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Daria Zappa, Massimiliano Matesic, Tino Brütsch und Anna Tyka Nyffenegger (von links) gaben ein Konzert zu Ehren Hermann Suters.
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Eine tiefe Verbeugung vor dem vor 100 Jahren verstorbenen Hermann Suter, der auch ein bisschen Laufenburger war

Über das Leben Hermann Suters (1870 bis 1926) informiert eine Ausstellung im Foyer des Rathauses von Badisch-Laufenburg. Zahlreiche Besucher nahmen am Sonntag im Schlössle die Gelegenheit wahr, die Kompositionen Suters, der zehn Jahre seiner Jugend in Laufenburg verbracht hatte, kennenzulernen.

MICHAEL GOTTSTEIN

Während das «Laufenburger Lied» in der Region weithin bekannt ist und das Oratorium «Der Lobgesang des Franz von Assisi» gelegentlich aufgeführt wird, sind die übrigen Werke Suters seltener zu hören – insofern war das Konzert ein wichtiger Beitrag zum 100. Todesjahr des Komponisten. Die Ausführenden waren der Laufenburger Tenor Tino Brütsch, die Violinistin Daria Zappa, die Cellistin Anna Tyka Nyffenegger sowie der Komponist und Pianist Massimiliano Matesic. Das interessant gestaltete Programm setzte den Schwerpunkt auf die Liedkunst, die wohl den Kern von Suters Schaffen bildet, und stellte den Werken des Jubilars das Schaffen seiner Zeitgenossen Lili Boulanger und Gustav Holst gegenüber. Einen weiteren Schwerpunkt bildeten frühe und aktuelle Kompositionen Massimiliano Matesics, der nicht nur durch seinen Wohnort Kaiserstuhl, in welchem Hermann Suter geboren wurde, sondern auch durch seine tiefe Beziehung zur Musik der Romantik mit Suter verbunden ist. «Suter ist gewissermassen der Richard Strauss oder Gustav Mahler der Schweiz», meinte Massimiliano Matesic. Zwar ist er weitaus weniger bekannt, aber seine Verdienste um das Musikleben zwischen Basel und Zürich sind nicht hoch genug einzuschätzen. Der Spätromantiker Suter stand weniger in der Traditionslinie von Berlioz, Liszt und Wagner, sondern vertrat eher die «konservativere» Romantik im Gefolge von Brahms, und gleich seinem Vorbild hatte er einen hohen, ernsthaften Anspruch an die Kunst.

Hermann SuterDies kam besonders in den beiden Liedern aus Suters op. 8 zum Ausdruck, die den mehr als zweistündigen Konzertabend rahmten: Dem «Schlummerlied» (nach einem Gedicht Ferdinand von Saars) und dem «Abendlied» nach Gottfried Keller. Geschrieben wurden sie für eine Altstimme (weshalb sie von Matesic für Tino Brütsch arrangiert worden waren) und eine reiche Instrumentalbegleitung mit Klavier, Violine und Cello. Schnell wurde deutlich, wie meisterhaft Suter den Charakter der Gedichte umsetzte, die in Naturbildern – durchaus mit Melancholie, aber von einer friedvollen Erlösungshoffnung überwölbt – die Vergänglichkeit beschrieben. Tino Brütsch gelang eine sehr differenzierte, einfühlsame und dynamisch nuancierte Interpretation mit klarer Diktion, und die Instrumentalgruppe steuerte eine reiche Begleitung bei, in der Suters kompositorisches Können hervorstach: Die Struktur war komplex, gleichwohl von hoher emotionaler Ausdruckskraft, und die motivische Dichte erinnerte an das Vorbild Brahms.

Zusammen mit dem Sänger stellte Matesic vier seiner eigenen Werke aus dem Jahr 1988 vor, als er symbolistische Gedichte von Rilke, Hofmannsthal und Hesse vertont hatte. Der «Vorfrühling» stellt den «wehenden Wind» durch eine fliessende Kantilene dar, die in spätromantischer Manier von Dreiklangsbrechungen umflossen wurde. Im «Herbsttag» nach Rilke bestach die in der Tradition romantischen Virtuosentums stehende pianistische Bravour, die weniger die Vollendung des Sommers als die Gewalt der Herbststürme lautmalerisch umsetzte. Ein subtiles Stimmungsbild war der «Regen in der Dämmerung», expressiv hingegen – und den Tenor durchaus fordernd – war das Lied «Böse Zeit» nach Hesse.

Bei Suters «Drei Liedern» op. 12 handelte es sich um Originalkompositionen für Tenor und Klavier. Eine ungetrübte Idylle zeichnete das anmutige «Schifferliedchen» (Gottfried Keller). Kunstvolle Zurückhaltung und ein gediegenes Piano des Tenors zeichneten die Erstarrung der im Nebel versinkenden «Stillen Stadt» (nach Richard Dehmel) nach, während in Dehmels «Anbetung» die Grenze vom Im- zum Expressionismus überschritten war: Das Erklettern eines Turmes durch das lyrische Ich gipfelte in einer ekstatischen Hingabe an den Wind und in einer mystischen Feier des Lebens, ausgedrückt in einer klangrauschartigen Klavierbegleitung mit markanten Tremoli und einem affektgeladenen, oft bis zum Fortissimo gehenden Gesangspart.

Nach der Pause führte Massimiliano Matesic zusammen mit den Streicherinnen das Adagietto und Finale aus seinem erst kürzlich entstandenen Klaviertrio Nr. 2 auf; Thema ist die zerstörerische Wirkung der Zeit, die durch die unvergängliche Schönheit grosser Kunst aufgehoben wird. Das Werk ist dem Geist der Romantik verhaftet, aber der Komponist hatte sich von seinen Vorbildern emanzipiert und unverkennbar eine eigene Tonsprache gefunden.

Von Suter waren noch drei Lieder aus op. 22 für Klavier und Gesangsstimme zu hören. Wie ein später Nachhall der Frühromantik wirkte das zarte und intime Lied «Nepomuks Vorabend» nach Goethe. Im Lied «Am fliessenden Wasser» (Gottfried Keller) gelang es Tino Brütsch, nicht nur die idyllische Stimmung, sondern auch die unterschwellige Sehnsucht zu evozieren. Eine andere Facette Suters, nämlich seinen Sinn für Abgründiges und Düsteres, erlebte man in der Vertonung von Kellers «Gasel» (nach der orientalischen Gedichtform), wo in herber Deklamation die «herbstnächtlichen Schatten» beschworen wurden.

Ergänzt wurde das Konzert durch zwei Miniaturen für Violine und Klavier von Lili Boulanger und Gustav Holsts «Vier Lieder für Stimme und Violine» nach mittelalterlichen Texten. Richard Strauss’ «Morgen» und das gemeinsam gesungene Laufenburger Lied beendeten das niveauvolle Konzert, das einen seltenen und recht tiefen Einblick in Suters Schaffen gab.

Bild 1: Daria Zappa, Massimiliano Matesic, Tino Brütsch und Anna Tyka Nyffenegger (von links) gaben ein Konzert zu Ehren Hermann Suters.
Bild 2: Hermann Suter
Fotos: Michael Gottstein (1), zVg (2)