Die Festrede von Grossrat Rolf Schmid in Ittenthal im Wortlaut
(Es gilt das gesprochene Wort)
Geschätzte Anwesende
Gleich zu Beginn meiner Rede bedanke ich mich recht herzlich beim Gemeinderat Kaisten für die Anfrage, heute ein paar Worte an Sie, liebe Festgemeinde, richten zu dürfen. Ein herzliches Dankeschön geht auch an den Verein «Üttlete 1297», der diese heutige Bundesfeier mit grossem Engagement auf die Beine gestellt hat.
Als Mensch, der reflexartig Abstand zu Patriotismus und Nationalismus nimmt, ist es schwierig, ein passendes Thema für solch traditionelle Feierlichkeiten zu finden. Sollte ich ein Loblied auf die Schweiz halten, nur um mir für die bevorstehenden Wahlen Stimmen zu holen, oder sollte ich doch absagen, weil das politische Konfliktpotenzial zu gross ist? Schon in früheren Jahren fand ich die Reden über Stolz und Erinnerungskultur schwierig, denn oft schliessen sie aus und beleuchten nur die halbe Wahrheit. Darum versuche ich es, wie es sich für einen Geburtstag gehört, heute für einmal mit Wünschen. Und wie es sich für einen politischen Menschen gehört, versuche ich auch, diese zu begründen.
«Heimat ist ein Gefühl und kein Ort. Identität ist der Schnittpunkt zwischen dem, was ein Mensch sein will, und dem, was ihm die Gesellschaft zu sein gestattet.» Zu diesem Schluss kommt die Autorin und ehemalige Nationalrätin Ada Marra in ihrem Buch «Ab wann ist man von hier?».
Egal ob bei einem Freiwilligeneinsatz in einem Flüchtlingscamp auf der Balkanroute in Serbien, einer Reise durch Indien oder meinem längeren Aufenthalt in Südamerika - Heimat und Herkunft waren immer präsent und beschäftigen mich jeden Tag. Besonders während des Austauschsemesters in Buenos Aires. In einer Stadt, die nie schläft, mit mehr als 13 Millionen Einwohner:innen und Häuserzeilen soweit man schauen kann. Eine faszinierende Welt, die einem vor Augen führt, dass man mit seiner bisherigen Umgebung nicht der Nabel der Welt ist. Ich gebe zu, manchmal hatte ich Heimweh. Doch die Neugierde, die Fragen, das Interesse und die greifbare argentinische Willkommenskultur haben mir ein Gefühl von Sicherheit gegeben. Nur so konnte ich mich auf die Wohnungssuche, das Erlernen der Sprache oder die Vorlesungen an der Universität konzentrieren. Später konnte ich dank diesen Kontakten das Land und die Kultur kennenlernen und vielleicht gegen Ende sogar ein wenig verstehen. Solche positiven Gefühle wünsche ich mir auch für Menschen, ob freiwillig oder nicht, die zu uns in die Schweiz gekommen sind. Ich bin überzeugt: Mit dem Gefühl, angekommen zu sein, entwickelt sich ein Heimatgefühl, ein Gefühl des Dazugehörens, auch ein Stück Verantwortungsbewusstsein für das Wohlergehen der Gemeinschaft, in der man lebt. Das ist ein wichtiger Grundstein für das friedliche Zusammenleben.
Haben Sie sich liebe Schweizer:innen schon einmal überlegt, was die Frage «Vo wo chunnsch du?» für Sie bedeutet? Für Menschen mit Migrationshintergrund bedeutet sie eine Auseinandersetzung mit der Sehnsucht nach Heimat oder Identität, aber leider auch die Konfrontation mit der Tatsache, hier «nicht dazu zu gehören». Als Antwort auf die Frage reicht ein simples «vo Frick» oder «usem Mettauertal» nicht aus. Ist ein Akzent hörbar oder die Hautfarbe dunkler als die unsere, geht die Frage weiter bis hin zur Ursprungsland irgendwelcher Vorfahren, bestenfalls der Eltern. Umfragen und Stimmungsbilder besonders unter Migrant:innen der zweiten und dritten Generation zeigen, dass sie jeden Tag Begegnungen erleben, bei denen sie den Beweis erbringen müssen «wirklich von hier zu sein».
