Die Festrede von Guido Brogle in Wittnau im Wortlaut
(Es gilt das gesprochene Wort)
Geschätzte Wittenauerinnen und Wittnauer, liebe Freunde
Es ist für mich eine grosse Ehre, heute an meinem Heimatort vor Ihnen stehen zu dürfen.
Vor ca. 60 Jahren bin ich das letzte Mal auch hier oder in der «Krone» auf einer Bühne in Wittnau gestanden, dann aber anlässlich einer Turner-Aufführung oder mit dem Männerchor… Aber ich nehme nicht an, dass mich der Vorstand des Musikverein deswegen gefragt hat, ein paar Worte an Sie zu richten, weil ich ein guter Turner oder Sänger war. Der Grund muss ein anderer sein – dazu später.
Die wenigsten der unter 60-Jährigen unter Ihnen kennen mich. Die etwas Älteren kennen mich von den Skilagern in Savognin, wo ich die Organisation der ersten Lager übernehmen durfte und auch Skilehrer war. Seit damals gibt es über mich von Wittnau nicht viel zu berichten. Aber den Kontakt zu meinem Heimatdorf habe ich immer aufrechterhalten, denn meine Frau Susanne und ich wohnen nur eine halbe Stunde von Wittnau entfernt in einer Ortschaft namens Boppelsen, zwischen Baden und Zürich am Fuss der Lägern, mit 1400 Einwohnern praktisch gleich viel wie in Wittnau. Ich bin dort gelandet, weil ich einen Wohnort gesucht hatte, der nahe genug bei meiner Firma (Dielsdorf) und dem Flughafen (Kloten) lag.
Weil mich, wie gesagt, die wenigsten der Jüngeren von Ihnen kennen, hier ein paar Informationen über mich: Ich bin 1944 in Wittnau geboren und mit drei Brüdern im Elternhaus an der Hauptstrasse 98 aufgewachsen – ich bin also ein echter Oberdörfler! Wir haben hier eine sehr schöne Jugendzeit verbracht, Vertrauen zu unseren Eltern, und durften von ihnen viel Lebensweisheit mitnehmen, auch hinaus in die Welt. Wir hatten auch viel Spass und haben – wie es Buben halt tun, viele Streiche gespielt. Damals rief nicht jemand sofort die Polizei… Von all dem könnte ich abendfüllend erzählen, doch ist dies nicht das Ziel meiner heutigen Ansprache.
Nach den Schulen in Wittnau und dem Abschluss einer Elektro-Monteur-Lehre habe ich das Dorf verlassen, um mich anderswo wei-terzubilden mit dem Zweck, Handels- und Sprachdiplome zu erlangen. Die Stationen waren Basel, Lausanne, Paris, London und Zü-rich. Der Wegzug war mir nicht leichtgefallen, denn im Turnverein und Männerchor hatte ich viele schöne Stunden verbracht und auch gute Freunde gehabt. Aber wenn immer möglich, war ich am Wochenende nach Hause gekommen. Natürlich nicht von Paris oder London… Dabei hatte ich an meine Mutter gedacht, weil ich ihr die schmutzige Wäsche bringen durfte. Am Sonntag war dann alles gewaschen und gebügelt, und es hat mich nichts gekostet!
Nach dem Tod meiner Eltern 1998 bzw. 2000 durfte ich das Elternhaus übernehmen und habe es zu einem 5-Familien-Haus umbauen lassen. Das Haus und die damit verbundenen die Bauarbeiten und das ganz »Drum-herum» haben mich in den letzten 20 Jahren noch mehr mit meiner Heimat verbunden.
Nach vier Jahren Weiterbildung an den vorher erwähnten Orten war ich 1967 bei BBC Zürich gelandet, heute ABB. Ich hatte zeitweise nur Teilzeit gearbeitet, weil ich abends Ingenieur- und Management-Schulen besucht habe. Nach 5 Jahren ABB wurde mir – damals war ich 28 Jahr alt – eine Stelle in einem international tätigen Handelsunternehmen im Elektrobereich angeboten. Dort durfte ich auf Direktionsstufe, aber auch als VR eines englischen Kabelwerkes, diverse Funktionen ausüben. Mit 34 Jahren habe ich die «Komfortstufe» Direktor mit gutem Gehalt gekündigt und den Sprung ins kalte Wasser gewagt: Ich habe den «Unternehmer-Kittel» mit allen Verantwortungen und Risiken angezogen! D.h. ich habe die Firma ELBRO AG, Elektronik und Elektrotechnik, gegründet. ELBRO darum, weil man Brogle in vielen Sprachen falsch ausspricht und man diesen Namen überall als Firmen- und Markennamen gut versteht (Elektro Brogle).
