Ein Produkt der mobus 200px

Am Gemeinde-Award (siehe unten) des Juraparks beteiligen sich 18 der insgesamt 28 Mitgliedsgemeinden. Den Gemeinden wird weitgehend freie Hand gelassen, was sie in «ihrem» Schaufenster zeigen wollen und wer es gestaltet. fricktal.info hat in zwei Teilnehmergemeinden vorbeigeschaut und von den Macherinnen erfahren, was sie präsentieren werden. Elisabeth Glaser von der Kulturkommission Zeihen wird das Fenster dem alten Handwerk Strohflechten widmen. Die Künstlerin Lucia Brogle-Finatti und die Fotografin Sandra Handschin haben sich die alte Gipsgrube von Kienberg zum Thema gemacht.

SONJA FASLER HÜBNER

Es ist immer wieder erstaunlich, was alte Dorfgeschichte alles zutage fördert, wenn man sich mit ihr befasst. Die Schaufenster von Zeihen und Kienberg sind beide mit einem alten, beinahe vergessenen Handwerk und dessen Geschichte verknüpft.
Als die Kienberger Künstlerin Lucia Brogge-Finatti von der Gemeinde angefragt wurde, ob sie bei der Gestaltung des Schaufensters dabei wäre, war sie nicht nur sofort begeistert, sondern wusste auch gleich, welchem Thema sie sich widmen wollte: der alten Gipsgrube. Der Keramik-Raku-Künstlerin mit eigenem Atelier, Galerie und Skultpturenweg ist zum einen der Werkstoff Gips nicht unbekannt, arbeitet sie doch regelmässig mit Gipsformen. Zum andern ist sie von Kindheit an fasziniert von der Kienberger Gipsgrube und hat sich intensiv mit deren Geschichte befasst.
Von der Begeisterung anstecken liess sich auch die zweite im Bunde, Sandra Handschin, welche Fotografie studiert hat und seit rund zehn Jahren mit ihrer Familie in Kienberg wohnt. Die beiden kreativen Frauen kannten sich vor ihrem Projekt nur vom Sehen, konnten sich aber auf Anhieb auf ein gemeinsames Ausstellungskonzept einigen.

Die alte Kienberger Gipsgrube
Im Jahr 1844 begann Jakob Rippstein in Kienberg mit der Gipsproduktion. 1929 wurde in der Gipsgrube ob dem Dorf an der Saalstrasse eine Fabrik gebaut. Die «Gipsi», wie man im Dorf nannte, wurde von der «Gipsunion» betrieben. Bis 1976 wurde Gips abgebaut, dann schlossen sich die Fabriktore für immer. Der Abbau lohnte sich nicht mehr. Gips aus dem Ausland konnte günstiger importiert werden. Das rund 7 Hektaren grosse Gebiet der ehemaligen «Gipsi» ist heute eine Trockenwiese und -weide von nationaler Bedeutung und seit 2002 im Besitz der Pro Natura und deren Sektionen Solothurn und Aargau.
Das Gebiet ist ein Musterbeispiel für Artenvielfalt. Obwohl sich die Natur ihren Teil zurückgeholt hat, erinnern die archaisch anmutenden Terrassen noch heute an den Gipsabbau. Um zu verhindern, dass das Naturjuwel verwaldet, leistet im Sommer eine Herde von Pro-Specie-Rara-Ziegen Landschaftspflege.

19 33 Gemeindeaward Gipsi«Die Natur holt sich zurück, was der Mensch ihr zuvor genommen hat. Das fasziniert mich», sagt Lucia Brogle. Gipskristalle, alte Zahnräder, Mikroorganismen, Spinnweben – dies alles hat sie dreidimensional in ihre Keramikobjekte einfliessen lassen und dabei mit einer speziellen Wachsausspartechnik gearbeitet.
Das helle Gipsgestein, die Terrassen und die spezielle Atmosphäre haben auch Sandra Handschin in ihren Bann gezogen. «Das Ganze hat etwas Exotisches an sich», sagt die Fotografin. «Ich möchte mit meinen Bildern einen Eindruck vermitteln, dass auch Leute, welche die Gipsgrube nicht kennen, eine Vorstellung von dem Ort bekommen.»
Das Geheinmnis um die Objekte und Fotografien werden die beiden unter dem Motto «Kienberg bewegt sich» erst bei der Eröffnung des Schaufensters lüften.

