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Das Ensemble Fiacorda mit (von links) Philippe Villafranca, Naomi Lozano, Teodor Dimitrov, Gunta Abele, Gengpei Li, Eda Paçaci, Marie-Thérèse Yan und Karin Dornbusch spielte im Rehmann-Museum.
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Quer und queer durch die Musikgeschichte – das Ensemble Fiacorda gab im Laufenburger Rehmann-Museum ein brillantes Konzert

(mig) Zum Auftakt des Jubiläumsjahres anlässlich seines 25-jährigen Bestehens und zum Abschluss der Ausstellung «Disobedient Constellations» hat das Laufenburger Rehmann-Museum am Sonntag zu einem Neujahrskonzert mit dem Ensemble Fiacorda Basel eingeladen. Angekündigt war «eine berührende und inspirierende Hommage an die Vielfalt der Liebe, des Lebens und der Kreativität», und das Ensemble konnte diesem Anspruch gerecht werden.

Gleichwohl, so Geschäftsführerin Patrizia Solombrino, habe der Titel «Queer durch die Musik» wohl einige potenzielle Gäste vom Besuch abgehalten. Auf dem Programm standen Werke von tatsächlich oder mutmasslich homosexuellen Komponisten. Deren Leben verlief zwar «ausserhalb der Norm», doch die meisten Werke waren bekannt und Teil des etablierten Kanons – und sie boten einen ungetrübten Hörgenuss. Einen erheblichen Anteil am Erfolg des Konzerts hatte Robert Zimansky, der die Kompositionen von Francis Poulenc, Camille Saint-Saëns, Peter Tschaikowsky und George Gershwin auf die Besetzung durch das Basler Ensemble zugeschnitten hatte, das sind im Einzelnen Philippe Villafranca und Naomi Lozano (Violinen), Teodor Dimitrov (Viola), Gunta Abele (Cello), Gengpei Li (Kontrabass), Karin Dornbusch (Klarinette), Marie-Thérèse Yan (Fagott) und Eda Paçaci (Horn).

Zwischen Klassik und Romantik stehend, ist Schuberts «Scherzo» in F-Dur eine der nicht sehr zahlreichen Kompositionen für die ungewöhnliche Oktett-Besetzung. Den Scherzo-Teil spielte das Ensemble mit energischem Zugriff, aber niemals outriert, sondern stets mit Leichtigkeit und Elan in ausgewogener klanglicher Balance. Der weiche und schlanke Ton der Streicher eignete sich ideal zur Entfaltung der überaus sanglichen Themen im lyrischen Trio-Teil mit seinem romantischen, aber nicht zu abgründigem Sentiment. Eine überaus angenehme Schubert-Interpretation.

Das Ensemble Fiacorda mit (von links) Karin Dornbusch, Philippe Villafranca, Marie-Thérèse Yan, Gengpei Li, Naomi Lozano, Eda Paçaci, Gunta Abele und Teodor Dimitrov im Rehmann-MuseumEin später Ausläufer der Romantik ist Samuel Barbers «Adagio für Streicher». Formal eher traditionell und auf dem Boden der Tonalität stehend, aber deren Möglichkeiten ausreizend, zeigte sich das Adagio als ebenso expressives wie klangschönes Werk. Die aufsteigenden Themen erklangen in den verschiedenen Streicherfarben, und das Ensemble überzeugte durch seine dynamisch differenzierte Gestaltung und die Fähigkeit, die Melodie in einem grossen Bogen zu einem emotionalen Höhepunkt (gleich einem stilisierten Aufschrei) zu führen, der sich weniger durch Lautstärke als Intensität auszeichnete. Ein Beispiel für die dialektische Gegenbewegung zu den Untiefen der Spätromantik war die Neuklassik, die im Programm mit Poulencs «Kleinen Kinderstücken aus dem Dorf» vertreten war: Schlichten, aber keineswegs simplen Werken, die sich an Tänzen orientierten und mit klaren Melodien und Harmonien, gewürzt durch gelegentlich eingestreute Dissonanzen, aufwarteten.

Die Begeisterung der Romantiker für «exotische» Musik – und als solche galt auch die spanische Volksmusik – spiegelt sich in Saint-Saëns’ «Havanaise» für Violine und Ensemble: Weniger tiefgründig und gefühlsintensiv als vielmehr gefällig und verspielt, ist das Werk eine wunderbare Gelegenheit für Violinisten zur Zurschaustellung ihrer Virtuosität. Philippe Villafranca bewältigte mit schlankem Ton und scheinbarer Mühelosigkeit die Akkordgriffe, Skalen, Glissandi und Ausflüge in extreme Höhenlagen. Nicht oft zu hören ist das Streichquartett in e-moll von Ethel Smyth (1858 bis 1944), die sich ihr Studium am Leipziger Konservatorium in einer Zeit erkämpft hatte, als Frauen die Fähigkeit zum Komponieren oft abgesprochen wurde. Das «Allegretto lirico» zeigt den Einfluss der romantischen Schule und die Beherrschung des kompositorischen Handwerks, aber auch individuelle Züge, sangliche Qualitäten und vielfältige Ausdrucksnuancen, die eine Wiederentdeckung dieser Komponistin lohnenswert erscheinen lassen.

Ihren grossen Auftritt hatte die Cellistin Gunta Abele in Tschaikowskys «Pezzo capriccioso»: Mehr noch als die souveräne Beherrschung der Technik im virtuosen Schlussteil beeindruckten die grosse Geste und die Leidenschaftlichkeit, mit der sie das Cello-Thema emotional auflud und in aller Klangschönheit zelebrierte. Zum Abschluss präsentierte das Ensemble Ausschnitte aus Gershwins Jazz-Oper «Porgy and Bess», die Farbenreichtum, Vitalität und mitreissende Rhythmen verbanden. Ein gelungener Auftakt zum neuen Jahr, das unter anderem eine Ausstellung zum Thema «Fossile Energien» bieten wird.

Bild 1: Das Ensemble Fiacorda mit (von links) Philippe Villafranca, Naomi Lozano, Teodor Dimitrov, Gunta Abele, Gengpei Li, Eda Paçaci, Marie-Thérèse Yan und Karin Dornbusch spielte im Rehmann-Museum.
Bild 2: Das Ensemble Fiacorda mit (von links) Karin Dornbusch, Philippe Villafranca, Marie-Thérèse Yan, Gengpei Li, Naomi Lozano, Eda Paçaci, Gunta Abele und Teodor Dimitrov im Rehmann-Museum
Fotos: Michael Gottstein