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 Schweizer Kunden können nicht mehr auf der US-Seite des Internet-Händlers Amazon bestellen. Der Konzern will die seit Beginn 2019 geltende Mehrwertsteuerpflicht für Online-Händler im Land nicht akzeptieren. Aber für Schweizer gibt es ja eine Alternative, die schon seit einigen Jahren immer mehr in Anspruch genommen wird: Lieferadressen auf der deutschen Seite des Rheins.

HANS CHRISTOF WAGNER

Kioske und andere kleine Firmen, aber auch solche, die das Paketgeschäft als alleiniges Business anbieten, nehmen an grenznahen Standorten Pakete entgegen, wo sie die Schweizer abholen. Zollgebühren fallen keine an, solange die Sachen nicht mehr als 300 Franken wert sind. Und auch die Mehrwertsteuer kann man sich vom Online-Händler in aller Regel rückerstatten lassen.

10 000. Kunde
Bei mypaketshop in Bad Säckingen geht es zu wie auf einem Postamt einer Grossstadt. Zwischen 800 und 1000 Päckchen und Pakete gehen dort täglich ein und werden von inzwischen zehn Voll- und Teilzeitangestellten bearbeitet. Am 31. Dezember 2018 hat Inhaber und Geschäftsführer Simon Kühn seinen 10 000. Kunden begrüsst, allein 2018 seien 4000 neue hinzugekommen. 120 000 Sendungen gingen vergangenes Jahr bei ihm über den Tresen. Der Deutsche lebt inzwischen ausschliesslich vom Lieferadressen-Gewerbe. 2012 hat er es zu seinem Business gemacht, nachdem er die Jahre davor noch unentgeltlich Online-Sendungen für einen in der Schweiz lebenden Onkel angenommen hatte und das immer mehr wurde. «Zu 99 Prozent sind meine Kunden Bewohner der Schweiz», wie es Kühn formuliert. Das restliche ein Prozent seien Deutsche, die ihrer Post nicht vertrauten oder aus anderen Gründen sich ihre Sendungen zu Kühn liefern lassen.

Kunde aus Gränichen
Rolf Fäh aus Gränichen ist einer von Kühns Schweizer Kunden, schon seit fünf Jahren. Er nimmt die 30 Kilometer nach Bad Säckingen gerne auf sich. Seit 2013 hat er schon rund 1400 Sendungen bei Kühn abgeholt. «Ich restauriere Töffs und bestelle daher viel im Internet», berichtet er. Und: «Wenn ich mir das direkt in die Schweiz würde liefern lassen, kostet mich das doppelt so viel.» Zoll, der bei der direkten Belieferung schon ab einem Warenwert von 62 Franken (Bücher: 200 Franken) anfällt, die Mehrwertsteuer (ab 65 Franken) und Bearbeitungsgebühren seien an der Teuerung schuld. Zudem liege auch schon allein das Porto bei direkter Lieferung in die Schweiz deutlich höher, rechnet Kühn vor. Zu 70 Prozent stammten seine Kunden aus dem Aargau. Aber es seien auch welche aus Solothurn, Zug, Basel-Stadt und -Land sowie sogar dem Tessin darunter. Viele warteten, bis sie mehrere Sendungen abholen könnten oder würden die Abholung mit einem sonstigen Einkaufsbummel oder einem Kurzurlaub verbinden.

Ganze Paletten
Kunden müssen sich bei mypaketshop registrieren und können dann gegenüber dem Online-Händler die Adresse Wallbacher Strasse 5, Bad Säckingen angeben. Ist die Sendung dort eingetroffen, werden sie per Mail oder SMS darüber benachrichtigt und können das Paket innert einer Frist von 30 Tagen abholen. Sie zahlen dafür, je nach Grösse zwischen 1,50 und 45 Euro Gebühr. Ganze Paletten kann Kühn in seinem 300-Quadratmeter-Lager annehmen, das auch über eine LKW-Laderampe verfügt. So lassen Schweizer dorthin auch Elektro-Grossgeräte oder Küchen liefern. Kühn: «Wir hatten schon alles hier, sogar komplette Autos.»

Im Nebenerwerb
Doch nicht alle Anbieter von Liefershops für Schweizer Paketempfänger können eine solche Logistik anbieten. «Der Grossteil unserer heute rund 50 Shops zwischen Weil am Rhein und Lindau am Bodensee macht das als Nebenverdienst», sagt Michael Aust, Geschäftsführer des Anbieters Grenzpaket.ch, seit 2012 im Lieferadressen-Gewerbe tätig. In Rheinfelden sei es ein IT/Handy-Geschäft, in Laufenburg ein Modeladen, die zusätzlich zu ihrem Hauptgeschäft Pakete für Schweizer annehmen und darauf hoffen, dass diese schliesslich das eine oder andere mehr kaufen. Sie versprechen sich mit der Teilnahme eine höhere Kundenfrequenz für ihre Geschäfte. Doch die Logistik für die Lagerung und die Abwicklung der Sendungen muss gegeben sein. Bei Simon Kühn mit seinem in einem Säckinger Industriegebiet gelegenen Unternehmen ist am Freitag und Samstag das meiste los. «Dann können die Parkplätze schon mal knapp werden», erzählt er. Auch vor Weihnachten brumme das Geschäft regelmässig.

mypaketshop, Grenzpaket, swisspaket mit Shops in Rheinfelden und Laufenburg, europaketshop mit einer Filiale in Laufenburg, Deutsche Lieferadresse (Filiale in Rheinfelden) – die Zahl der Anbieter im grenznahen deutschen Raum wird immer zahlreicher. Grenzpaket schliesst eine weitere Expansion nicht aus, sehen im Markt noch Luft. «Das hängt vom weiteren Einkaufsverhalten der Schweizer ab», sagt Michael Aust. Aber mit der jetzt gültigen Mehrwertsteuerpflicht für Online-Händler in der Schweiz geht er davon aus, dass die Zahl seiner Kunden noch steigen wird.

Bild: Simon Kühn aus Bad Säckingen ist im Grenzpaket-Geschäft tätig. Foto: Hans Christof Wagner
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