Die Elbro ist in 35 Jahren unter meiner Leitung zum internationalen Spezialisten für Industrie-Elektronik angewachsen. Einige Linien verkauften wir auch unter eigenen Markennamen. Produziert wird in der Schweiz, in Italien, Frankreich, aber auch Asien und den USA, verkauft mehrheitlich in der Schweiz und in den übrigen europäischen Ländern.
Ich habe nur eine Tochter, Andrea. Schon früh wusste ich, dass sie als Nachfolgerin nicht in Frage kam, und sie hat sich denn auch in eine andere Richtung ausbilden lassen. Daher habe ich die Firma im 2009 an einen deutschen Bekannten – unter Beteiligung eines chinesischen Freundes – verkauft. Und jetzt bin ich Rentner.
Aber bis vor einigen Jahren bin ich meinen Hobbys intensiv nachgegangen, denn ich war auch Helikopter-Pilot und Hochsee-Segler mit den entsprechenden Lizenzen. Heute spielen meine Frau Susanne und ich aber immer noch Golf.
Der Vorstand der Musikgesellschaft hat gemeint, dass ich als weitgereister Geschäftsmann sicher einiges Interessantes erzählen könnte. Sicher könnte ich dies, denn ich habe etwas mehr als 100 Länder der Welt bereist. Davon 20 geschäftlich, die restlichen als Tourist. Es gibt viele traumhafte Gegenden auf dieser Welt mit wunderbaren Menschen, egal ob hoch oben im Norden oder in der Nähe des Südpols, in China, Afrika oder Amerika und auch in der Schweiz…. Ich habe mit vielen Menschen weltweit schöne Beziehungen aufbauen können. Es war nicht immer einfach – vor allem in Asien – das Vertrauen der Geschäftspartner zu gewinnen, was jedoch die Basis für geschäftlichen Erfolg ist. Aus den guten Beziehungen wurden oft sogar Freundschaften – das war das Schöne am internationalen Business.
Aber leider gibt es auch etwas anders: Ich habe nebst all dem Schönen auch viel Armut gesehen. Diese gibt es leider überall. Und oft liegen Armut und Reichtum sehr nahe beisammen.
Hier nur 3 Bespiele: - Slums oder Favelas in Rio mit ca. 700 000 Bewohnern; - Townships in Kapstadt mit 1,2 Millionen Bewohnern; - Oder der grösste Slum von ganz Asien in Mumbai. Dieses heisst DHARAVI mit 2 Millionen Bewohnern. Dharavi ist die am dichtesten besiedelte Region von Asien. Es leben ca. 2 Mio. Menschen auf zwei Quadratkilometern oder ca. 3000 Menschen auf einem Fussballfeld. In einem Zimmer von 12,5 m2 wohnen durchschnittlich 6½ Personen. Dieser Raum ist auch Lebensraum, Schlafzimmer, Kinderzimmer, Arbeitsraum. In Dharavi gibt es sehr viele Kleinbetriebe, in denen 3 bis 5 Personen arbeiten. Diese verarbeiten Leder, Kleider, Lebensmittel im Wert von ca. 650 Mio. $ /Jahr. Die Menschen sind sehr arbeitsam, schaffen es aber selten, aus den Slums herauszukommen. Mitten in Mumbai gibt es einen Golfplatz mit einer hohen Mauer, und an dieser sind die Hütten der Ärmsten angebaut (keine Angst, ich habe dort nicht Golf gespielt!). Und nicht weit davon entfernt steht das 42 Stockwerke hohe Gebäude des reichsten Inders…. Aber erstaunlich ist, dass diese Menschen nicht einen unzufriedenen Eindruck hinterlassen.
Das sind nur drei Beispiele von Orten der Armut. Doch gib es sie auch an anderen Orten der Welt, auf allen Kontinenten, und sogar in unserer reichen Schweiz – doch dazu später….
