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Liebe Rüfenacherinnen, liebe Rüfenacher
Kennen Sie die Ruine Gräpplang? Sie steht auf einem Hügel in Flums im St. Galler Sarganserland.
Vor 800 Jahren wurde sie von den Rittern von Flums errichtet. Nach einer wechselhaften Geschichte
zerfiel die Burg im 18. Jahrhundert zusehends, bis sie 1804 als Abbruchobjekt an Private verkauft
wurde. Seit über 90 Jahren gehört die Ruine der Gemeinde Flums. Wenn man mit dem Zug oder auf
der Autobahn von Sargans nach Walenstadt fährt, sieht man sie auf der linken Talseite. Gleich unterhalb
der Ruine befindet sich das Hotel Gräpplang.

Weshalb erzähle ich Ihnen das heute am 1. August? Ein Grund könnte sein, Sie zu animieren, dieses Jahr ein paar zusätzliche Ferientage in der Schweiz zu verbringen und erst noch in einem nicht so bekannten Teil unseres Landes, den viele nur von der Durchreise kennen. Eine schöne Gelegenheit, sich mit der wechselhaften Geschichte der Eidgenossenschaft zu befassen, über die gerade auch unsere Burgen und Schlösser viel zu erzählen haben. Machen Sie also bei Ihrer nächsten Fahrt durch das Sarganserland einen Abstecher zur Ruine Gräpplang. Das Hotel hat im Übrigen in den nächsten Wochen noch freie Zimmer. Die Aussicht ist phantastisch.

Der wahre Grund, weshalb ich heute von Gräpplang spreche, ist aber natürlich ein anderer:
Präzise vor 60 Jahren, im Sommer 1960, verbrachte ich mit meiner Familie einige Ferientage im Hotel Gräpplang. Und dann passierte es: Ich erkrankte an Scharlach. Ich wurde im Hotelzimmer isoliert, das Wort Scharlach durfte nirgends ausgesprochen werden, um die Gäste nicht zu erschrecken und zu vermeiden, dass das ganze Hotel unter Quarantäne hätte gestellt werden müssen. Selbst mir als kleiner Bube jagte diese ärztliche Diagnose Angst ein. Das Wort "Scharlach" hatte für  mich aufgrund eines Kinderverses, der "Kopfweh, Bauchweh, Scharlach, Tod" oder ähnlich lautete, etwas Beängstigendes, Unheimliches. Und auch meine Grossmutter berichtete furchteinflössend von Scharlach-Epidemien früherer Zeiten. Sogar der Aarauer Maienzug habe wegen Scharlach abgesagt werden müssen. Auch von der Spanischen Grippe und den vielen toten jungen Männern in Aarau
nach dem Ersten Weltkrieg hatte sie erzählt. Aber sie sagte auch, dank der Erfindung des Penicillins sei nun aber alles anders und ich müsste keine Angst haben. Epidemien wie früher gebe es nicht mehr, sie seien leicht zu bekämpfen und Krankheiten wie Scharlach habe man im Griff. Ich war beruhigt. Und dank der Penicillin-Spritze, die mir der Arzt verabreichte, war der Spuk denn
auch rasch vorbei. Trotzdem sind mir diese Ferientage als eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen im Gedächtnis geblieben wie kaum etwas Anderes aus dieser Zeit: Das hohe Fieber, das dunkle Hotelzimmer, der Arzt mit der Spritze, die Aufregung im Hotel. Auch den Badeausflug an den nahegelegenen Walensee am Tag zuvor ist irgendwie noch im Dunkel meiner Erinnerungen haften geblieben: Das Wasser war sehr kalt.

