Preise den so wichtigen Wind in die lyrischen Segel. «Ohne jetzt ein Klischee bedienen zu wollen», sagt Richard Barth, «ist es eben wirklich so, dass es vor allem der künstlerische Prozess ist, der das Leben wundersam elektrisiert und mit Sinn erfüllt, allerdings tut es der immer zweifelnden Künstlerseele ab und zu gut zu wissen, dass sie nicht ganz allein mit ihrem Ringen ist.» Das Ringen geht weiter.
Synchrone Räume oder die Architektur der Menschlichkeit
Ich lebe gerne hier.
Dieser Ort ist die Welt.
Jede Strasse, jeder Platz
ist voller Leben.
Nichts geschieht am Rande:
weder die Schule noch das Altersheim,
noch die Kirche, noch das Krankenhaus,
auch die Beratungsstelle nicht und das Opernhaus
oder das Café oder der Supermarkt.
Alles, was es gibt, ist mittendrin.
Das Andere ist immer da.
Es hat seinen Platz.
Mittendrin.
Ich sehe es jeden Tag.
Aber ich verstehe es nicht immer.
Ich muss es auch nicht verstehen.
Ich muss es auch nicht lieben.
Es ist einfach da. Immer.
Es ist ein Teil meiner Welt geworden.
Es hat sich, irgendwie, mit dem Vertrauten verbündet.
Es gibt das Andere,
das zum Vertrauten geworden ist.
Dann gibt es dieses Andere gar nicht mehr.
Und wenn ich etwas liebe,
weiss ich nicht,
ob ich das schon immer Vertraute
oder das vertraut Gewordene liebe.
Ich muss es auch nicht wissen.
Ich liebe es einfach.
Dieser Ort ist die Welt.
Ich lebe gerne hier.
Richard Barth, Mai 2024
Gemeinsam Welt werden
Aus der Masse der Geflüchteten
bist du getreten und du
seit wir uns begegnen
du und du, ich und ich
regelmässig sehen und hören
weinen und lachen, regelmässig
ist Ich auch Du geworden
Du auch Ich
das Dort hier
das Hier dort
sind wir gemeinsam
Welt geworden
unsere Geschichten
unsere Geschichte
vom Du, vom Ich.
Richard Barth, April 2024