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Bundesfeierrede 2024 von Werner Müller in Zuzgen

Die Festrede von Werner Müller, Präsident Verein für Altersbetreuung im Oberen Fricktal
(Es gilt das gesprochene Wort) 

Liebe Zuzgerinnen, liebe Zuzger, liebe Festbesucher 

Ich habe mich sehr gefreut, als mich vor einiger Zeit Heinz Kim für die diesjährige 1. Augustansprache in Zuzgen angefragt hat. Ich habe mir das nicht lange überlegen müssen und bin heute sehr gerne nach Zuzgen gekommen.  

Zwischen Zuzgen und meinem Wohnort Wittnau gibt es einige Gemeinsamkeiten. Zuzgen liegt auch in einem Seitental, ein wenig weg der Hauptverkehrsachsen, entsprechend mitten in der Natur, ruhig und dadurch weniger hektisch als in den Zentrumsgemeinden. 

Die schöne Landschaft mit dem Tafeljura laden zu abwechslungsreichen Wanderungen ein. In beiden Gemeinden hatte das «Chriesi» früher eine grösse Bedeutung. In meiner Kindheit musste ich fast die ganzen Sommerferien bei der Kirschenernte mithelfen. Ich habe schöne Erinnerungen an diese Zeit, hätte jedoch ab und zu lieber mit Kollegen abgemacht, um mit ihnen in die Badi zu gehen. 

Die Zeiten haben sich verändert, die Anzahl der Kirschbäume hat massiv abgenommen. Früher war die Kirschenernte eine wichtige Einnahmequelle für viele Familien im Dorf. Die Qualitätsanforderungen sind in den letzten Jahren so stark angestiegen, dass sich die Kirschenernte nur noch für spezialisierte Betriebe lohnt.  

Zuzgen hat aber noch den Chriesiberg, als Erinnerung an die vielen Kirschbäume. 

Eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Wittnau und Zuzgen habe ich festgestellt, nämlich der Steuerfuss. Mit 119 % ist dieser in meiner Wohngemeinde sogar um 4% höher als in Zuzgen. Ich habe in meiner Zeit als Gemeindeammann immer gesagt: Qualität kostet etwas. 

Ich bin heute nicht hierhergekommen, um euch die Gemeinsamkeiten zwischen Wittnau und Zuzgen zu erklären. Wir alle sind heute hierhergekommen, weil wir den Geburtstag der Schweiz feiern. Immerhin ist es der 733 Geburtstag der Schweiz (1291 bis 2024). 

Wenn wir an einen Geburtstag eingeladen sind, nehmen wir normalerweise ein Geschenk mit. Heute sind wir am Geburtstag der Schweiz eingeladen. Ich habe mir überlegt, was soll ich zu dieser Geburtstagsfeier mitnehmen? 

Dann kam mir die Idee, ich lade die Schweiz (ich sage ihr Helvetia) zu einem Ballonflug ein. Ich möchte ihr die heutige Schweiz einmal von oben zeigen. 

Ja das ist eine gute Idee, so kann die Helvetia die Schweiz einmal aus einem anderen Blickwinkel sehen. Ich kann ihr die schöne Landschaft zeigen, die schönen Dörfer, die Berge die Seen und die Flüsse. Ich möchte ihr aber auch die weniger schönen Sachen nicht vorenthalten. 

Ja es gibt viel Schönes in der Schweiz, auf das wir stolz sein können. Sachen um die uns viele Ausländerinnen und Ausländer beneiden. Es gibt aber auch Dinge, die der Helvetia nicht so gefallen. Der viele Verkehr, die Überbevölkerung in einigen Gebieten und als Folge davon, die hohe Bautätigkeit, der Klimawandel mit Unterwetter wie wir sie erst kürzlich erlebt haben, der hektische Alltag, die vielen gestressten Menschen welche von einem Termin zum anderen rennen, Menschen, welche sich in der heutigen modernen Welt nicht mehr zurechtfinden, und so weiter und so weiter. 

Was ist denn geblieben von unserer Heimat? Sind es nur noch die Erinnerungen an frühere Zeiten. Zum Beispiel an die Kirschenernte während fast den ganzen Sommerferien. 

Nein so ist es nicht. Wir können sehr dankbar sein, hier in der Schweiz leben zu dürfen. Die Schweiz als Heimat zu haben. Wenn wir über die Landesgrenze schauen, stellen wir fest, dass die weltweiten Probleme um einiges grösser sind als bei uns in der Schweiz. Bei einem Regierungswechsel in anderen Ländern wird praktisch alles auf den Kopf gestellt. Erschreckend sind die vielen Diktaturen, die es überall gibt. Die Menschen haben dort absolut nichts zu sagen. Wer aufmuckte, kommt ins Gefängnis. Für uns Schweizerinnen und Schweizer nicht vorstellbar.  

In diesem Zusammenhang müssen wir uns bewusst sein, die Schweiz als Heimat zu haben ist ein Geschenk ein grosses Geschenk. Und dass die meisten von uns zufällig hier in diesem wunderschönen Land leben. Ein wertvolles Geschenk, mit welchem wir sehr behutsam umgehen müssen. 