Es kommt anders, als man denkt
60 Jahre später bin ich auch in diesem Frühjahr wieder einmal erkrankt. Nicht mehr an Scharlach, sondern an einer Krankheit, welche die ganze Welt auf den Kopf stellte und gegen die kein Penicillin hilft. Als ich Anfang April ins Spital eingeliefert wurde, kamen in mir die Erinnerungen an meine Scharlacherkrankung in Gräpplang wieder hoch und es wurde mir bewusst: Meine Grossmutter konnte mir zwar vor 60 Jahren meine Angst vor dem Scharlach nehmen. Ihre Prognose, schlimme Epidemien wie der Scharlach in Aarau, die den Maienzug verhindert hatte, oder die Spanische Grippe gebe es nie mehr, hat sich jedoch als falsch erwiesen.
Einmal mehr mussten wir erfahren, dass wir trotz technologischem und medizinischem Fortschritt nicht alles im Griff haben. Und zwar nicht nur wir einzelne in unserem Leben – dass dort alles passieren kann, wissen wir –, sondern unsere ganze Gesellschaft, ja die ganze Menschheit. Diese Erfahrung war und ist für viele von uns neu. Seit dem Zweiten Weltkrieg wurde die Schweiz nie mehr von einer Situation heimgesucht, die uns im ganzen Land und quer durch alle Gesellschaftsschichten derart aus unserem gewohnten Leben herausgerissen hat. Zwar war auch unser Land immer wieder von Naturkatastrophen betroffen: Überschwemmungen, Lawinenniedergänge, Murgänge. Diese waren jedoch örtlich und zeitlich beschränkt. Ein Notstand im ganzen Land ist für die Nachkriegs-Generationen in der Schweiz etwas ganz Neues.

Demut statt Übermut
Die Coronakrise zeigt uns die Grenzen der Machbarkeit auf. Sie lehrt uns: Werden wir nicht übermütig, fühlen wir uns nicht allmächtig! Bleiben wir zwar zuversichtlich für unser Leben und unsere Zukunft. Geniessen wir unsere Freiheit! Freuen wir uns weiterhin ob all der Möglichkeiten, die uns ge-rade unser Land bietet, wie kaum ein anderes auf der Welt! Seien wir aber auch demütig! Und seien wir uns stets bewusst, dass alles anders kommen kann, als wir es uns vorgestellt haben.
Das Penicillin hat unzählige Leben gerettet und unter anderem dem Scharlach seinen Schrecken ge-nommen. Alle kollektiven gesundheitlichen Gefahren hat es jedoch nicht gebannt. In 60 Jahren werden die Kinder von heute nicht von Gräpplang berichten, aber die Erfahrungen der Corona-Pandemie werden sie zeit ihres Lebens begleiten, wenn sie vielleicht in einer ganz anderen Ausnahmesituation auf ihre Kindheit zurückblicken.

Solidarität ist zentral
Viele von uns traf die Corona-Pandemie nicht nur gesundheitlich oder sie wurden in ihrer persönli-chen Lebensgestaltung und Lebensplanung stark eingeschränkt. Viele standen und stehen auch in wirtschaftlicher Hinsicht vor existenziellen Herausforderungen. Darunter auch solche, die sich in den letzten Jahren in falscher Sicherheit wiegten und meinten, sie könnten sich – kurzfristige Verwerfun-gen vorbehalten – auf den üblichen Gang der Dinge und ihre Schaffenskraft verlassen. Die Corona-Pandemie führt uns vor Augen, dass wir auch vor kollektiven Gefahren nicht gefeit sind. Die Pande-mie ist eine, ein Erdbeben könnte die nächste sein. Und sie zeigt uns, dass viele von uns gerade in solchen Fällen auf die Unterstützung der Zivilgesellschaft, der Dorfgemeinschaft und der Nachbarschaft, wie auch der staatlichen Gemeinschaft angewiesen sind.
Umso wichtiger ist es, dass wir uns der zentralen Bedeutung einer gut organisierten öffentlichen Hand mit einem guten Service public, aber auch tragfähiger Absicherungen für Schicksalsschläge und Lebensphasen mit eingeschränkter Leistungsfähigkeit bewusst sind: Alter, Krankheit, Unfall, Invalidität, Stellenverlust, Elementarschäden. Ein guter Sozialstaat ist nicht ein Auswuchern der Staatsmacht, ist nicht nice to have. Es sind diese Errungenschaften, welche die Schweiz in ihrer Essenz ausmachen und auf die wir stolz sein können. Die Coronakrise hat gezeigt, wie rasch auch Menschen, die sich in ihrer Eigenwahrnehmung stark und unabhängig fühlten und immer stolz auf ihre Selbstständigkeit waren, auf die Solidarität der Anderen und auf Staatshilfe angewiesen sind.

