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Gansingen

Zur Bundesfeier in Gansingen kam Nationalrat Benjamin Giezendanner als Festredner

Sehr geehrter Herr Gemeindeamann
Geschätzte Gemeinderäte
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger
«Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr. Wir wollen
frei sein, wie die Väter waren, eher den Tod, als in der Knechtschaft leben. Wir wollen trauen
auf den höchsten Gott und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen».
Mit diesen Worten beschrieb Friedrich Schiller die Kulisse rund um den Rütlischwur. Eine
wunderbare und feierliche Kulisse hat mich heute in Gansingen erwartet und die Vorfreude
von meiner Familie und mir hat sich in den letzten Wochen und Tagen stetig gesteigert.
Deshalb danke ich Ihnen herzlich für die Einladung mit Ihnen den Tag der Bundesfeier
verbringen zu dürfen.
Im Unterschied zu unseren Nachbarländern begehen wir heute den Geburtstag der
Eidgenossenschaft als Bundesfeier und nicht als Nationalfeiertag. Dabei halten wir auch keine
zentralen Feierlichkeiten im politischen Machtzentrum der Nation ab, sondern versammeln uns
in unseren Gemeinden mit unseren Nachbarn, landauf landab. Wir gedenken dabei nicht an
einen heroischen Sieg über eine militärisch unterlegene Macht oder zeigen mittels
militärischen Paraden und Defilees unsere Stärke gegen aussen. Wir gedenken heute unseren
Vorfahren, welche in Zeiten, wo rundum Krieg herrschte, den Grundstein für einen
wunderbaren Sonderfall – die Schweiz – legten. In Zeiten, in denen es Mut und Standfestigkeit
brauchte, um sich zu exponieren. Bundesfeier heisst für mich deshalb immer zuerst
Wertschätzung und Dankbarkeit gegenüber den Vorgenerationen.
Am 1. August 1291 auf der Rütliwiese am Vierwaldstättersee versammelten sich Gesandte
aus den Urkantonen Uri, Schwyz und Unterwalden um den «ewigen Bund» zu besiegeln.
Damals war das oberste Ziel des Bundes, wie der eingangs erwähnte Abschnitt von Schiller
darlegt, die Abwehr der Habsburger und ihrer Vögte und die Bewahrung der Freiheit vor
jeglicher Fürstenherrschaft. Ausserdem besiegelten Vorfahren im selben Brief, dass wir in
unseren Tälern keine fremden Richter und Herren dulden.
Die Botschaft des gemeinsam gezeichneten Bundesbriefes, dieses Schutzbündnisses, von
1291, gilt für die Schweiz noch heute und erscheint uns brandaktuell. Ohne Freiheit gibt es
keine Selbstbestimmung und ohne Sicherheit keinen Wohlstand. Unsere Freiheit ist keine
Es gilt das gesprochene Wort
Selbstverständlichkeit. Sie muss immer wieder verteidigt werden, gegen Druckversuche von
aussen – aber auch von innen. Gegen all jene, welche den oder die Einzelne bevormunden
und die direkte Demokratie aushebeln wollen. Deshalb will ich mit der heutigen Rede auch
betonen, dass unsere Werte nicht verhandelbar sind.
Der Weg vom Bund der Eidgenossen zur modernen Eidgenossenschaft von 1848 dauerte
Jahrhunderte und war teilweise auch durch blutige kriegerischen Auseinandersetzungen
entstanden. Wir feiern, dass wir unsere eigene Verfassung und unsere eigenen Gesetze
haben, die uns nicht verordnet, sondern von uns selbst beschlossen werden. Dabei sollten wir
dafür kämpfen, dass die Bundesverfassung die massgebende Rechtsquelle der Schweiz bleibt
und unsere Volksentscheide seitens supranationaler Bündnisse respektiert werden.
Möglicherweise dürfen wir am 730. Geburtstag der Eidgenossenschaft noch zusätzlich
anstossen, da unser Bundesrat genau in diesem Jahr den Mut und die Weitsicht hatte, eine
institutionelle Anbindung an Europa zu verwerfen und die vorgenannten Werte und
Eigenschaften auch weiterhin hochzuhalten. Der Kampf der Freiheit und Unabhängigkeit wird
auch in Zukunft präsent sein und uns Bürgern viel abverlangen. Wir müssen stark bleiben und
Partikularinteressen von Politikerinnen und Politikern die Stirn bieten.
Wir dürfen in einem wunderbaren Land leben, das, verglichen mit unseren Nachbarländern,
sehr gut funktioniert. Bei internationalen Vergleichen von Lebensqualität und –standards
belegt unser Land jeweils einen der Spitzenplätze. Auch die Wirtschaft ist nach wie vor
erfolgreich und kann sich weltweit behaupten. Bester Beleg für diese Aussage ist das
Management der COVID-Krise. Viele von uns mögen nicht mit allen Massnahmen
einverstanden sein und hätten punktuell anders gehandelt. Jedoch haben wir die Krise besser
gemeistert als die direkten Nachbarländer. Auch Hinsichtlich der direkten Demokratie dürfen
wir festhalten, dass die Schweiz als einziges Land über die Massnahmen abstimmen konnte
