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Ganz allein vor leeren Kirchenbänken: Das war auch für Leszek Ruszkowski, Pfarrer der reformierten Kirchgemeinde Region Rheinfelden, eine neue Erfahrung. Am vergangenen Sonntag, in den Zeiten von Corona, hielt er zum ersten Mal einen Online-Gottesdienst ab.

HANS CHRISTOF WAGNER

 

Die Reformierten aus dem unteren Fricktal haben sich bei der Premiere am vergangenen Sonntag sogar für einen Live-Gottesdienst entschieden. Er wird also zu der auch sonst üblichen Gottesdienstzeit, um 10 Uhr, online übertragen. Drei Kameras sind im Einsatz. Eine fokussiert auf Ruszkowski, eine zweite nimmt den Altarraum in den Blick, eine dritte überträgt Bilder von der Empore, auf der Pfarrer Andreas Fischer und Jutta Wurm-Fischer Lieder singen und Nina Haugen an der Orgel sitzt, um beide zu begleiten.

Ruszkowski spricht angesichts von Corona von besonderen Zeiten, von Isolierung und Einsamkeit. Er stehe alleine am Altar. Und doch verspüre er ein Gefühl der Verbundenheit mit den Gläubigen zuhause. Ruszkowski geht auf die Frage ein, was in diesen Zeiten normal ist und was nicht. Die Gefahr gehe von einem unsichtbaren Virus aus und wir müssten denjenigen glauben, die uns vor dessen Gefahren warnen. Dürfen wir das Unsichtbare ignorieren? «Skeptiker brauchen Bilder, um zu glauben», führt der Pfarrer aus. Und die Bilder vom Virus gebe es ja auch. Corona sei mit vielen Bildern verbunden: Menschen auf Intensivstationen, mit Schutzmasken, Ärzte und Pflegepersonal am Limit.

Ein «fast durchsichtiger Schleier» liege auf dem Land. Ein Schleier, der auch andere globale Probleme in einem anderen Licht erscheinen lasse – Millionen von Hungertoten, Tausende von Flüchtlingen in Griechenland und der Türkei. Und der Pfarrer blickt schon in die Zukunft, in die Zeit nach Corona. Fragt: «Werden wir die Rückkehr zum Business as usual erleben, werden Isolation und Abgrenzung bleiben? Oder werden sich Solidarität und Mitgefühl, wie sie jetzt in den Zeiten von Corona auch zu beobachten sind, durchsetzen?»
Was da am Sonntag in Rheinfelden passierte, war wohl eine Aargauer Uraufführung. «Es gibt jetzt zwar verstärkt Gottesdienst im Fernsehen», berichtet Ruszkowski. Aber im Internet und auch noch live sei schon einzigartig. «Den Gedanken, das umzusetzen, habe ich schon lange mit mir herumgetragen. Aber erst die Corona-Krise gab den Ausschlag.»

Vielleicht ist auch kein zweiter Fricktaler Pfarrer so technikaffin wie Ruszkowski, im Nebenjob Filmemacher, dessen jüngste Produktion über die Rolle der Kirchen beim Genozid in Ruanda auch schon im Kino in Frick lief. So brachte der Pfarrer auch die drei Kameras aus Privatbesitz mit. Er sagt: «Ich habe viel Erfahrung hinter der Kamera, aber fast keine davor. Im heutigen Gottesdienst kam beides zusammen. Gleichzeitig die Kameras zu bedienen und in die Kamera zu sprechen, war neu.» Noch komplizierter sei der gute Ton gewesen, mit je einem Mikrofon für ihn, die Solisten und die Orgel. Die Tonquellen von der Empore hätten mit einem Mischpult in Ausgleich gebracht werden müssen. Ruszkowski: «Dass man Herzblut reinsteckt und nicht auf die Schnelle den Leuten etwas Halbherziges anbietet, muss man auch beim Streaming spüren. Da bin ich zu anspruchsvoll.»

Auf rund 80 internetfähigen Geräten sei der Live-Gottesdienst am Sonntag betrachtet worden, weiss der Pfarrer, sicher auch von mehreren Personen gleichzeitig. Weitere 50 Personen hätten zeitversetzt zugeschaut (Stand Sonntag, 22.30 Uhr) Noch ein paar Tage ist das Video auf der Homepage der Kirchgemeinde abrufbar.

Und am kommenden Sonntag, 10 Uhr, kommt schon der nächste Online-Gottesdienst, dann aus Kaiseraugst übertragen, mit Pfarrer Andreas Fischer vor und Ruszkowski hinter der Kamera. Weitermachen mit Kirche aus dem Internet will die reformierte Kirchgemeinde Region Rheinfelden auch in der Karwoche und über Ostern.
www.ref-rheinfelden.ch

Bild: Ganz allein vorne währen der Übertragung des Online-Gottesdienstes aus der Rheinfelder reformierten Kirche stand Pfarrer Leszek Ruszkowski. Die Kirchenbänke waren leer, nur auf der Empore befanden sich noch Leute. Foto: zVg

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