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Ankenland, Grindwäschi, Brummel oder Tüfelsloch – Namen von Landschaftsteilen, die sogenannten Flurnamen, sind im Aargau enorm vielfältig und bisher unerforscht. Der Verein Aargauer Namenbuch wird sich während der nächsten drei Jahre gemeinsam mit der Bevölkerung diesen mehrheitlich mündlich verwendeten Flurnamen widmen und sie nachhaltig sichern und als wertvolles Kulturerbe bewahren. Ein grosse Arbeit. fricktal.info hat Dr. Philippe Hofmann und Dr. Beatrice Hofmann vom Verein Aargauer Namenbuch Fragen zu ihrem Projekt gestellt.

Wie sind Sie beide zum Projekt «Aargauer Namenbuch» gekommen?

Da der Kanton Aargau bisher nicht über eine kantonale Fachstelle zu Flurnamen verfügt, lag es auf der Hand, eine Forschungsstelle aufzubauen. Da Philippe Hofmann beim Baselbieter Namenbuch und Beatrice Hofmann beim Solothurner Namenband mitgearbeitet haben, kam die Idee einer Aargauer Namensstelle schnell ins Spiel. Gestartet haben wir zunächst mit einer Flurnamen-Serie in der Aargauer Zeitung «Früsch vo de Läber(t)e». Auf Anhieb schickten uns Aargauerinnen und Aargauer rund 200 Namen, deren Bedeutung sie interessierten. Da war klar, das Interesse aus der Bevölkerung ist da, nun muss eine Forschungsstelle her.

Welchen Aufwand erwarten Sie für die Aargauer Ausgabe?

Wir haben uns vorgenommen, bis zum Jahr 2023 alle amtlichen Flurnamen systematisch zugänglich zu machen, falls möglich mit einer Beschreibung und Deutung des Namens. Zudem möchten wir weitere mündlich überlieferte Namen aufnehmen, die derzeit noch nicht in schriftlicher Form existieren. Darüber hinaus sollen öffentliche Spaziergänge stattfinden, an denen wir Ergebnisse aus unserer Arbeit aufzeigen und weitere Namen interaktiv mit der Bevölkerung zusammen aufnehmen werden.

Von was für einer Anzahl Flurnamen geht man da aus, und wie gehen Sie vor, um so viele Namen zusammenzutragen?

Für den Kanton Aargau existieren rund 20 000 amtliche, das heisst heute gebräuchliche Flurnamen. Zusätzlich erwarten wir rund weitere 30% aus Gesprächen und Flurbegehungen mit der Bevölkerung. Dann gibt es natürlich noch die historischen Namen, die im Laufe der Zeit, u. a. auch mit der Güterzusammenlegung, verschwunden sind. Im Kanton Basel-Landschaft sind insgesamt rund 60 000 Namen belegt. Da der Aargau um einiges grösser ist, kann von einer höheren Zahl ausgegangen werden.

Warum braucht es überhaupt Flurnamenbücher? Für wen sind sie interessant?

Flurnamenbücher zeigen ein kulturelles Gut unserer Gesellschaft auf. Die Benennung von Orten entstand und entsteht noch heute nicht zufällig, sondern steht in ständiger Wechselwirkung mit der Natur und dem Menschen. So, wie wir uns mit unserem Vor- und Familiennamen identifizieren, orientieren wir uns mit Hilfe der Flurnamen in der Landschaft. Flurnamen zeigen viel Kulturhistorisches auf, wie etwa die zahlreichen Namen, die auf den Erzabbau zurückgehen (Erzmatt oder Erzgruebe) oder geben Auskunft über einstige Besitzerverhältnisse (Martinsberg, Chilematt), sprachgeschichtliche Entwicklungen, gesellschaftliche Zustände (Bettlerchuchi) sowie Sitten und Bräuche (Fasnachtsberg, Wiehnachte).

Sie bezeichnen den Aargau als «weissen Fleck» in der Flurnamenbücher-Landschaft. Tatsächlich ist es der einzige Deutschschweizer Kanton, in dem es noch kein umfassendes Werk über Flurnamen gibt. Interessiert man sich im Aargau weniger für Flurnamen, oder warum hat es hier so lange gedauert?

