Ein Produkt der mobus 200px

Marvin Müller, 15, hat die nächste Stufe im Badmintonsport gezündet. Vor einem Monat gewann er an der Schwei-zer Meisterschaft für Gehörlose in Gebenstorf zwei Mal Gold im Einzel und Doppel. Sein Bruder Danny (17) rundete den Erfolg mit Bronze (Doppel) und Silber (Einzel) ab.

PETER SCHÜTZ

Der frisch gebackene Schweizermeister aus Möhlin hat sich den Triumph mit Fleiss, Talent und Ausdauer erworben. Der Input kam aus seiner Familie: Seit 25 Jahren spielen sein Vater Daniel Müller und sein Onkel Badminton. Sein Bruder Danny hat den Sport im Alter von 7 Jahren entdeckt.
Marvin Müller hatte zuerst jedoch andere Ambitionen. «Als kleiner Junge begann ich im Fussballclub Möhlin erstmals Sport auszuüben, später parallel dazu noch im Tennisclub Möhlin», berichtet er. Als sein Bruder Danny in Mumpf mit Badminton begann, stieg auch Marvin um: Er wechselte zum Badmintonclub Bustelbach in Stein. Im Alter von 10 Jahren nahm er erstmals an den Swiss Kids Finals mit den besten Junioren/-innen der Schweiz teil. Er wechselte erneut den Club und schloss sich zusammen mit Danny dem Badmintonclub BC Liestal mit Trainer Thierry Arm an. Dort spielen die beiden bis heute.

An der WM in Taiwan
Einen Schub bekam Marvin Müllers sportliche Karriere, als er 2019 vom Swiss Deaf Sport (SDS), ehemals Schweizerischer Gehörlosen-Sport-Verband (SGSV), zur WM in Taipei in Taiwan nominiert wurde. Aber: Als einer der jüngsten Spieler des Wettbewerbs hatte er einen schweren Einstieg. Er war in der Gruppe mit den Topgesetzten aus Russland und Hongkong und verlor die Spiele klar. Müller machte das Beste daraus. Er sammelte viele Erfahrungen, sah, wo die grössten Schwachstellen seiner Spiele lagen, und konnte seinen Standpunkt ausfindig machen. Das Wichtigste: Seine Freude am Badminton verlor er nicht. «Badminton kann sehr abwechslungsreich und vielfältig sein», erzählt er. «Ein harter Match verlangt sowohl physisch als auch mental alles ab, und man kommt an seine Grenzen. Mir gefällt es, alles geben zu müssen, um ein gutes Resultat zu erreichen, auf das man auch zufrieden zurückblicken kann», so Müller. Da Badminton, mit Ausnahme vom Doppel, ein Einzelsport ist, bedeutet er für Marvin Müller ein hohes Grad an Eigenverantwor-tung. «Ich bin selbst verantwortlich für die Fehler und Niederlagen», sagt er, «ich kann da niemandem sonst die Schuld geben».
Seine Eltern beschreiben ihn als «sehr zielstrebig, er möchte immer das erreichen, was er als Ziel erwartet». Im Gegenzug ist er seinen Eltern dankbar für die Unterstützung. «Sie fahren mich immer überall hin zu den vielen Trainings, auch bei Turnieren sind sie oftmals dabei und unterstützen mich. Nicht nur moralisch, sondern auch finanziell machen sie alles für mich und den Badmintonsport», berichtet Marvin Müller. Darüber hinaus coacht sein Vater ihn noch. Er ist auch Leiter des Badminton-Nationalteams der Gehörlosen. Sein Verhältnis zu seinem Bruder Danny bringt er so auf den Punkt: «Früher war er für mich immer ein Vorbild. Ich konnte immer zu ihm aufschauen. Er war immer derjenige, der mehr Kraft, die bessere Technik und die stärkere Schnelligkeit besass. Ich bewunderte ihn.» Als Team jedoch hätten sie nie wirklich harmoniert. In den letzten Monaten rückten sie sportlich näher zusammen. Will heissen: «Unsere Duelle werden meist durch die jeweilige Tagesform bestimmt und der Sieg in einem entscheidenden Satz erkämpft. Also sportlich gesehen sind wir Konkurrenten, aber privat verstehen wir uns gut», sagt Marvin Müller.

