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Wollen die KISS-Zeitvorsorge im Fricktal ins Leben rufen: Initiantin Marion Pfister und Hansueli Bühler; im Mehrzweckraum der Alterswohnungen im Rheinfels Park (Hintergrund) soll ab April ein monatliches KISS-Kaffee stattfinden.  Foto: Jörg WägliAHV, Pensionskasse, 3. Säule, angespartes Vermögen – finanziell sorgen wir fürs Alter vor. Doch wie sieht es mit der «Zeit» aus? Hat im Alter jemand Zeit für uns, kann uns bei Alltäglichem, das nicht mehr so leicht von der Hand geht, zur Seite stehen, uns begleiten? Eine «Zeitvorsorge» wäre hier gefragt, so wie sie Initiantin Marion Pfister aus Stein zusammen mit ihren Mitstreitern noch in diesem Jahr ins Leben rufen möchte. Geplant ist die «KISS-Zeitvorsorge im Fricktal».

JÖRG WÄGLI

Die meisten Menschen möchten so lange wie möglich zuhause in ihrem gewohnten Umfeld leben und alt werden. Der Eintritt in ein Pflegeheim soll verzögert oder gar verhindert werden. Früher oder später sind jedoch viele der betagten Menschen zuhause auf Unterstützung angewiesen. In erster Linie leistet hier die Spitex die gewünschte Hilfe. Ergänzend stehen die Dienstleistungen der Pro Senectute und in vielen Gemeinden auch Mahlzeitendienste und periodische Mittagstische zur Verfügung. Eine Lücke zeigt sich jedoch in der Regel in den Bereichen Betreuung und Begleitung. Diese Lücke soll im Fricktal mit der KISS-Nachbarschaftshilfe geschlossen werden. KISS steht für «Keep it small and simple», also klein und einfach.
Im Internet ist Marion Pfister, Mitglied der Steiner Schulpflege und Mitglied des Stiftungsrates der Stiftung für Krankenpflege in Stein, auf den 2010 begründeten Verein KISS Schweiz gestossen. Begeistert von dessen Idee der «Zeitvorsorge», einer Art «4. geldfreie Vorsorgesäule», holte sie als Erstes Hansueli Bühler, den politerfahrenen alt Grossrat und alt Gemeindeammann sowie ehemaligen Präsidenten des Planungsverbandes Fricktal Regio an Bord, um die Idee einer «KISS-Zeitvorsorge im Fricktal» weiterzuverfolgen.

Bestehende Angebote ergänzen, nicht konkurrenzieren
Bei der «KISS-Zeitvorsorge» geht es um eine unkomplizierte Begleitung, Betreuung und einfache Nachbarschaftshilfe. Mit Tätigkeiten wie beispielsweise Spazierengehen, Hilfe beim Einkaufen, Kochen oder Zeit haben zum Vorlesen oder für Gespräche und Kaffee trinken sollen andere Menschen unterstützt werden. «Tätigkeiten, für die professionelle Institutionen in der Regel keine oder sehr wenig Zeit haben», erklärt Marion Pfister, als sie zusammen mit Hansueli Bühler fricktal.info über das Projekt informiert. Die Tätigkeiten sollen also bestehende Angebote ergänzen. «Und keinesfalls konkurrenzieren», wie Hansueli Bühler betont. Gerade in der heutigen Zeit, wo eine Vereinsamung und soziale Isolation leider immer häufiger anzutreffen seien, brauche es viele unterstützende Angebote, sind die beiden überzeugt.

Für Menschen jeden Alters
Die KISS-Nachbarschaftshilfe funktioniert generationenübergreifend und mit Zeitgutschriften und ist für Menschen jeden Alters zugänglich. Mann oder Frau hilft regelmässig anderen Personen und erhält dafür die entsprechende Stundenzahl gutgeschrieben. Sofort oder auch Jahre später kann dann das so entstandene Guthaben eingelöst und für sich selbst Unterstützung beansprucht werden. Gerade ältere oder behinderte Mitmenschen können hier profitieren und so kann KISS einen wesentlichen Beitrag leisten, dass Menschen auch im Alter noch alleine zurechtkommen, ohne sich einsam zu fühlen.