Der Kanton Aargau ist einfach riesig und es gibt unzählige Namen, die noch darauf warten, gefunden und gedeutet zu werden. Das Interesse aus der Bevölkerung ist auf jeden Fall da. Nachfragen und Kommentare aus fast allen Kantonsteilen bestätigen uns dies. Das ist besonders schön, denn nur in Zusammenarbeit mit der Bevölkerung, die ihre Namen am besten kennt, kann auch eine vielfältige Namenwelt zusammengetragen werden.

Wer alles arbeitet am Aargauer Namenbuch mit?

Das Ganze ist ein Projekt. Derzeit besteht der Vorstand aus fünf Personen, die den Verein strategisch aufgleisen und vor allem administrative Arbeiten übernehmen. Die Projektleitung widmet sich ersten Aufbauarbeiten in einer Datenbank, der Onlinestellung, Materialsichtung und ersten Aufnahmen im Gelände mit der Bevölkerung. Hauptakteure sind aber die vielen Freiwilligen aus der Bevölkerung, die ihr Wissen mit uns teilen und ihre Unterlagen und Sammlungen uns zur Verfügung stellen.

Welche Vorarbeiten haben Sie schon geleistet?

Wir haben insbesondere im Fricktal bereits Vorarbeiten geleistet, die Datenbank ausgearbeitet, Literatur zusammengetragen und insbesondere im Rahmen unserer Serie «Früsch vo de Läber(t)e» in der Aargauer Zeitung einige knifflige Namen gedeutet. Das machte uns auch bekannt.

Sie haben nun damit begonnen, die Bevölkerung in die Eruierung der Flurnamen miteinzubeziehen. Wie gelangen Sie an die «richtigen» Personen?

Wir erhalten Vorschläge von den Gemeinden. Aber die meisten Personen melden sich direkt bei uns.

Sind das vor allem ältere Einheimische, die Bescheid wissen?

Es sind vor allem ältere Einheimische, die über ihre Namen Bescheid wissen, aber auch Personen, die noch die Flurnamen in ihrem Alltag gebrauchen, etwa Bauern, Förster, Geometer; darunter sind auch einige jüngere Menschen, die sich ebenfalls für die Flurnamen interessieren.

Offenbar gab es aus dem Fricktal bereits besonders viele Rückmeldungen. Wie erklären Sie sich das?

Tatsächlich gibt es hier besonders viele Personen, die sich intensiv mit den Flurnamen beschäftig haben. Zum Teil sind diese Forschungen bereits publiziert, zum Teil handelt es sich um Privatsammlungen. Wahrscheinlich haben die Fricktaler eine tiefe Verwurzelung mit ihrer Heimat und interessieren sich stark für ihre Landschaft.

Muss man sich vorstellen, dass sie mit diesen Dorfbewohnern das ganze Gemeindegebiet vor Ort «ablaufen» oder wie sieht diese Zusammenarbeit aus?

Bei einer sogenannten Flurbegehung orientieren wir uns zunächst gemeinsam auf der Karte und notieren uns alle Namen, die auf der Karte nicht vorhanden sind. Das sind zum Teil Namen, die nur mündlich von Generation zu Generation weitergegeben wurden oder Namen die historisch noch überliefert, aber nicht mehr im amtlichen Verzeichnis aufgeführt sind. Danach laufen wir einen Teil des Gemeindebannes ab, da oftmals im Gelände noch weitere Namen memorisiert werden. Das wäre dann Wissens-transfer im Spazieren sozusagen.

Wie verifizieren Sie die korrekten Flurnamen, wenn es verschiedene Aussagen über ein Gebiet gibt?

Es gibt keine falschen Namen. Jeder Mensch hat ein individuelles historisches Gedächtnis. Wir versuchen deshalb möglichst viele, auch unterschiedliche Namen, aufzunehmen. Es gibt aber niemals zwei gleiche Namen für die gleiche Ortschaft. Die direkte Referenzierung eines Gebiets ist ja überhaupt der Grund für eine Namengebung. Es kann vorkommen, dass zwei unterschiedliche Namen für das gleiche Gebiet verwendet werden; das wären dann sogenannte Parallelnamen.

