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Ein besonderer Anblick: Passanten oder Spaziergänger bleiben stehen, Autofahrer halten an, um den vorbeiziehenden Wanderhirten mit seinen Schafen zu fotografieren. Für viele Menschen ein Bild wie aus einem anderen Leben – in einer Zeit, «in der die Welt gerade aus den Fugen zu geraten scheint.»

MARIANNE VETTER

 Hans van der Graaff ist seit 23 Jahren Schafhirte und wandert von Mitte November bis März mit seinen Tieren kreuz und quer durch die Schweiz. Vergangene Woche war er mit seiner Herde im Fricktal unterwegs. Das Corona-Virus tangiert sein Leben noch nicht. Wann und wie es weitergeht, bestimmen in erster Linie die Vierbeiner.

«Wenn es nicht mehr genügend schmackhaftes Gras gibt, meckern die Schafe. Dann weiss ich, es ist Zeit, weiterzuziehen. Die Herde braucht Abwechslung, nur so kann sie bei Laune gehalten werden», erzählt er mit einem Lächeln im Gesicht. Und er fügt an: «Frisches Gras gibt es in diesem Winter genügend.»

 Hans van der Graaff kennt seine Schützlinge genau. Jede Bewegung der Schafe wird registriert. Immer wieder ruft er seinen Hunden Befehle zu, um die Herde im Zaum zu halten. Dabei strahlt er eine unglaubliche Ruhe aus. Dennoch, auch er kennt Stress. – Stress, wenn er mit seinen Schafen an einer dicht befahrenen Strasse unterwegs ist und Autofahrer mit hohem Tempo an der Herde «vorbeibrettern», ohne Rücksicht auf die Tiere zu nehmen. Angst habe er dabei auch um die Hunde, die nicht an Verkehr gewöhnt seien. «Bis jetzt habe ich immer Glück gehabt», hält er mit kurzem Blick nach oben fest.

 

 Damit ein Hirte mit seiner Herde über eine Weide ziehen darf, braucht es die Bewilligung des Kantons und auch der Bauer, dem das Land gehört, muss seine Erlaubnis geben. Als erfahrener Hirte weiss Hans van der Graaff, wo er erwünscht ist und wo nicht. Im Fricktal sei er aber immer herzlich willkommen, «ich habe einen guten Draht zu den Bauern», erzählt der gebürtige Holländer. «Auf einem Hof wartet bei meiner Ankunft bereits eine warme Mahlzeit, auf einem anderen Stück Land bringt der Bauer das Zvieri auf die Weide».

 

 Doch es gebe auch Bauern, die den Wanderhirten nicht so wohlgesonnen seien. Zu Unrecht, so van der Graaff, denn das Wandern von Weide zu Weide nutze auch den Bauern. «Die leichten Tritte der Schafe massieren den Boden regelrecht und fördern so im Frühling das Wachstum und die Bestockung des Grases. Wanderhirten leisten einen wichtigen Beitrag für Landschaftspflege und Naturschutz. Das ist nicht jedem bewusst.»

Hans van der Graaff liebt seinen Beruf, auch wenn es manchmal ein Knochenjob ist. Als Wanderschäfer ist er bei Wind und Wetter unterwegs. Nur Idylle sei das nicht. Aber es härte ab und komme der Gesundheit zugute. «Krank bin ich nie», freut er sich.
Die Nächte verbringt der Hirte im Van, seinem kleinen Wohnmobil, – dann, wenn die Herde eingezäunt und die neue Route für den nächsten Tag geplant ist. Frühmorgens ist er bereits wieder bei seinen Schafen, räumt die Zäune ein und belädt seine beiden Esel, um das nächste Weideziel in Angriff zu nehmen.

Doch jetzt geht es erst einmal wieder zurück auf die Sommeralp zu seiner Familie. Die Saison ist zu Ende. «Ich bin dann mal weg», verabschiedet sich Hans van der Graaff, der kommendes Jahr 70 Jahre alt wird. In Rente geht er noch lange nicht. Man glaubt es ihm gern.

 
Bilder: Wanderschäfer Hans van der Graaff mit seiner Herde in Linn / Bözberg. Fotos: Marianne Vetter / Nicole Hübner

 

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