Nicht einfach «Gratis-Hilfe»
«Die Zeitgutschriften sollen allerdings nicht im Vordergrund stehen», relativiert Hansueli Bühler. Darauf verzichten möchte man aber auch nicht, denn: «Es ist für eine Person einfacher, Hilfe oder Unterstützung in Anspruch zu nehmen, wenn sie weiss, dass der Helfende dies nicht ganz gratis tun muss», erklärt Ma­rion Pfister. Das System ist einfach: Wer eine Stunde Hilfe leistet, erhält eine Stunde auf seinem persönlichen Zeitkonto gutgeschrieben. Dabei werden Benevol-Standards (Benevol Schweiz ist die nationale Dachorganisation der regionalen Fachstellen für freiwilliges Engagement) berücksichtigt und es dürfen pro Person im Schnitt maximal sechs Stunden pro Woche gutgeschrieben werden.
Die nachbarschaftliche Hilfe mit Zeitgutschrift funktioniert bereits in einem Dutzend regionalen Genossenschaften in der ganzen Deutschschweiz. Weitere sind im Entstehen. Im Aargau bieten bereits die Regionen Oberfreiamt sowie Reusstal-Mutschellen die Möglichkeit der Nachbarschaftshilfe mit Zeitgutschriften an. Vier weitere Regionen sind im Aufbau – darunter auch jene für das Fricktal.
Zudem existiert der Förderverein KISS Kanton Aargau, der im Kanton Aargau flächendeckend den Aufbau, Unterhalt und Betrieb des geldfreien Zeittauschmodells KISS anstrebt. Und eine Erfahrung der bereits aktiven KISS-Organisationen zeigt: Das Modell funktioniert und es können rund 30 Prozent mehr Personen für die Freiwilligenarbeit gewonnen werden.

Auf der Internetseite von KISS Schweiz hat der Förderverein Fricktal bereits seinen ersten Internetauftritt (http://www.kiss-zeit.ch/index.php/kiss-fricktal.html)Förderverein KISS Fricktal gegründet
Nach den nötigen Recherchen und ersten Abklärungen haben Marion Pfister und Hansueli Bühler letzten Sommer, am 16. August, zusammen mit Sabine Datz, Stein (Mitglied der Finanzkommission) und CVP-Grossrat Alfons P. Kaufmann aus Wallbach, den Förderverein KISS Fricktal gegründet. «Er soll als Plattform für den Aufbau der regionalen Organisation dienen», erklärt Marion Pfister. «Und als erste offizielle Anlaufstelle», ergänzt Hansueli Bühler. So hat der Förderverein bereits Antrag auf Fördergelder beim Swisslos-Fonds Aargau eingereicht. Und: «Wir suchen die Gespräche mit vielen Institutionen und Vereinen, um eine Zusammenarbeit aufzugleisen sowie für finanzielle Unterstützung», erklärt Hans­ueli Bühler. Denn obwohl die KISS-Zeitvorsorge auf dem Prinzip der Freiwilligenarbeit basiert, ganz ohne finanzielle Mittel geht es nicht. Und so werden, neben dem Gesuch beim Swisslos-Fonds Aargau, derzeit Spendengelder für die Anschubfinanzierung gesammelt. Finanzielle Starthilfe in Aussicht gestellt haben bereits KISS Schweiz sowie die römisch-katholische Kirche im Aargau. «Ebenfalls finden in nächster Zeit Gespräche mit den Gemeinden statt», so Hansueli Bühler. In anderen Regionen funktioniere die Unterstützung durch die Gemeinden bereits. «Die Investition in den Betrieb einer KISS-Genossenschaft lohnt sich für die Gemeinden durchaus», ist der Steiner alt Gemeindeammann überzeugt, da diese durch verhinderte oder verzögerte Pflegeheimeintritte um ein Mehrfaches kompensiert werde und so die Gemeindefinanzen unter dem Strich entlaste. Dies habe durch eine Studie bereits belegt werden können.