Wird dabei auch gleich der Bedeutung der Namen auf den Grund gegangen?

Für eine abschliessende Deutung benötigen wir eine möglichst lückenlose Beleg-reihe, die bis zu den Anfängen der Verschriftlichung, etwa ins 12./13. Jahrhundert, reicht. Viele Flurnamen haben sich im Laufe der Zeit verschliffen oder gehen auf alte schweizerdeutsche Ausdrücke zurück, somit suchen wir immer möglichst den Erstbeleg, also die Erstnennung des Namens, um dann diesen zu deuten.

Gibt es – vielleicht gerade aus dem Fricktal – einige kuriose Namen, von denen Sie uns zwei, drei Beispiele nennen können (mit Bedeutung)?

Etwa den Flurnamen Löli (Zeinigen), der nichts mit einem «Dubel, Trottel» zu tun hat, wie wir Löli heute im Wortschatz gebrauchen. Er kommt vom schweizerdeutschen Wort Loo, das Wald bedeutet. Löli ist die Verkleinerung, also Wäldchen. Oder Brüel (Zeinigen), das nichts mit Weinen gemeinsam hat, sondern auf mittelhochdeutsch Brüel, für Aue, bewässerte Wiese, zurückgeht und meistens feuchtes Gebiet bezeichnet. Der Name Sulz (Ortsname bei Laufenburg) geht auf Salz zurück und bezeichnet eine Salzlache oder eine salzhaltige Quelle. Noll (Obermumpf) geht auch auf das gleichnamige alte schweizerdeutsche Wort zurück, das einen rundlichen Vorsprung, Berggipfel meint. Ein weiterer kurioser Name ist das Tuntemoos in Densbüren, an dessen Deutung wir noch arbeiten.

Die Bevölkerung kann offenbar ab jetzt bis 2023 mitwirken. Was kommt danach?

Das Projekt ist nachhaltig angedacht, so dass der Verein über die erste Projektlaufzeit bis 2023 hinaus existieren kann. Aktuell liegt jedoch ab 2023 noch keine gesicherte Finanzierung vor, damit wir die Flurnamen auch historisch und somit systematisch erfassen können.

Mit welchem Aufwand rechnen Sie für das Buch und wann wird es erscheinen?

Es ist bisher noch kein Buch angedacht, sondern alle Daten werden laufend auf ortsnamen.ch online zugänglich gemacht. Eine Buchpublikation macht dann Sinn, wenn auch historische Belege aufgenommen werden können.

Wer finanziert das Aargauer Namenbuch?

Das Projekt Aargauer Namenbuch wird bisher vom Swisslos-Fonds Kanton Aargau, der Katharina Strebel Stiftung und der Josef Müller Stiftung Muri finanziert. Die Suche nach weiterer Unterstützung ist zentral für das weitere Bestehen und wird weiter vorangetrieben. Wir freuen uns über jede noch so kleine Spende.

Werden auch Sie bzw. der Verein entsprechend entschädigt?

Die Vorstandsarbeit wird ehrenamtlich geleistet wie auch alle Vorarbeiten zum Projekt von uns ehrenamtlich geleistet worden sind. Die wissenschaftliche Leistung, also die Archivarbeit, Betreuung der Datenbank, Onlinestellung, Aufnahme von mündlich überlieferten Flurnamen etc. wird vergütet.

Haben Sie bereits nächste Projekte im Hinterkopf und, wenn Ja, welche?

Unsere Gedanken sind derzeit lediglich beim Aargauer Namenbuch, Material und Energie haben wir hierfür genug.

Interview: Sonja Fasler Hübner

Unsere Bilder:
Der Vorstand (v. l. n. r.) bei der Chäppelimatt in Leidikon (Laufenburg): Roland Hofmann, Karl Riwar, Beatrice und Philippe Hofmann, Rosmarie Wiggenhauser. Foto: Anietta Hirsch
Der Vorstand während der Arbeit im Gelände in der Moosmet bei Ittental (Kaisten) (v.l.n.r.): Philippe Hofmann (Präsident), Rosmarie Wiggenhauser, Roland Hofmann. Foto: Beatrice Hofmann

 

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