Eine zentrale Grundlage dafür ist das politische System der Schweiz. Die direkte Demokratie. Das Erfolgsmodell der Schweiz beruht auf der direkten Demokratie. Sie ist weltweit einmalig und erlaubt den Bürgerinnen und Bürgern ein direktes Mitwirken auf allen Staatsebenen. In keinem anderen Land ist das so möglich.  

Auch die Helvetia ist stolz darüber, dass sich dieses System bis heute so erfolgreich gehalten hat. 

Der Erfolg der Schweiz hat aber auch damit zu tun, Lösungen gemeinsam zu suchen und Kompromisse einzugehen. 

Das hat sich in den letzten Jahren leider verändert. Extrempositionen werden stur vertreten, am Schluss fehlt dann eine Lösung. Das ist gefährlich, dem müssen wir vehement entgegenwirken. 

Ich unterhalte mich mit der Helvetia noch über Traditionen, davon gibt es viele in unserem Land. Eine davon ist, dass wir heute hier sind und den 1. August feiern. Das ist gut so und gefällt der Helvetia. Traditionen verbinden uns, geben uns Bodenständigkeit und lässt die Vergangenheit weiterleben und nicht vergessen. 

Wir müssen jedoch aufpassen, uns nicht hinter Traditionen zu verstecken. Wer kennt den Spruch nicht, „das haben wir schon immer so gemacht, dann machen wir es auch weiterhin so“. Das ist definitiv eine schlechte Tradition. 

Es gibt auch ein treffendes Sprichwort dazu: 

Tradition ist nicht das Aufbewahren von Asche, sondern aufrechterhalten des Feuers. 

Einsatz, Wille, Durchhaltevermögen aber auch Kameradschaft, haben die Schweiz in der Vergangenheit stark gemacht. Wir haben keine oder wenige Rohstoffe (kein Oel, Gas oder Edelmetalle). Unsere Vorfahren mussten sich das tägliche Brot mit harter Arbeit erkämpfen. 

Als Präsident des Vereins für Altersbetreuung im oberen Fricktal, der Verein betreibt die beiden Altersheime in Frick und Laufenburg, erzählen mir Bewohnerinnen und Bewohner immer wieder, wie einfach sie früher lebten, wie wenig sie hatten, wie viel sie arbeiteten und trotzdem zufrieden waren. Heute geht vieles einfacher, wir haben viel mehr Freizeit, Ferien, etc. Wohlstand den wir alle sehr schätzen. Leider ist es heute oft so, dass die Freizeit an erster Stelle steht. Das ist meiner Meinung eine gefährliche Entwicklung.  

Damit die Schweiz auch zukünftig ein erfolgreiches Land bleibt, müssen wir tagtäglich hart daran arbeiten. Es gibt im Ausland sehr viele Menschen, welche für mehr Wohlstand alles dafür unternehmen. Die Konkurrenz ist gross und schläft nicht.  Denken wir beispielsweise an China mit mehr als 1.4 Milliarden Menschen. 

Es gibt dazu ein passendes Sprichwort von Bertold Brecht: 

Wer kämpft kann verlieren. Wer nicht kämpft hat schon verloren 

Aber nicht verbissen kämpfen, das wäre falsch 

Die Schweiz hat sehr gute Voraussetzungen auch in Zukunft erfolgreiche zu sein. Wie bereits erwähnt, die direkte Demokratie, gute Ausbildungsmöglichkeiten, stabile politische Verhältnisse sind die Grundlagen dafür. Dafür müssen wir uns jedoch Tag für Tag einsetzen.  

Wenn jemand Erfolg hat, besteht immer die Gefahr, dass auch andere davon profitieren möchten.  Die Schweiz ist kein Selbstbedienungsladen, dagegen müssen wir uns wehren. Die Schweiz kann die weltweiten Probleme nicht lösen. Wir dürfen uns aber auch nicht abschotten, viele Probleme können nur gemeinsam gelöst werden.  

Das Gas beim Ballon geht langsam aus. Wir müssen mit der Helvetia wieder landen. 

Wir sind über dem Chriesiberg in Zuzgen und suchen uns einen Landeplatz zwischen den Chriesibäumen. Da es zum Glück einige Lücken gibt, ist das kein Problem. Die Landung klappt bestens, die Helvetia mit ihren 733 Jahren ist froh, wieder sicheren Boden unter den Füssen zu haben. Und das erst noch im schönen Fricktal. 

Der Flug hat der Helvetia gefallen. Sie hat von oben viele wunderschöne Sachen gesehen. Sie hat jedoch auch festgestellt, dass es unserem Land an Herausforderungen nicht fehlt. 

Aber auch die Helvetia ist zuversichtlich, dass die heutige Schweiz gute Voraussetzungen hat, auch in Zukunft erfolgreich zu sein. 

Jetzt feiern wir aber zuerst den Geburtstag der Schweiz, deswegen sind wir heute auch hierhergekommen. Geniessen wir den heutigen Abend und den morgigen Feiertag. 

Packen wir danach die anstehenden Herausforderungen mit viel Freude und Elan an. Denkt aber jeden Tag daran: Es ist ein Geschenk, hier in der Schweiz leben zu dürfen. 

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.