Strohflechten war wichtiger Nebenerwerb in Zeihen
«Seit ich bei meiner früheren Nachbarin Marie Hossli ein Holzrädli entdeckt hatte und sie mir sagte, wozu es früher gebraucht wurde, hat mich die Geschichte rund ums Strohflechten gepackt», gesteht Kulturkommissionsmitglied Elisabeht Glaser. Als pensionierte Lehrerin für textiles Werken hat sie ohnehin eine besondere Affinität zu allem Handwerklichen. Marie Hossli, die von 1909 bis 1995 lebte, war nur eine von vielen, die als Kind Strohbänder flechten mussten. «Kinderarbeit» würde man heute sagen. Aber für die damaligen Dorfbewohner, die mit ihren kleinen Landwirtschaftsbetrieben kaum über die Runde kamen, war die Heimarbeit eine willkommene Gelegenheit, einen Zustupf zu verdienen.
Viele Fricktaler Gemeinden pflegten in der Zeit zwischen 1850 und 1930 eine intensive Beziehung zur Strohmetropole Wohlen. Im Freiamt, aber auch in anderen Regionen der Schweiz wurden damals Strohhüte hergestellt. Während ihrer Blütezeit waren bis zu 60 000 Personen in irgendeiner Form für die Freiämter Strohindustrie tätig.

In Nachbargemeinden von Zeihen wurden vor allem Strohschnürchen, sogenannte «Drähtli», hergestellt. Dazu wurden Roggenstrohhalme gespalten, gepresst und in nassem Zustand zu feinen, ca. 25 Zentimeter langen Schnüren gedreht. Das «Rädli-Flechten» galt als Zeiher Spezialität. Die «Stroh-Drähtli» wurden auf verschieden breiten Holzrädern zu Bändern geflochten. Bis vor wenigen Jahren konnten auf Dachböden älterer Zeiher Liegenschaften zuhauf hölzerne, mit Stahlstiften bestückte Flechträdli gefunden werden. Die Heimarbeit wurde seinerzeit von Gottfried Basler koordiniert. Er gab den Heimarbeitern die Roggen-Strohschnürchen und lieferte die fertigen Strohbänder in Wohlen ab. «Aus den in Zeihen gefertigten Strohbändern wurden vor allem Florentiner-Hüte hergestellt», so Elisabeth Glaser. Das Strohflechten führte in Zeihen sogar zu gros-sen Problemen, was den Schulbesuch anbelangte. Alte Gemeindeprotokolle belegen, dass Eltern der Heimarbeit den Vorzug gaben und ihre Kinder kaum mehr in die Schule schickten. Die feinen Kinderhände konnten die Strohschnürchen nun einmal besser verarbeiten als die groben, von der harten Arbeit gezeichneten Finger der Erwachsenen.

10 Rappen Stundenlohn
Es ist heute kaum mehr nachvollziehbar, was die Familien von damals für den kläglichen Stundenlohn von 10 Rappen auf sich nahmen. Im Vergleich: Ein Kilo Kartoffeln kostete damals ca. 14 Rappen. Ein fertiger Damenhut wurde für etwa 3.50 Franken verkauft.
Neue Modeströmungen in den 1930er Jahren bewirkten, dass vor allem Frau kaum mehr Hüte trug. «Die neuen Kurzhaarfrisuren waren nicht mehr huttauglich», weiss Elisabeht Glaser. Hinzu kam, dass nach dem Zweiten Weltkrieg synthetische Fasern das Naturprodukt Stroh zunehmend ersetzten. Heute gibt es in der Schweiz nur noch in Plaffeien ein Strohatelier, wo vor allem Trachenhüte gefertigt werden.
Elisabeth Glaser möchte im Zeiher Schaufenster einen Begriff des alten Handwerks mit alten Strohflechtuntensilien, Rohstoffen und Erzeugnissen vermitteln.

Gemeinde-Award
Der Jurapark Aargau veranstaltet im Rahmen des kommenden Jurapark-Fests einen Wettbewerb – den Gemeinde-Award. Dieser wird am 7. September im Rahmen der Kulturnacht und des gleichzeitig stattfindenden Juraparkfests in Laufenburg verliehen. Die Idee ist, dass die teilnehmenden Gemeinden ein Schaufenster in der Laufenburger Altstadt gestalten. Diese werden am 17. August eröffnet und können dann während vier Wochen frei besichtigt werden. Am Parkfesttag wird eine Jury das schönste Schaufenster küren und mit dem Award belohnen. Als Preis lockt eine Sulzerbank, eine robuste wetterfeste Sitzbank.
www.jurapark-aargau.ch

Unsere Bilder:
Zahlreiche Zeiher Familien verdienten sich früher mit dem Strohflechten, wie es Elisabeth Glaser zeigt, ein Zubrot. Die Strohbänder wurden zu Hüten, wie sie einen trägt, verarbeitet.
Die Künstlerin Lucia Brogle-Finatti wird zusammen mit der Fotografin Sandra Handschin das Kienberger Schaufenster gestalten.
Die alte Gipsgrube ist Teil der Kienberger Geschichte.
Fotos: Sonja Fasler Hübner
Teilen Sie diesen Artikel
Sie haben noch kein Benutzerkonto? Registrieren Sie sich jetzt!

Loggen Sie sich mit Ihrem Konto an