Nach der Ausstellung «Fossile Energien», in der ein Künstlerinnenkollektiv die Besucher multisensorisch in die Ära der Dinosaurier eintauchen liess, widmet sich das Laufenburger Rehmann-Museum nun erneut archäologischen Funden: Vom 29. August bis zum 13. Dezember ist unter dem Titel «Hologramm» die umfassende Werkschau der Zürcher Künstlerin Mo Diener zu sehen.
MICHAEL GOTTSTEIN
Geschäftsführerin Patrizia Solombrino, Kurator Michael Hiltbrunner, Stiftungsratspräsident Rudolf Lüscher sowie Stadtammann und Stiftungsrat René Leuenberger stellten am Freitag die Künstlerin und das Ausstellungskonzept vor. Obwohl Mo Diener bereits seit den 1980-er Jahren künstlerisch aktiv und erfolgreich ist, hatte sie bislang stets zusammen mit anderen Künstlern
ausgestellt – die Werkschau im Rehmann-Museum ist ihre erste monographische Ausstellung, und zum ersten Mal wird auch ein Buch über ihr Werk (im Verlag Scheidegger & Spiess) erscheinen. Die archäologischen Funde, mit denen sich die Ausstellung auseinandersetzt, stammen aus einem Zeitraum, der von der jüngeren Steinzeit (etwa 4000 vor Christus) bis in die jüngste Vergangenheit der Medienkünstlerin Mo Diener reicht. Sie greift ihre älteren Werke aus den 1980-er und 1990-er Jahren auf, setzt sie in neue Zusammenhänge, und sie kombiniert ihr eigenes Werk mit archäologischen Relikten, wodurch spannungsreiche Dialoge entstehen. Besonderen Wert legte Kurator Michael Hiltbrunner auf die Einbeziehung lokaler Objekte. Ausgestellt ist das Halbfabrikat eines Steinbeils um 3000 vor Christus aus Künten, ein spätmittelalterliches Steinobjekt vom Laufenburger Schlossberg und sogar Objekte aus der Römerzeit, die just im Schimelrych, also im Umfeld des Museums, gefunden wurden.
Museen erforschen und bewahren, aber sie «entfremden» auch
Archäologische Fundstücke und die Werke der sogenannten «Alten Meister» entstanden nicht aus einem «l’art-pour-l’art»-Prinzip heraus, vielmehr hatten sie eine Funktion in einem religiösen, kultischen oder politischen Kontext zu erfüllen. Bei der isolierten Aufstellung von Kunstwerken und archäologischen Relikten in einem Museum werden die Werke von ihrem ursprünglichen Funktionszusammenhang entfremdet. Diesen zu erforschen und zu rekonstruieren, ist Aufgabe der Wissenschaft. Die Kunst hingegen hat die Freiheit, die ihres Kontextes «beraubten» Kunstwerke und Objekte neu zu interpretieren, gänzlich neue Sinnzusammenhänge zu stiften und eine dafür geeignete Ästhetik zu erschaffen. «Science» und «Fiction» könnten sich somit ergänzen, sagt Michael Hiltbrunner.
Die Ausstellung
Eines der bedeutendsten archäologischen Fundstücke der Schweiz ist die am Zuger See entdeckte Doppelaxt, die um 4000 vor Christus aus Serpentinit geschaffen wurde – eine Kopie davon ist ausgestellt. Ein ähnliches Objekt wurde im Rhein, im Basler Hafenbecken, gefunden. «Dies zeigt, dass Flüsse die Lebensadern der Zivilisation sind, und man kann sicher sein, dass Laufenburg zu jener Zeit besiedelt war», so der Kurator. Die Doppelaxt wurde wissenschaftlich gründlich untersucht, und man nimmt an, dass sie eher kultischen als kriegerischen Zwecken diente. Und sie inspirierte die Archäologin Eda Gross zu einem «Lied über die Doppelaxt». Zusammen mit ihr sowie einem Flussvermesser und einer Musikerin hat Mo Diener das audiovisuelle dreidimensionale Hologramm «Die Archäologin» entwickelt, in dem sich visionäre Träume und dokumentarische Spuren zu einem Zeitportal verweben, das die Besucher aus der Gegenwart löst und in eine andere Zeit entführt.