Professionelle Koordinationsstelle
Kosten werden sowohl beim Ausbau wie beim Betrieb der KISS-Zeitvorsorge im Fricktal entstehen, beispielsweise für die Zeitvorsorge-Software, für eine Website, den Druck von Prospekten, Versicherungen usw. Und es braucht eine professionell besetzte Melde- und Koordinationsstelle, die nicht nur die persönlichen Zeitkonten der Mitglieder verwaltet, sondern vor allem auch die Menschen zusammenbringt. «Idealerweise entstehen Tandems, erklärt Marion Pfister. Zweier­teams also, die zusammenpassen und bei denen sich benötigte Unterstützung mit der angebotenen Hilfe decken. «Dabei sollen die unterstützenden Personen das tun können, was sie gerne tun», sagt Pfister.

Monatliches KISS-Kaffee
Entsprechend brauche es ein gewisses Potenzial an Hilfe anbietenden Personen, um ein möglichst breites Spektrum abdecken zu können. Seine Fühler will der Trägerverein vorerst im Mittleren Fricktal ausstrecken. Konkret ist in Stein ab April ein monatliches KISS-Kaffee geplant, das in den Gemeinschaftsräumlichkeiten der Überbauung Rheinfels Park (Seniorenwohnungen) stattfinden wird. «Hier können sich Interessierte unverbindlich über den Stand des Projekts und das weitere Vorgehen informieren», erklärt Marion Pfister: «Die Termine werden jeweils im fricktal.info unter den Gemeinde- und Vereinsnachrichten publiziert.» Diese KISS-Kaffees werden einerseits dazu dienen, Angebot und Nachfrage für die regionalen Gegebenheiten des Fricktals zu verifizieren. Ziel ist es aber auch, weitere Interessierte zu finden, die das Projekt mittragen.

Gründung noch dieses Jahr
«Seit Beginn der Idee sind immer wieder Personen dazu gestossen, welche bereit sind, als Mitglied bei einer Genossenschaft oder einem Verein mitzumachen oder beim Aufbau mitzuhelfen», freut sich Marion Pfister. Aktuell hätten sich bereits 17 Personen bereit erklärt, Genossenschafts- oder Vereinsmitglied zu werden. In allen Fricktaler Gemeinden braucht es aber noch weitere Unterstützung, damit die Gründung der KISS-Zeitvorsorge im Fricktal zeitnah möglich wird. Ziel ist es, noch in diesem Jahr die lokale Trägerschaft – als Genossenschaft oder allenfalls als Verein – zu gründen – und diese vom Mittleren Fricktal nach und nach auf das ganze Fricktal auszudehnen.

Unsere Bilder
Erstes Bild: Wollen die KISS-Zeitvorsorge im Fricktal ins Leben rufen: Initiantin Marion Pfister und Hansueli Bühler; im Mehrzweckraum der Alterswohnungen im Rheinfels Park (Hintergrund) soll ab April ein monatliches KISS-Kaffee stattfinden. Foto: Jörg Wägli
Zweites Bild: Auf der Internetseite von KISS Schweiz hat der Förderverein Fricktal bereits seinen ersten Internetauftritt (http://www.kiss-zeit.ch/index.php/kiss-fricktal.html)

 

Wer macht mit?

Wer interessiert ist am Zeitvorsorgemodell und sich noch eingehender über den Aufbau im Fricktal informieren möchte, kann sich mit folgenden Personen in Verbindung setzen:

• Marion Pfister, Rüchligstras­se 39b, Stein, Tel. 076 565 03 60, E-Mail:

• Hansueli Bühler, Bäumli­ackerstrasse 29, Stein, Tel. 062 873 34 74, E-Mail:

Weitere Informationen sind auch auf der Website von KISS Schweiz (Rubrik Genossenschaften ➞ Genossenschaften im Aufbau) zu finden auf

www.kiss-zeit.ch

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