Das Bekenntnis in diesem Land zu leben, es auf seine oder ihre Art zu lieben, reicht nicht aus. Der Grad an sogenannter Heimatliebe wird am Pass oder dem eigenen Namen festgemacht. Stets begleitet von einem unterschwelligen Vorwurf für das «Schweizer- oder Schweizerin-Sein» nicht zu genügen. Bei der Arbeit mit geflüchteten Menschen merke ich immer wieder, dass Herkunft und Heimat nicht einfach ein Smalltalk-Themen sind, dass wir locker beim Kennenlernen ansprechen sollten. Zumindest so lange die mehrfache Zugehörigkeit zu verschiedenen Kulturen oder das Gefühl von mehreren Heimaten in der Brust, also einem Wort, dass es eigentlich nicht einmal in der Mehrzahl gibt, ist für viele Menschen in der Schweiz einfach keine Option ist oder schlicht ausserhalb ihrer Vorstellungskraft liegt. Erinnern wir uns für einen Moment zurück an die kürzlichen Erfolge unserer Fussballnationalmannschaft der Männer an der EM. Mit Einsatz und Teamgeist hat sie im ganzen Land Begeisterung entfacht. Verflogen sind die ewigen Diskussionen über die Namen, die Anzahl Reisepässe und Migrationserfahrung. Diese Beispiele gibt es massenhaft, sie sind Bestandteil von unserem Alltag.
Was wünsche ich mir für die Schweiz und ihre Menschen zum 1. August?
Der heutige Tag soll nicht der Vergangenheit gehören. Er soll den Grundstein für eine offene und mutige Schweiz der Zukunft legen. Zugegeben, wir haben uns hier in der überschaubaren Schweiz in besonders kleinen Einheiten organisiert und unsere politischen Strukturen und eben auch Denkweisen entsprechend aufgebaut. Doch um für die Zukunft bereit zu sein und anstehende Herausforderungen anzupacken, brauchen wir den Mut und die Offenheit in grösseren Dimensionen zu denken. Gerade die Fusionen wie hier in Ittenthal und Kaisten oder meiner «Heimat» dem Mettauertal zeigen doch, dass dieser Schritt oft gar nicht so schwierig ist. Eine Politik der Identitäten und der Abschottung hilft uns dabei nicht weiter. Es geht auch nicht darum, wer was falsch macht oder wer in irgendeiner Hinsicht besser wäre. Heimat ist kein Wettbewerb, sondern die zwingende Voraussetzung für ein Gemeinschaftsgefühl.
Die Schweiz ist schon immer ein Land der Migration gewesen, also eine Nation im steten Wandel. Vielfältigkeit und Veränderung sind spätestens seit der Gründung im Jahre 1848 quasi Bestandteil unserer DNA. Wenn wir diese Veränderungen als Chance und nicht als Bedrohung erkennen, gelingt uns der Kampf gegen jede identitäre Bewegungen und die Untermauerung unserer Gesellschaft, ganz egal aus welcher Ecke sie kommt. Es ist nicht eine gemeinsame Herkunft, eine Sprache oder eine Religion, die uns vereint, sondern unsere Freiheiten und damit auch die Überzeugung für unsere Verfassung. Jede und jeder in diesem Land ist mit den gleichen Rechten geboren, die Stärke unserer Gesellschaft misst sich am Wohl der Schwächsten. Alle Menschen geniessen die Freiheit zu leben und lieben, wie und wen sie wollen, zu sagen, was sie denken, solange sie damit die Rechte von Anderen nicht einschränken. Ich wünsche uns die Demut und das Bewusstsein, dass das alles keine Selbstverständlichkeiten sind und natürlich die Gelegenheiten wie heute, dies auch gemeinsam zu feiern. Wenn Sie so wollen, schwingt jetzt also doch noch eine Prise Stolz mit.
Ich wünsche uns die Bereitschaft im Alltag einen Unterschied zu machen, gesellschaftliche Realitäten zu akzeptieren, wie sie sind, und uns um gegenseitiges Verständnis und Miteinander zu bemühen. Gelegenheiten für Austausch und Begegnung anzunehmen, Vorurteile auf der Seite lassen und kulturelle Unterschiede als Gelegenheit zu verstehen, dazuzulernen und zu entdecken. Der Erfolg unseres Landes hat schon immer darin bestanden integrieren zu können und Integration war dabei auch zu einem Grossteil die Leistung der einheimischen Bevölkerung. Diese Aufgabe, liebe Anwesende, ist zu bedeutend, um sie ein paar engagierte Freiwilligen zu überlassen.
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit und einen schönen 1. August