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Von links: Urs Hasler, Fabio Minio, Karolina Stahel und Adrian Francke.

(eing.) Die Sekundarschule Wegenstetten steht auf wackligen Füssen: Die vier Klassen mit Sekundarschülern aus dem Wegenstettertal, die dort momentan beschult werden, berechtigen nicht mehr zur Führung einer Oberstufe.

Ein Zusammenschluss mit der Oberstufe Gipf-Oberfrick zu einer neuen «Kreisschule Thierstein» würde die gewünschte Lösung bringen. Aber der Gemeinderat aus Wittnau, das seine Schüler nach Gipf-Oberfrick schickt, erteilte dem Projekt eine Absage. Nun ist in Wittnau jedoch eine Unterschriftensammlung zustande gekommen, um das Projekt an der nächsten Gemeindeversammlung vors Volk zu bringend. – Wie sieht die Lage für die direkt Betroffenen in Wegenstetten aus? Die beiden Schulleiter der Kreisschule Wegenstetten-Hellikon, Urs Hasler und Fabio Minio, und der Präsident und die Vizepräsidentin der Kreisschulkommission, Adrian Francke und Karolina Stahel, antworten auf die Fragen, die sich aktuell stellen.

Sie führen eine Oberstufe mit momentan vier Sekundarschulklassen. Lohnt sich das?

Urs Hasler: «Die Kleinräumigkeit ist ein wertvolles Gut.»Urs Hasler: Ja, denn die Kleinräumigkeit ist aus unserer Sicht ein wertvolles Gut. An der Sekundarschule, die wir momentan führen, wie an der Realschule, werden die Schüler vor allem auf die Berufswahl vorbereitet, und da ist es ein Vorteil, wenn diese Schüler in übersichtlichen Strukturen eng von einem Klassenteam mit einer Klassenlehrperson, die viele Lektionen der Klasse abdeckt und eine wichtige Bezugsperson ist, betreut werden. Da spielt es weniger eine Rolle, wie viele Klassen zusätzlich noch im Schulhaus sind. Ein Argument, das häufig gegen kleine Schulen verwendet wird, ist das Thema Freifächer: Wir bieten auch als kleine Schule eine breite Palette an Freifächern an und werden das auch in Zukunft tun können.

Ihre Schule erfüllt die Auflagen des Kantons, die es braucht, um eine Oberstufe zu führen, nicht. Warum nicht?

Urs Hasler: Momentan erfüllen wir die Vorgaben des Kantons, wonach jeder Oberstufenstandort mindestens drei Klassen auf zwei unterschiedlichen Oberstufenniveaus führen muss, nicht. In unserem Fall bräuchte es drei Klassen an der Sekundar- und neu drei Klassen an der Realschule. Diese Mindestvorgaben sind aber pädagogisch sinnvoll und für uns bis in die weitere Zukunft für die Sekundarschule gut realisierbar. Das lässt sich aus den Zahlen der Primarschulen und aus den Geburtenraten schliessen. Pro Sekundarklasse braucht es mindestens 15 Schüler, die haben wir bereits jetzt aus den Talgemeinden des Wegenstettertals zusammen. Schwieriger ist es mit den Realschülern: Diejenigen aus dem Tal, die momentan nach Möhlin an die Realschule gehen, wären aber knapp zu wenig, um den Vorgaben zu genügen. Es braucht insgesamt mindestens 39 Realschüler, damit ein unabhängiger Schulstandort bewilligt wird. Dieses Problem wäre für uns lösbar, wenn wir mit der Oberstufe Gipf-Oberfrick eine Kreisschule bilden würden und dann insgesamt genügend Realschüler hätten. Diese können auch in unterschiedlicher Zahl auf die beiden Standorte verteilt sein, denn ein Schüleraustausch ist auch an der Realschule nicht vorgesehen.

Und das Wegenstettertal kann sich eine eigene Oberstufe finanziell leisten?

Urs Hasler: Was das Finanzielle betrifft, sieht es gut aus. Die «Neue Ressourcierung der Volksschule» bewirkt, dass jeder Schüler eine gewisse Menge an Arbeitszeit von Lehrpersonen zugute hat. Mit der Summe dieser Pauschalen könnte die Oberstufe in Wegenstetten auch mit den momentanen Schülerzahlen einen Betrieb mit sechs Klassen bereits führen. Positiv wirkt sich auch hier der Faktor «Kleinheit» aus: Wir sind überzeugt, dass wir in kleineren Klassen, gerade an der Realschule, wertvolle Arbeit leisten und optimal auf jeden einzelnen Schüler eingehen können, so dass es bei diesen Schülern, die aus der ländlichen Bevölkerung stammen, wohl nicht noch viele zusätzliche Fördermittel braucht.

Die angestrebte Zusammenarbeit mit dem Oberstufenstandort Gipf-Oberfrick scheint doch ein etwas künstliches Konstrukt zu sein. Die Gemeinden haben bisher auf schulischer Ebene nie zusammengearbeitet. Warum stellen Sie dies als Win-win-Situation dar?