Verantwortung aller als Basis unserer Gesellschaft
Die verschiedenen Länder gehen mit der Coronakrise unterschiedlich um. Welches das Patentrezept ist, weiss man – soweit es überhaupt eines gibt – erfahrungsgemäss erst im Nachhinein. Unabhängig von den Besonderheiten des Coronavirus ist von zentraler Bedeutung, dass unsere staatlichen Institutionen und das Vertrauen der Bevölkerung in die Behörden in solchen Krisen nicht schweren Schaden nehmen und nachhaltig geschwächt werden. Wenn ich in die Vereinigten Staaten von Amerika schaue, das Land, das seinerzeit bei der Entwicklung unserer bundesstaatlichen Ordnung als Vorbild diente, da graut es mir, was trotz aller rechtsstaatlichen Schranken passieren kann, wenn das Fundament eines Staates nicht mehr standfest ist. Ich bin überzeugt, dass die Schweiz nicht alleine wegen ihres wirtschaftlichen Potentials heute und auch in Zukunft gute Voraussetzungen hat, sich auch in Notzeiten zu bewähren. Warum?
In unserer direkten Demokratie und unserem föderalistischen System sind sich die Bürgerinnen und Bürger gewohnt, Verantwortung zu übernehmen – für sich selbst, für die Familie, aber auch für die Gemeinschaft. Dieses Verantwortungsgefühl fördert das solidarische Handeln und den Gemeinsinn. Unzählige Menschen haben in den letzten Monaten gezeigt, dass nicht Eigennutz und Egoismus an erster Stelle kommen, sondern dass wir füreinander da sind, wenn es darauf ankommt.

Vielfalt als Chance
Die Coronakrise hat unsere Lebensumstände quasi über Nacht verändert und wir stehen in vielerlei Hinsicht vor unerwarteten und unbekannten Herausforderungen. Auch wenn es nicht oft derart ab-rupt anders kommt, als man dachte: Die Schweiz, der Aargau und Rüfenach entwickeln sich – oft kaum bemerkt – ständig weiter. Unabhängig davon, ob wir uns gerade in einer Krise befinden oder in einer Wachstumsphase: Entscheidend ist, wie ein Gemeinwesen auf solche Veränderungen reagiert. Für die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft und die Behauptung unseres Landes in einer sich verändernden Welt sind die Vielfalt in unserer Gesellschaft und unser Innovationsgeist entscheidend. Es braucht Visionärinnen und Visionäre, es braucht Macher und Macherinnen, es braucht Querden-kerinnen und Querdenker. Und es braucht vor allem uns alle, jede einzelne und jeden einzelnen von uns, mit unseren unterschiedlichen Leidenschaften, Eigenschaften und Talenten.

Demokratie ist Verfahren und Inhalt
Wenn sich möglichst viele Menschen mit ihren Fähigkeiten und Talenten für die Gemeinschaft ein-setzen, sich Gedanken über unsere Zukunft machen und ihre Gedanken in die politische Diskussion einbringen, sind wir auch als Land, Kanton und Gemeinde am besten für die Zukunft gerüstet. Dass wir mit Offenheit aufeinander zugehen, miteinander Ideen und Visionen austauschen und umsetzen, die eigene Meinung hinterfragen und andere Haltungen ernsthaft prüfen und nicht einfach als Mumpitz betrachten, ist entscheidend für den gemeinsamen Erfolg. Das war früher so, heute und in Zukunft. Gerade in dieser Zeit, in der wegen der Corona-Pandemie viel Ungewissheit herrscht, müssen wir unsere vielfältigen Ressourcen nutzen. Müssen wir auch Dinge denken und Neues versuchen, das uns bis anhin unrealistisch oder utopisch schien. Und bei alledem müssen wir immer auch daran denken, dass Demokratie nicht einfach ein Entscheidverfahren zur Bestimmung der Mehrheit ist.

Demokratie basiert auch auf inhaltlichen Werten. Demokratie ist Verfahren und Inhalt zugleich:
Eine tragfähige und krisenresistente Demokratie braucht
- die Suche nach Ausgleich,
- die Rücksichtnahme auf die Schwächeren in der Gesellschaft,
- den Respekt vor der Meinung und die Achtung der Grundrechte der anderen,
- Gewaltenteilung und die Begrenzung von Macht,
- Pressefreiheit und Medienvielfalt.

Wenn wir alle uns unserer Verantwortung für die Gemeinschaft bewusst sind, wenn wir die Vielfalt in unserer Gesellschaft als Chance sehen, bewahren und weiterentwickeln, wenn wir die inhaltlichen Grundwerte der Demokratie ernst nehmen und schützen, dann wird unser Land nicht nur die Corona-Pandemie gut überstehen. Dann werden wir gemeinsam auch künftige Krisen meistern.
Und dann wird auch in 60 Jahre ein heute kleines Kind sagen können: Mein Grosi hat mir damals zu Recht gesagt: Du musst keine Angst haben. (Es gilt das gesprochende Wort)

 

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