Gründe welche zur Armut führen sind vielfältig: - schlechtes Wirtschaftssystem, - kein oder ungenügendes Sozialsystem, - Korruption, - grosse Arbeitslosigkeit, - mangelhaftes Gesundheitswesen; - hohe Kriminalitätsrate; - Kriege.
Jedes Mal nach der Rückkehr in die Schweiz durfte ich immer wieder feststellen, wie privilegiert wir hier in der Schweiz sind und vor allem hier im schönen Wittnau. Wir haben praktisch alles: - Ein ausgeprägtes Sozialsystem; - stabile Wirtschaft; - gutes Gesundheitssystem; - geringe Arbeitslosigkeit; - geringe Staats-Verschuldung gemessen an den anderen Ländern ; - Wir haben keinen Krieg.
Es ist einfach grossartig, hier leben zu dürfen. Unser System mit der direkten Demokratie ist einmalig auf dieser Welt. Wir dürfen praktisch überall mitbestimmen. Nur müssen wir unsere Rechte auch wahrnehmen und an Abstimmungen und Wahlen teilnehmen.
Wittnau ist für mich auch speziell, kenne ich hier doch viele nette und freundliche Menschen. Und speziell ist das Dorf sicher auch wegen seiner vielen Vereine, über 20.
Ob es - die Vereine im Allgemeinen - die Gemeinde-Strukturen auf allen Ebenen - die kulturellen Organisationen - die Sportvereine im Speziellen - oder die Kirche mit allem, was dazu gehört sind: Alles funktioniert nur dank grossen Idealisten. Idealisten, welche sich einsetzen und bereit sind, Führung zu übernehmen. Das ist nicht selbstverständlich, meine Damen und Herren. An vielen anderen Orten funktioniert dies nicht so gut wie hier. Ich finde es fantastisch, dass es in Wittnau solche Menschen gibt!
Zum Schluss noch folgendes: Mit dem Verkauf meiner Firma habe ich etwas Geld verdient. Als erstes habe ich meine erbrechtlichen Verpflichtungen wahrgenommen und alles geregelt. Den Rest habe ich in eine Stiftung investiert, in die Guido-Brogle-Stiftung. Sie könnten annehmen, dass ich das Geld an die oben genannten Orte der Armut spende. Sicher wäre dies eine gute Sache, aber quasi nur ein Tropfen auf einen heissen Stein. Aber bedenken wir, dass es auch in der reichen Schweiz bedürftige Menschen gibt.
Es leben hier einige 100'000 Menschen an der Armutsgrenze (viele ältere Menschen, Alleinerziehende, Menschen, die trotz Ergänzungleistungen zur AHV oder IV knapp mit dem Existenzminimum auskommen müssen oder solche, die unverschuldet vom Sozialamt abhängig sind und noch weniger zum Leben zur Verfügung haben). Auch gibt es ca. 300'000 Working Poor (Menschen, welche 100 % arbeiten und das Geld trotzdem nicht für den Lebensunterhalt reicht). Deswegen habe ich mich für die Stiftung entschieden. Das Stiftungskapital bleibt in der Schweiz, und zwar in erster Linie in meiner Heimatgemeinde. Primäre Nutzniesser sind bedürftige Bewohner und steuerbefreite Organisationen von Wittnau, jedoch erst, wenn die Unterstützung durch die öffentliche Hand ausgeschöpft ist. Es können Beiträge ausgerichtet werden: - direkt an bedürftige Personen; - an Einrichtungen für bedürftige Personen; - an wohltätige steuerbefreite Organisationen etc. Erst, wenn die Mittel in Wittnau nicht mehr benötigt werden, stehen diese für andere Gemeinden der Schweiz zur Verfügung, unter den gleichen Bedingungen.
Die genauen Details wollen Sie bitte der Homepage entnehmen, z.B. den Stiftungszweck, die Statuten, wie die Stiftung organisiert ist und funktioniert und wer im Stiftungsrat aktiv ist. Ich möchte Sie aber darauf aufmerksam machen, dass die Stiftung ihre volle Wirksamkeit erst nach meinem Ableben entfalten kann, wenn genügend Kapital vorhanden sein wird.
Jetzt bleibt mir nur noch, Ihnen gute Gesundheit und Frieden zu wünschen. Gott möge Sie beschützen!
Ich wünsche Ihnen allen «en schöne Obig». Und danke fürs Zuhören