Mitglied des Kaders der Nordwestschweiz
Seit einigen Jahren trainiert und spielt er auch im Kader der Nordwestschweiz, seit neustem im Team Baselland. Ausserdem ist er im Nationalteam der Gehörlosen, das alle drei Monate in Brig ein Trainingswochenende mit Nati-Trainer Iwan Kuerzinger absolviert.
«Mit 15 Jahren habe ich schon das erreicht, was ich wollte, nämlich Schweizermeister zu werden», lautet Müllers Fazit. Aber er hat noch weitere Pläne: Sein nächstes grosses Ziel sind die Deaflympics 2021 in Caxias do Sul, Rio Grande, Brasilien. Die Deaflympics sind die Olympischen Sommerspiele der Gehörlosen. Um an diesen teilzunehmen, muss er die Selektionsverfahren des Swiss Deaf Sport erreichen. Derzeit stehe er knapp an der Kippe für die Selektion, im nächsten Jahr jedoch will er den Fokus ganz allein auf die Deaflympics legen. Im Jahr 2022 wäre EM und im Jahr 2023 die WM. Als Ziel der EM und WM gibt er das Erreichen der Viertelfinale (Diplomränge) an.
Abseits des Sports fühle er sich grösstenteils gut in die Gesellschaft integriert. Er erhalte nur äusserst selten negative Kommentare oder Bemerkungen betreffend seiner Hörbehinderung. In einer Gruppe habe er jedoch Mühe, wenn mehrere Personen reden. «Dann bin ich ausgeschlossen und verstehe nicht viel», berichtet er.
Dennoch wünscht er sich «etwas mehr Gleichberechtigung und Verständnis». Marvin Müller konkret: «Oftmals wird erwartet, dass wir die gleichen Voraussetzungen erreichen sollen wir Normalhörende.» Seine Forderung: «Man soll den Gehörlosen mehr Chancen geben, also Gleichberechtigung schaffen.»

Zur Person
Marvin Müller, Jahrgang 2004, ist in Möhlin aufgewachsen. Auch sein Vater und dessen Vorfahren stammen aus Möhlin. Die Primarstufe (1. bis 6. Klasse) absolvierte er am Schulhaus Obermatt, Möhlin. Danach besuchte er ein Jahr (7. Klasse) die Bezirksschule in Möhlin, die 2. und 3. Bezirksschule führte er auf der Schweizerischen Schwerhörigen-Schule Lan-denhof bei Aarau weiter. Im August 2020 hat er eine Lehre als Geomatiker EFZ bei Firma Koch und Partner (KOPA) in Laufenburg begonnen. Parallel dazu absolviert er die Berufsmaturität Fachrichtung Technik. Berufsschule und Maturität besucht er an der BSFH in Oerlikon.

Von Geburt an gehörlos
Marvin Müller ist von Geburt an gehörlos. Seine ganze Familie (Eltern und beide Brüder) sind gehörlos, beziehungsweise schwerhörig. «Das ist Vererbung», sagt er. Da Hörgeräte bei ihm nichts brachten, entschieden sich seine Eltern, bei ihm mit 13 Monaten eine Operation eines Cochlear-Implantats auf der rechten Seite durchführen zu lassen.
«Also ich selbst bin gehörlos, dank der CI-Implantate höre ich aber gut. Wenn ich nichts höre, z.B. beim Sporttreiben, im Wasser, in der Nacht, bin ich zwingend aufs Lippenlesen angewiesen.» Seine Muttersprache ist Gebärdensprache. «Ich benütze die Gebärdensprache, spreche aber auch hochdeutsch und Schweizerdeutsch. Im ersten Moment würde man wohl nicht merken, dass ich mit einer Hörbehinderung lebe.»

Unsere Bilder:
- Grosses Badminton-Talent: Marvin Müller aus Möhlin.
- An der Badminton-WM in Taipei: Marvin (rechts) und sein Bruder Danny. 
Fotos: zVg
Sie haben noch kein Benutzerkonto? Registrieren Sie sich jetzt!

Loggen Sie sich mit Ihrem Konto an