respektive nochmals abstimmen wird. In unserem Land entwickelte sich im Laufe der
Jahrhunderte ein Staatsverständnis, das sich von unseren Nachbarn unterscheidet. Der
schweizerische Staat gewährt seinen Bürgern hohe individuelle Freiheiten und überträgt uns
im Gegenzug auch grosse Verantwortung. Gleichwohl müssen wir uns immer vor Augen
halten, dass Eingriffe in die Grundrechte nicht prophylaktisch aufgrund von Annahmen,
Mutmassungen und schlechten Prognosen seitens der Wissenschaft geduldet werden können.
Dass die Schweiz noch heute besteht, ist von der Geschichte her betrachtet keine
Selbstverständlichkeit. Unser politisches System ist kein Geschenk des Himmels, sie ist
hervorgegangen aus jahrhundertlagen blutigen Kämpfen und Veränderungen.
Nach innen musste sich die Schweiz immer wiederfinden und zusammenraufen und nach
aussen zusammenhalten, um gegen Mächtigere bestehen zu können. Zu unserer Geschichte
gehören blutige Bürgerkriege und mehr als einmal drohte das Gebilde der Eidgenossenschaft
daran zu zerbrechen. Ende des 18. Jahrhunderts regierten die Franzosen und drückten der
damals erstarten Eidgenossenschaft neue Strukturen auf, die sich rückblickend nicht nur als
Nachteil herausstellten. Schliesslich resultierte der Kanton Aargau aus der Mediationsakte von
1803 in der heutigen Form und sollte ein friedensstiftendes Bollwerk zwischen den beiden
Mächten aus Zürich und Bern bilden.
Wir sind somit ein dekretiertes Konstrukt, bestehend aus den unterschiedlichsten Regionen
und für ein einziges Mal, dürfen wir als Aargauer und Aargauerinnen etwas Gutes in der
Planbarkeit von Napoleon sehen. In meiner Funktion als Nationalrat kann ich die regionale
Vielfältigkeit des Landes während den Sessionen in Bern hautnah spüren. So unterschiedlich
sich die Regionen und Kantone auch präsentieren, so gross ist aber mittlerweile der Wille des
Zusammenhalts in unserem Land. Mit zunehmender Kadenz schliessen sich die Gräben
zwischen den Sprachregionen und ein gemeinsamer Konsens zeigt sich von Basel bis Chiasso
und von Genf bis Kreuzlingen. Gebrochen wird dieser neue Zusammenhalt punktuell durch die
Städte, was uns beunruhigen sollte. Die vorwiegend realistätsfremde Stadtbevölkerung denkt,
sie könne auf die Landbevölkerung herabschauen und sie belächeln. Ich bin überzeugt, dass
auch dieses Segment mit zunehmend leeren Kassen wieder näher an die schweizerischen
Werte rückt. Wir sind auch Schweizerinnen und Schweizer und zu Recht stolz darauf!
Unsere Vorfahren haben uns in den 730. Jahren ein grossartiges Erbe hinterlassen, welches
wir durchaus feiern dürfen. Getrost könnten wir selbstzufrieden zurücklehnen und von diesem
Erbe zerren, doch wir Schweizerinnen und Schweizer wollen mit den 1. Augustfeiern stets
daran denken, wie hart diese Errungenschaft von unseren Vorfahren erkämpft werden musste
und daran denken, was die Freiheit bedeutet. Spätestens seit diesem und letztem Jahr wissen
wir alle, wie sich Beschränkungen der individuellen Freiheit anfühlen. Die Schweiz muss dafür
kämpfen, dass dies nicht zu der Regel wird!
In welche Richtung uns der Weg führt, entscheiden wir noch immer eigenständig. Wir sind
konfrontiert mit hohen, aber überwindbaren Hürden. Generell ist der Sinn für Lösungen im
Allgemeininteresse in letzter Zeit nicht etwa grösser und die Anspruchsmentalität der
einzelnen nicht kleiner geworden. Unser politisches System mit seinen direktdemokratischen
Einwirkungsmöglichkeiten wird besonders gefordert sein. Und die politischen Behörden
müssen Lösungen suchen und finden, und dabei ein Ausgleich der unterschiedlichen
Interessen erreichen. Die Eidgenossenschaft ist eine Willensnation, die 26 Kantone und Ihre
Vertreter dürfen nicht nur Vertreter ihrer Region sein, sondern als Verantwortungsträger für die
ganze Schweiz handeln. Somit wird der gemeinsame Heimatsinn auch weiterwachsen und
soweit ich es überblicken kann, ist dies in den letzten Jahren wieder vermehrt der Fall. Wir alle
sind wieder sehr stolz Schweizer und Schweizerin zu sein.
Mein Stolz verbindet sich mit tiefer Dankbarkeit. Ich darf ein Land erleben, das mir eigentlich
alles bietet. Ich erlebe eine Bevölkerung die arbeitsam, zuverlässig und grosszügig ist. Liebe
Gansingerinnen und Gansinger gemeinsam mit Ihnen trage ich gerne für dieses wunderbare
Land die Verantwortung mit, gemeinsam macht bekanntlich stark! Gleich welcher Partei sie
angehören, wir alle wollen das Gleiche: unsere sozial gerechte und lebenswerte Schweiz.
Engagieren wir uns gemeinsam dafür.

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