Fabio Minio: «Die Existenz der beiden Oberstufen Gipf-Oberfrick und Wegenstetten wäre durch die neue Kreisschule langfristig gesichert.»Fabio Minio: Der Zusammenschluss mit Gipf-Oberfrick wäre nicht künstlicher als die Tatsache, dass die Schüler aus dem Fischingertal jetzt nach Rheinfelden an die Oberstufe gehen. Die geographische Nähe ist bei uns gegeben, der Tiersteinberg verbindet die beiden Gemeinden, was den Lehreraustausch ermöglichen würde.

Und das reicht für eine Win-win-Situation?

Fabio Minio: Ja, denn ganz wichtig ist: Die längerfristige Existenz von beiden Schulen wäre so gesichert. Dadurch steigt die Attraktivität eines Arbeitsplatzes an diesen Schulen für die Angestellten. Zudem könnten Lehrpersonen mit kleineren Pensen diese am anderen Standort aufstocken. Bei der Schulleitung und beim Sekretariat würden Ressourcen gebündelt und für schulinterne Weiterbildungen hätte es aufgrund der grösseren Lehrerkollegien immer genügend Leute. Zudem haben wir in den letzten anderthalb Jahren, in denen wir mit der Oberstufe Gipf-Oberfrick das Projekt entwickelt haben, gemerkt, dass wir eine ähnliche Philosophie und ähnliche Rahmenbedingungen haben, kurz: die Chemie hat gestimmt!

Welche Bedeutung hat die Oberstufe Wegenstetten für die Gemeinden des Wegenstettertals?

Adrian Francke: An den Reaktionen von allen vier Gemeinden merkt man, dass die Oberstufe in Wegenstetten als wertvoll empfunden wird. Es ist sinnvoll, wenn Leute, die hier steuerpflichtig sind, auch ihre Kinder – abgesehen von den Bezirksschülern – hier in die Schule schicken können. Auch für das Dorf- und das Vereinsleben ist es wichtig, dass die Jugendlichen hier sind. Sie bleiben dann eher in den örtlichen Vereinen und haben durch die kürzeren Schulwege auch mehr Zeit dafür.

Urs Hasler: Mit der Oberstufe in Wegenstetten bleibt auch die Mitsprachemöglichkeit der Bevölkerung niederschwellig. Es wird zwar keine Schulpflegen mehr geben, aber doch eine örtliche Schulkommission. Der Weg zu dieser ist kürzer als zum Beispiel der Weg nach Möhlin.

Fabio Minio: Insbesondere für Wegenstetten gilt zudem, dass die Schule und die Bevölkerung durch gemeinsame Anlässe verbunden werden, zum Beispiel durch den Spaghettitag in der Turnhalle, das Skilager, das Weihnachtsspiel, den Weihnachtsmarkt, die Adventsfenster. All dies würde mit der Aufhebung der Oberstufe verloren gehen.

Wie waren die Reaktionen nach dem Entscheid aus Gipf-Oberfrick, keine gemeinsame Schule führen zu wollen?

Fabio Minio: Man merkte, dass es eine Herzensangelegenheit ist, hier im Tal wie auch bei der Schulleitung und Schulpflege in Gipf-Oberfrick. Seit eineinhalb Jahren hat man gemeinsam auf dieses Ziel hingearbeitet und gemerkt, dass man wirklich im selben Boot sitzt.

Adrian Francke: In meiner Nachbarschaft erlebte ich auch Ungläubigkeit: Es könne doch nicht sein, dass hier ein halbleeres Schulhaus stehen würde und die Schüler stattdessen nach Möhlin gehen würden. Diese Reaktion kam auch von Leuten, die keine schulpflichtigen Kinder mehr haben.

Urs Hasler: Wir haben grosse Solidarität erlebt und auch, dass die Leute wachgerüttelt wurden. Ich nenne als Beispiel die Petition von Herbert Lützelschwab aus Zeiningen. Das ist sehr motivierend für die Lehrpersonen und die Schule. Und es verpflichtet auch für die Zukunft! Man möchte da der Bevölkerung etwas Gutes zurückgeben, eine Schule, die der ländlichen Bevölkerungsstruktur hier gerecht
wird.

Karolina Stahel: «Die kurzen Schulwege sind ein klares Plus.»Karolina Stahel: Eine häufige Reaktion, die ich gehört habe, war: «Um was geht es überhaupt?» Vielen war der Prozess unbekannt, und viele hatten das Gefühl, dass es sie gar nicht betreffe. Das Argument, dass man als Steuerzahler davon betroffen ist, hat viele wachgerüttelt. Es gab zudem viele Sympathiebekundungen, auch von ausserhalb.

Trotz dieser Sympathiewelle: Werden die Schulhaustüren im Sommer 2021 nun definitiv geschlossen?