Im Obergeschoss sind Neuinterpretationen der früheren Werke Mo Dieners zu sehen, etwa die Installation «Die Sommersprossen der Orgatron», bei der sich ein begehbares schlauch- beziehungsweise wurmartiges Objekt durch den Raum windet. Eine ähnliche Skulptur hatte Mo Diener in den 1990-er Jahren geschaffen und darin mit Künstlerkollegen eine Performance aufgeführt. Die Videos von 1998 werden nun auf das neue Objekt produziert. Die Zeitspanne zwischen dem analogen Video und der Gegenwart wird überbrückt, so dass es durchaus erlaubt ist, in dem Objekt eine Zeitmaschine oder eine Anspielung auf Wurmlöcher zu sehen, die bekanntlich grosse Distanzen überwinden können.
In die Zeit analoger Filme führt der erste Raum mit mehreren Monitoren, auf der eine Videoinstallation von 1998 unter dem Titel «Spuren des Lebens» läuft. Zu sehen ist eine (noch nicht digital erschaffene, sondern abgefilmte) Frau, aus deren Augen Lichtstrahlen schiessen. Mo Diener machte sich dabei eine Art Rückkoppelungseffekt zunutze, vergleichbar dem aus der Akustik bekannten «Larsen-Effekt». Die Installation ist quasi ein Ausflug in die Vorzeit der heutigen Filmtechnik.
Ergänzt wird die Ausstellung mit Interviews, die Mo Diener mit Angehörigen der Jenischen geführt hat, um deren Kultur zu bewahren. Zu sehen ist auch ein Gespräch mit einem indischen Archäologen, der den Einfluss der Globalisierung auf die Kunst besonders der indigenen Völker beschreibt. Auch deren Artefakte könnten ihres Funktionszusammenhangs beraubt werden, sollten sie einmal auf dem Kunstmarkt landen.
Über die Künstlerin
Mo Diener (geboren 1961 in Horgen) lebt und arbeitet in Zürich. Ihre Praxis umfasst Performances, Interventionen und Installationen, die international Anerkennung finden. Nach ihrem Studium der Ethnologie, Kulturanthropologie und Religionswissenschaft absolvierte sie eine Ausbildung in Kunst, Design und Videokunst. 2013 war sie Mitbegründerin des bis 2023 aktiven Roma Jam Session art Kollektivs und betreut dessen Archiv.
Termine
Die Vernissage beginnt am Freitag, 28. August, um 19 Uhr. Nationalrätin Simona Brizzi und Christoph Lang, Rektor der F+F Schule für Kunst und Design Zürich, werden Grussworte sprechen, und Michael Hiltbrunner führt in die Ausstellung ein. Es gibt ein umfassendes Begleitprogramm mit Workshops. Am Sonntag, 18. Oktober, 15 Uhr, findet die Vorstellung der Monographie statt. Patrizia Solombrino dankte allen Unterstützern, ohne deren Förderung die Ausstellung und das Buchprojekt nicht realisierbar gewesen wären.
Bild 1: Rudolf Lüscher, Michael Hiltbrunner, Mo Diener und Patrizia Solombrino (von links) in der «Zeitmaschine»
Bild 2: Mo Diener
Bild 3: Relikte aus der Römerzeit, die im Umfeld des Museums entdeckt wurden
Bild 4: Michael Hiltbrunner, Rudolf Lüscher, Mo Diener und Patrizia Solombrino (von links) bei der Videoinstallation «Spuren des Lebens»
Fotos: Michael Gottstein