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Das Licht am Ende des Tunnels ist in greifbarer Nähe: Trotz einem coronabedingtem Unterbruch verlaufen die Arbeiten am neuen Bözbergtunnel planmässig. Diesen Monat haben die Testfahrten im Tunnel begonnen. Der Inbetriebnahme Ende Oktober sollte nichts mehr im Wege stehen.

SONJA FASLER HÜBNER

Die SBB realisiert im Auftrag des Bundes den sogenannten 4-Meter-Korridor auf der Gotthard-Achse. Das grösste Einzelprojekt ist der Neubau des Bözbergtunnels. Der bestehende zweispurige Bözbergtunnel, der im Jahr 1875 gebaut wurde, ist zu klein für die grossen Sattelauflieger, die ab Ende 2020 mit der Bahn transportiert werden sollen. Da ein entsprechender Umbau der alten Tunnelröhre nicht möglich war, musste ein neuer Tunnel her. Seit Herbst 2015 laufen parallel die Arbeiten an der neuen, 2694 Meter langen Doppelspur-Röhre. Das nördliche Portal des Tunnels, der 170 Meter länger als der bestehende ist, liegt beim ehemaligen Bahnhof Effingen, das südliche Portal beim ehemaligen Bahnhof Schinznach-Dorf. 500 000 Tonnen Gesteinsmaterial frass die Tunnelbohrmaschine aus dem Berg. 2018 wurde der Tunnelausbruch mittels Bahnverlad ab dem Südportal in Schinznach zum Steinbruch Oberegg in Auenstein transportiert und dort deponiert.

Auch finanziell auf Kurs
Nun befindet sich das Bauwerk in der Endphase. «Die Rohbauarbeiten am Doppelspurtunnel sind vollständig und der Einbau der Bahntechnik nahezu abgeschlossen», teilt SBB-Mediensprecher Martin Meier, auf Anfrage von fricktal.info mit. Das Projekt habe glücklicherweise bisher ohne grössere Zwischenfälle umgesetzt werden können. Die Corona-Pandemie verursachte zwar einen Stillstand auf der Baustelle vom 20. März bis 14. April. Dies habe allerdings zu keinen Verzögerungen im Bauprogramm geführt. Eingehalten werden auch der Kostenrahmen, der auf 350 Millionen Franken veranschlagt war. «Das Projekt ist finanziell auf Kurs und der Kostenrahmen wird voraussichtlich unterschritten», so Meier.
«Zurzeit müssen im neuen Doppelspurtunnel noch die Signalanlagen, sogenannte ETCS-Balisen, eingebaut werden. Auf der freien Strecke wurde im Bahnhof Effingen bereits im letzten Jahr das Gleis 4/44, das künftig als Überholgleis dient, in Betrieb genommen.» Der Testbetrieb, der ausschliesslich im Tunnel stattfindet, läuft von Mai bis Oktober. Diverse Testfahrten dienen der Überprüfung der Fahrbahn, der Fahrleitung und des Lichtraumprofils. Ebenfalls getestet wird der mobile Tunnelfunk (GSM-R). Dieser entspricht einem internationalen Standard für den Eisenbahnfunkverkehr.

Rettungsübung Mitte August
Mitte August findet im neuen Tunnel eine grosse Rettungsübung statt. Dabei werden die Einsatzabläufe für folgendes Szenario durchgespielt: Während Erhaltungsarbeiten kommt es zu einem Unfall auf der Arbeitsstelle. Ein Passagierzug ist involviert. «Bei der Übung werden rund 100 Figuranten eingesetzt», so Meier.
«Ende Oktober/Anfang November werden die beiden Hauptgleise der Bözberglinie an den neuen Doppelspurtunnel eingeschwenkt», erklärt der SBB-Mediensprecher. Dies geschieht an zwei Inbetriebnahme-Wochenenden. Voraussichtlich am 30. Oktober 2020 fährt der letzte Zug durch den alten Bözbergtunnel. Ganz ausgedient hat er danach jedoch nicht, sondern er wird bis Mitte 2022 zu einem Dienst- und Rettungsstollen (DRS) umgebaut. Fünf Notausgänge führen über Querverbindungen vom neuen zum alten Tunnel.

Bereit zum Fahrplanwechsel
Die definitive Inbetriebnahme des neuen Bözbergtunnels ist für den Fahrplanwechsel am 13. Dezember 2020 vorgesehen. Allein durch den Ersatz des bestehenden Tunnels durch den Neubautunnel ändere sich die Zahl der Güterzüge auf der Strecke allerdings (noch) nicht, erklärt der SBB-Mediensprecher. Für die Kapazitätserhöhung seien weitere Ausbauprojekte notwendig, welche dann die Zugfolgezeitenverkürzungen ermöglichen. Die beiden Gleise im neuen Tunnel können künftig mit einer Maximalgeschwindigkeit von 125 km/h befahren werden. Auf der freien Strecke wird trotz neuem Fahrleitungsstandard die Geschwindigkeit kaum erhöht werden. Die langgezogene Kurve durchs Dorf Zeihen kann beispielsweise auch künftig mit nicht mehr als 100 km/h befahren werden. Wenn das Zugfolgezeiten-Verkürzungsprojekt realisiert ist, können auf der Strecke Züge künftig im 3-Minuten- anstatt wie bisher im 4-Minuten-Abstand verkehren. Aktuell wird die Strecke täglich von rund 220 Zügen befahren, etwa zwei Drittel davon Güterzüge.

Weniger Lärm dank «Flüsterbremsen»
In Sachen Lärmbelastung soll laut SBB-Mediensprecher Martin Meier trotzdem nicht noch mehr auf die Bevölkerung zukommen. «Auf dem internationalen Güterverkehrskorridor, der die Nordseehäfen mit dem Mittelmeer verbindet, sind die Eisenbahnverkehrsunternehmen seit diesem Jahr verpflichtet, lärmreduzierte Güterwagen mit sogenannten Flüsterbremsen einzusetzen.» Zudem seien auf dem gesamten Projektperimeter Bözberg, also im Tunnel und auf freier Strecke, besohlte Betonschwellen eingebaut worden.
Ein Wehrmutstropfen in Sachen Lärmsanierung bleibt. Zwar hat SBB Cargo das Bremssystem aller 5000 Wagen umbauen lassen und die alten Grauguss-Bremssohlen durch die neuen Kompositsohlen aus Verbundwerkstoffen ausgetauscht. Aber noch nicht alle ausländischen Bahnwagen erfüllen den neuen europäischen Lärmgrenzwert von 83 Dezibel. Schätzungen der SBB zufolge sind noch immer 15 bis 20 Prozent der Wagen, die in die Schweiz kommen, nicht lärmsaniert. «Heute verweigert SBB Cargo noch keine Züge, obwohl dies theoretisch möglich wäre. Sollte es künftig aufgrund der neuen Gesetzeslage jedoch zu zivilrechtlichen Klagen gegen die Bahn kommen, müsste das Unternehmen solche Züge vor der Grenze stoppen», schreibt SBB Cargo auf ihrer Website.

Unsere Bilder: Der Testbetrieb im neuen, mit modernster Technik ausgestatteten Bözbergtunnel ist angelaufen. Fotos: zVg
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