Urs Hasler: Wir sind fest davon überzeugt, dass es noch nicht so weit ist. In Wittnau ist innert kurzer Zeit ein Volksbegehren zustande gekommen, wonach die Stimmbevölkerung an der Gemeindeversammlung zum Projekt «Kreisschule Thierstein» Stellung nehmen will. Wir
sind sehr dankbar dafür. Das Thema wird auf die Gemeindeversammlung im Sommer traktandiert. Dies ist ein demokratischer Prozess, der jetzt nicht abgewürgt werden kann.

Adrian Francke: Die Planung für das nächste Schuljahr muss aber jetzt geschehen und kann nicht bis im Sommer warten. Aufgrund der offenen Situation in Wittnau müssen wir unsere Sekundarschule weiterführen und dazu braucht es jetzt eine sogenannte Sonderbewilligung vom BKS (Departement Bildung, Kultur und Sport) in Aarau. Ich bin davon überzeugt, dass das BKS gar nicht anders
kann, als diese Sonderbewilligung zu erteilen, um den demokratischen Prozess in Wittnau nicht zu unterbrechen.

Urs Hasler: Und auch bei allen andern beteiligten Gemeinden kommt das Projekt an den Sommergemeinden vors Volk. Dass dies so spät passiert, hat mit Corona zu tun: Überall wurde die Sommergemeindeversammlung ausgelassen.

Was passiert mit den Schülerinnen und Schülern, mit den Lehrpersonen und dem Schulhaus im Falle einer Schliessung?

Fabio Minio: Es gibt noch keine konkrete Lösung. Man geht davon aus, dass die Klassen aufgeteilt und auf die bestehenden Klassen an der Sekundarschule in Möhlin aufgeteilt würden. Die Lehrpersonen müssten sich, falls sie ebenfalls dort arbeiten wollen, einem normalen Bewerbungsverfahren unterziehen. Ob es überhaupt neue Stellen gibt, ist unklar.

Urs Hasler: Für das Schulgebäude wird es sehr schwierig: Schulhäuser sind als Schulhäuser konzipiert und im Zonenplan so ausgewiesen, was eine Umnutzung oft schwierig bis unmöglich macht. Man wird das Gebäude kaum zu einem vernünftigen Preis verkaufen können oder müsste zuvor teure Umbauten vornehmen. Das heisst, mit finanziellen Verlusten muss gerechnet werden. Auch
Hellikon ist betroffen: Die relativ neue Kochschule wird nicht mehr gebraucht, dafür muss in Möhlin neu gebaut werden.

Man hofft also auf eine andere Zukunft. Warum kämpfen Sie weiter um den Erhalt der Oberstufe Wegenstetten?

Adrian Francke: «Eine Schule zu führen, bedeutet für eine Gemeinde immer einen Standortvorteil.»Adrian Francke: Fürs Tal ist die Oberstufe in Wegenstetten ein Gewinn. Eine Schule zu führen, ist für das jeweilige Dorf und die umliegenden Dörfer ein Standortvorteil. Viele Familien haben es gerne, wenn die Kinder in der näheren Umgebung zur Schule gehen können. Und: Die Steuergelder bleiben an Ort und Stelle, wo sie in bestehende Projekte investiert werden.

Karolina Stahel: Die kurzen Schulwege sind ein klares Plus. Die Busfahrt aus Wegenstetten nach Möhlin dauert 20 Minuten, dazu kommen zusätzlich etwa 15 Minuten Fussweg bis zum Steinlischulhaus. Die Schüler könnten also über Mittag nicht mehr nach Hause, es bräuchte in Möhlin einen Mittagstisch. Zu den Schulkosten würden für die Gemeinden und für die Eltern also die zusätzlichen Kosten für Bus und Verpflegung entstehen. Diese Dinge spielen für die Eltern im Tal eine grosse Rolle.

Urs Hasler: Die Zusammenarbeit der Talgemeinden ist – gerade durch das gemeinsame Ziel des Erhalts der Oberstufe – sehr gut, alle ziehen am gleichen Strick. Es gibt keine Grabenkämpfe, und das ist eine zentrale Bedingung dafür, dass man in der Schullandschaft zusammen etwas bewegen und fruchtbar machen kann.

Unsere Bilder (Fotos: zVg)
Erstes Bild: Von links: Urs Hasler, Fabio Minio, Karolina Stahel und Adrian Francke.
Zweites Bild: Urs Hasler: «Die Kleinräumigkeit ist ein wertvolles Gut.»
Drittes Bild: Fabio Minio: «Die Existenz der beiden Oberstufen Gipf-Oberfrick und Wegenstetten wäre durch die neue Kreisschule langfristig gesichert.»
Viertes Bild: Karolina Stahel: «Die kurzen Schulwege sind ein klares Plus.»
Fünftes Bild: Adrian Francke: «Eine Schule zu führen, bedeutet für eine Gemeinde immer einen Standortvorteil.»

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